EU-Jugendstrategie

JuPiD 2016 – Jugend und Politik im Dialog

Bild: © Łukasz Karaś

Bildungsgerechtigkeit, Digitalisierung und demografischer Wandel: Die Jugendpolitik steht vor großen Herausforderungen. Was in Europa geändert werden muss und was jetzt wichtig wird, diskutierten Jugendliche und Politiker_innen bei der Veranstaltung "JuPiD 2016 – Jugend und Politik im Dialog" in Weimar.

Warum gibt es so wenig Schnellzüge zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik? Wann werden die Schulabschlüsse zwischen den einzelnen Bundesländern endlich angeglichen? Und wie kann volljährigen Geflüchteten ohne formalen Schulabschluss der Zugang zum Bildungssystem erleichtert werden? Die Veranstaltung "JuPiD 2016 – Jugend und Politik im Dialog" in Weimar hat gerade erst angefangen und schon kommen die harten Themen auf den Tisch. Die knapp 40 teilnehmenden Jugendlichen sitzen in Kleingruppen im Raum verteilt, lernen sich gegenseitig kennen und erzählen, welche politischen und gesellschaftlichen Themen sie gerade umtreiben.

Ganz selbstverständlich wird dabei auch auf Englisch diskutiert, denn einige der Teilnehmenden kommen nicht aus Deutschland, sondern aus Afghanistan, Syrien und Estland. Afsana Perzad* aus Kandahar ist vor zehn Monaten nach Deutschland geflüchtet, lebt jetzt in Hamburg und ist über die Hilfsorganisation Plan International bei "JuPiD 2016" gelandet: "Ich wollte einfach sehen, was hier läuft", erzählt die 22-Jährige. "Und natürlich auch verstehen, was die Deutschen denken, zum Beispiel über uns Geflüchtete." Es ist nicht ihr erster Workshop in Deutschland, aber das erste Mal, dass sie mit anderen Jugendlichen über Politik diskutiert. "Ich finde es super, dass wirklich jeder, der Lust hat, zu ‚JuPiD 2016‘ kommen kann. Bei uns in Afghanistan ist das nicht so. Da wird immer ausgewählt: Der darf kommen, die auch, aber die nicht."

Europa ändert sich: durch Migration, aber auch durch den rasanten demografischen Wandel. Passend dazu steht "JuPiD 2016" in diesem Jahr unter dem Thema "Zusammenleben mitgestalten". Bei einer EU-Jugendkonferenz im Oktober 2016 im slowakischen Košice wurden 16 Empfehlungen erarbeitet, wie Europa in Zukunft vielfältiger, vernetzter und inklusiver werden kann. Auf dieser Grundlage erarbeiten die Teilnehmenden konkrete Umsetzungsvorschläge, deren Praxistauglichkeit sie anschließend mit Vertreter_innen der thüringischen Kommunal-, Landes- und Europapolitik diskutieren. Mit dabei sind Matthias Bärwolff (Die Linke | Mitglied des Erfurter Stadtrats), Andreas Bühl (CDU | MdL), Mandy Eißing (Die Linke | Mitglied im Stadtrat von Altenburg und im Kreistag Altenburger Land), Madeleine Henfling (Bündnis 90/Die Grünen | MdL), Dr. Dieter-Lebrecht Koch (CDU | MdEP), Diana Lehmann (SPD | MdL), Michael Bicker (Die Linke) und Christian Foß (Bündnis 90/Die Grünen).

Besonders das Thema psychische Gesundheit liegt vielen Jugendlichen am Herzen. Der Druck in Schule, Studium und Ausbildung sei viel zu hoch. Immer wieder fragen sich die Jugendlichen, warum Politik und Gesellschaft von ihnen fordern, einfach selbstbewusst zu werden und sich an den Leistungsdruck anzupassen. Müsste sich nicht eigentlich die Gesellschaft ändern? Auch was die geografische Vernetzung Europas angeht, müsse sich so einiges bewegen. Perry Lukaszczyk aus Magdeburg legt den Finger in die Wunde: "So gut wie alle Studierenden wissen, dass sie mit Erasmus ins Ausland gehen können. Aber wie viele Auszubildende haben von Leonardo gehört und nutzen das Programm auch?" Der 24-Jährige, der sich im Projekt "Europa geht weiter" der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. engagiert, fordert einen Ausbau von Erasmus+, um das EU-Programm stärker für Jugendliche ohne akademische Bildung zu öffnen.

Die Digitalisierung ist ebenfalls ein großes Thema. Kostenloses W-LAN in ganz Europa fordern einige Teilnehmende bei "JuPiD 2016". In einem zweiten Schritt müssten junge Menschen lernen, wie man online verlässliche Informationen recherchiert und diese kritisch einordnet. Darüber, wie man das Internet in den Schulalltag integrieren kann, gehen die Meinungen – wie auch unter Lehrer_innen, Pädagog_innen und Bildungspolitiker_innen – aber auseinander. In der Diskussion mit den Jugendlichen plädiert Madeleine Henfling von Bündnis 90/Die Grünen für eine entspannte Auseinandersetzung mit neuen Technologien: "Wenn Jugendliche viel auf ihren Tablets spielen, dann muss man eben schauen, wie man das in den Unterricht bringt." Deswegen halte sie auch nichts von einem Handyverbot an Schulen. "Wir brauchen vielmehr eine Zeit in der Schule, in der Jugendliche unter Anleitung von Erwachsenen lernen, wie man kritisch mit digitalen Medien umgeht."

Am Ende der drei Tage in Weimar haben die Jugendlichen nicht nur konkrete Ideen gesammelt, wie das Zusammenleben in Europa verbessert werden kann, sondern auch so einiges über politische Prozesse auf nationaler und europäischer Ebene gelernt. Die Vorschläge der Teilnehmer_innen reisen im März 2017 zur nächsten EU-Jugendkonferenz nach Malta. Doch auch wenn "JuPiD 2016" vorbei ist, sind es die politischen Diskussionen noch lange nicht. Zwischen Tür und Angel verabschieden sich die Jugendlichen, tauschen Facebook-Namen aus und rufen sich letzte Einfälle hinterher. Ob ihre Vorschläge am Ende politische Wirklichkeit werden, kann man jetzt noch nicht sagen. Aber warum warten, wenn man auch einfach machen kann? Viele der Ideen lassen sich ganz einfach in der Schule oder im sozialen Umfeld umsetzen und genau das haben die Jugendlichen nun vor.
*Name von der Redaktion geändert

Quelle: Deutscher Bundesjugendring

INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

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EU-Jugendstrategie: Informationen zur Umsetzung

  • EU-Jugendstrategie 2019 - 2027
    Europaflagge vor blauen Himmel
    © moonrun - fotolia.com

    Mit der EU-Jugendstrategie legen die Mitgliedsstaaten der EU die Eckpunkte ihrer jugendpolitischen Zusammenarbeit bis zum Jahr 2027 fest. Der Rat hat die EU-Jugendstrategie am 26. November 2018 unter dem Titel „Entschließung des Rates der Europäischen Union und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedsstaaten über einen Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa: Die Jugendstrategie der Europäischen Union 2019-2027“ beschlossen.

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  • Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland
    Wehende Deutschlandfahne vor blauem Himmel
    mwillms - flickr.com

    Gemäß der föderalen Struktur der Bundesrepublik Deutschland sind sowohl der Bund als auch die Länder für die Umsetzung der EU-Jugendstrategie zuständig. Hierfür ergreifen Bund und Länder in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen Maßnahmen unter Einbezug der Akteure der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes sowie junger Menschen selbst.

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  • EU-Jugenddialog
    Logo des EU-Jugenddialogs
    © DBJR

    Junge Menschen haben das Recht, bei Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, gefragt und einbezogen zu werden. Das gilt auch für die europäische Ebene. Die Beteiligung Jugendlicher an der Umsetzung der EU-Jugendstrategie geschah bis Ende 2018 im Rahmen des sogenannten Strukturierten Dialogs mit der Jugend. Seit 2019 heißt der Strukturierte Dialog nun EU-Jugenddialog.

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  • Youth Goals – Europäische Jugendziele
    Gelbes Logo der Youth Goals mit schwarzer Schrift
    Mireille van Bremen

    Die Youth Goals sind in die EU-Jugendstrategie 2019-2027 eingeflossen und damit in den Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa. Verantwortliche aus Politik und Verwaltung auf allen Ebenen sollen die Ziele als Anregung nutzen, um Politik im Sinne junger Menschen zu gestalten.

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  • Mehr Europa in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe
    fünf Hände formen einen Stern
    © tbel - Fotolia.com

    Eine der vorrangigen Zielsetzungen der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland ist es, mehr Europa in die Kinder- und Jugendhilfe zu bringen. Mehr Europa bedeutet, die alltägliche Arbeit in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe europäisch zu denken, zu verstehen und auszugestalten. In der Praxis gibt es bereits vielfältige europäische und internationale Projekte sowie transnationale Arbeitsansätze. Die Erfahrungen zeigen, dass dies eine Bereicherung für die Jugendhilfe darstellt. Der fachliche Mehrwert einer stärkeren europäischen Ausrichtung soll daher kommuniziert und beispielhaft vermittelt werden.

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