EU-Jugendstrategie / Jugendforschung

So fern, so nah: Junge Menschen wollen politische Mitbestimmung

Ein Stapel Papier
Bild: Nikklas Bildhauer   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-SA 3.0

Nein, sie sind es nicht: Wieder führt ein aktueller Bericht der EACEA vor, dass das auch wissenschaftlich häufig zementierte Urteil, Jugendliche und junge Erwachsene seien politikfern, falsch ist.

Ja, wenig Interesse und dürftiges Wissen über Politik, geringes Vertrauen in die politisch Verantwortlichen, ein wachsender Zynismus gegenüber demokratischen Institutionen können als Indikatoren für schwachen Bürgersinn und politischem Engagement unter Jugendlichen gewertet werden. Aber, nein, so die Argumentation im Bericht "Politische Mitbestimmung und EU-Bürgerschaft: Wahrnehmung und Verhalten junger Menschen", dieses Urteil beachte nur traditionelle Arten politischer Beteiligung an Wahlen oder Parteien.

Für den Bericht wurden mehrere Eurobarometer-Studien des Jahres 2012 ausgewertet, für die in sieben europäischen Ländern junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren nach ihren Vorlieben und Interessen gefragt wurden. Er fasst nicht nur Befragungsergebnisse zusammen, sondern auch weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Lebenslagen und Begründungszusammenhänge zum Verhalten Jugendlicher. Er  wiederholt damit im Wesentlichen die Erkenntnisse, die schon in dem EACEA-Bericht „Youth Participation in Democratic Life“ im  Februar 2013 veröffentlicht wurden.

Mehr Mitbestimmung

Ergebnis: Eine klare Mehrheit der Jugendlichen fordert mehr, nicht weniger, politische Mitbestimmung. Natürlich, so die Autorinnen und Autoren, sie die Rede von „den“ Jugendlichen nicht zulässig. Zu unterschiedlich sind die Lebensbedingungen, politischen Traditionen und Systeme in den einzelnen Ländern. Diese bilden sich auch in der Einstellung von Jugendlichen und ihrem Verhalten ab. Und dann gibt es natürlich auch in einem Land Unterschiede, vor allem nach Geschlecht oder sozio-ökonomischem Status. Männer sind oft aktiver als Frauen, das Wahlverhalten Jugendlicher ist abhängig von Bildung und Einkommen und das politische Verhalten wird durch Gefühle von Ungleichheit und Ausgrenzung beeinflusst.

Neu ist besser

Allerdings bevorzugen junge Menschen neue Formen politischer Partizipation, die offensichtlich quer zu den genannten Kategorien liegen. Neu sind natürlich das Internet und Soziale Medien. Aber Forscherinnen und Forscher  führen auch an, dass einige traditionelle Formen, sich zu Wort zu melden oder einzumischen – Demonstrationen, Proteste, Petitionen, Boykotts – von Jugendlichen umgedeutet und umgenutzt werden. Politische Aktionen werden individualisiert, es gibt mehr ad-hoc-Aktivitäten und junge Menschen äußern sich themenspezifisch. Ihre Interessen sind zudem weniger gebunden an soziale Zuordnungen.

Manche Wissenschaftler machen einen "Generationswandel" von "materialistischen" zu "post-materialistischen" Werten  für das veränderte politische Verhalten verantwortlich. Das Interesse junger Menschen, so die These,  sei eher auf Faktoren von Lebensqualität wie Umweltschutz und Menschenrechte gerichtet.  Daraus ergäben sich mehr themenspezifische, temporäre und kampagnenähnliche politische Aktionsformen. Viele junge Menschen wachsen in mehr als einem Land auf, sie machen die Erfahrung, dass ökonomische Prozesse und soziale Bewegungen die Grenzen überschreiten. Damit erkennen sie, dass der Einfluss nationaler Politiker, Parteien und Parlamente begrenzt ist, was wiederum alternative Beteiligungsformen hervorbringt. Je nach Perspektive fühlen sich Jugendliche damit näher oder ferner zu politischen Entscheidungen: näher und effektiver, weil die Aktivitäten unmittelbarere, sichtbarere Wirkungen haben können, ferner, weil alternative politische Formate weniger Akzeptanz erfahren.

Erfahrungen schaffen!

Werte und Prinzipien demokratischer Beteiligung müssen erfahren werden, wenn sie akzeptiert und übernommen werden sollen. So lernen junge Menschen nicht nur im Schulunterricht etwas über Politik, sondern vor allem durch entsprechende Aktivitäten in Schule, Gemeinde und nicht formalen Angeboten. Folgerichtig fordern die Forscherinnen und Forscher mehr davon und mehr Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber jugendadäquaten Beteiligungsformen. Immerhin, so die Mahnung, dürfe man "ihr Potenzial, politische und soziale Veränderungen hervorzubringen", nicht verspielen.

Quelle: JUGEND für Europa

INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Info-Pool

EU-Jugendstrategie: Umsetzung in Deutschland

  • EU-Jugendstrategie 2019 - 2027
    Europaflagge vor blauen Himmel
    © moonrun - fotolia.com

    Mit der EU-Jugendstrategie legen die Mitgliedsstaaten der EU die Eckpunkte ihrer jugendpolitischen Zusammenarbeit bis zum Jahr 2027 fest. Der Rat hat die EU-Jugendstrategie am 26. November 2018 unter dem Titel „Entschließung des Rates der Europäischen Union und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedsstaaten über einen Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa: Die Jugendstrategie der Europäischen Union 2019-2027“ beschlossen.

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  • Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland
    Wehende Deutschlandfahne vor blauem Himmel
    mwillms - flickr.com

    Gemäß der föderalen Struktur der Bundesrepublik Deutschland sind sowohl der Bund als auch die Länder für die Umsetzung der EU-Jugendstrategie zuständig. Hierfür ergreifen Bund und Länder in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen Maßnahmen unter Einbezug der Akteure der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes sowie junger Menschen selbst.

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  • EU-Jugenddialog
    Logo des EU-Jugenddialogs
    © DBJR

    Junge Menschen haben das Recht, bei Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, gefragt und einbezogen zu werden. Das gilt auch für die europäische Ebene. Die Beteiligung Jugendlicher an der Umsetzung der EU-Jugendstrategie geschah bis Ende 2018 im Rahmen des sogenannten Strukturierten Dialogs mit der Jugend. Seit 2019 heißt der Strukturierte Dialog nun EU-Jugenddialog.

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  • Youth Goals – Europäische Jugendziele
    Gelbes Logo der Youth Goals mit schwarzer Schrift
    Mireille van Bremen

    Die Youth Goals sind in die EU-Jugendstrategie 2019-2027 eingeflossen und damit in den Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa. Verantwortliche aus Politik und Verwaltung auf allen Ebenen sollen die Ziele als Anregung nutzen, um Politik im Sinne junger Menschen zu gestalten.

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  • Mehr Europa in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe
    fünf Hände formen einen Stern
    © tbel - Fotolia.com

    Eine der vorrangigen Zielsetzungen der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland ist es, mehr Europa in die Kinder- und Jugendhilfe zu bringen. Mehr Europa bedeutet, die alltägliche Arbeit in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe europäisch zu denken, zu verstehen und auszugestalten. In der Praxis gibt es bereits vielfältige europäische und internationale Projekte sowie transnationale Arbeitsansätze. Die Erfahrungen zeigen, dass dies eine Bereicherung für die Jugendhilfe darstellt. Der fachliche Mehrwert einer stärkeren europäischen Ausrichtung soll daher kommuniziert und beispielhaft vermittelt werden.

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