Kinder- und Jugendhilfetag / Kinder- und Jugendarbeit

Unter Druck: Nationale und gesamteuropäische Anstrengungen nötig

Mehrere junge Erwachsene haben gemeinsam eine gute Zeit.
Bild: © Andriy Petrenko - Fotolia.com

Jugendarbeit hat es in vielen Ländern Europas nicht leicht – und das liegt nicht nur an den verschiedenen aktuellen Krisen. Es fehlt häufig an Unterstützung und Ansehen, wie das Fachforum "Youth Work under pressure" auf dem 16. DJHT zeigte.

Ja, Europa ist zurzeit in einer problematischen Lage. Aber das allein reicht nicht als Begründung dafür, dass die Jugendarbeit in vielen Ländern der EU unter einem ganz gewaltigen Druck steht. Der ist nämlich häufig hausgemacht und hat eine lange unschöne Tradition. Ein Expertenforum machte deutlich, dass es viele nationale und gesamteuropäische Anstrengungen braucht, um zu einer guten Jugendarbeit zu kommen. 

Beispiele gefällig?

Für Polen sprach Przemyslaw Sadura. Er berichtete, dass "nach dem EU-Beitritt lange Zeit alles gut war. Bis zum letzten Regierungswechsel. Seit drei Jahren ändert sich alles." Die Wirtschaftspolitik dominiere das Denken der Machthaber, die Jugendhilfe erhalte dagegen immer schwerer Zugang zu Fördermitteln. Vor allem seien LGBT-Verbände, Anti-Diskriminierungsmaßnahmen, Projekte zur Geschlechtergleichheit betroffen. Die konservativ-katholische Revolution lasse ihre Kinder im Regen stehen, solange sie nicht auf Parteilinie marschierten.

Der Waliser Howard Williamson ist ein Urgestein der britischen Jugendhilfe. Besondere Merkmale sind tiefe Denkerfalten, grauer Zopf, Ohrringe – und ein von jeglichem Respekt vor Obrigkeiten befreites, wunderbar lockeres Mundwerk. "Das Vereinigte Königreich stellt vier Länder – und die verlassen jetzt die EU. I really got pissed off!"

Aber der Brexit sei nicht der Grund für das Desaster vor allem der englischen und irischen Jugendhilfe. “Tony Blair hat die Jugendarbeit echt gehasst, deshalb sind viele Strukturen der Jugendhilfe in England schon lange am Boden zerstört.“ David Cameron habe zwar noch das Jahrzehnt des politischen Aktivismus ausgerufen, das von Leidenschaft und unzähligen Freiwilligendiensten geprägt sein sollte. Aber jeder wisse, dass der Brexit ein Produkt von Camerons farbloser Politik sei.

Und natürlich Griechenland, das Sorgenkind der Europäer. Der nimmermüde Kämpfer für die griechische Jugendarbeit in Europa, Panos Poulos, machte deutlich, dass es staatliche Jugendarbeit in seinem Land "überhaupt nicht gibt. Seit vielen Jahren haben wir institutionelle Schwierigkeiten – klar, weil wir Regierungen haben, die eine Gulaschpolitik machen. Und durch die Finanzkrise fehlen alle nötigen Gelder.“

Also keine Förderung für eine inzwischen komplett eingestellte staatliche Jugendhilfe – es bliebe nur noch Erasmus+. Die gute Nachricht: Lokale NGOs seien seit der Krise eine der tragenden Stützen der Gesellschaft. "Die mussten schon immer mit nur ganz wenig Geld auskommen, die hatten Rückhalt in der Gemeinschaft, und die wussten jetzt, wie man sich und die Nachbarschaft organisiert."

Erasmus+ JUGEND IN AKTION ist ein kleiner Segen

So berichten die Experten aus verschiedenen europäischen Ländern eine Weile von den Abstiegen und Überlebenskämpfen ihrer jeweiligen Jugendhilfen – und immer wieder blitzt ein wenig durch, dass Erasmus+ JUGEND IN AKTION ein kleiner Segen für die ansonsten brach liegenden Finanzierungen ist. Mehr aber auch nicht, Erasmus+ ist keine Rettung, denn die kann nur aus den jeweiligen Ländern selbst kommen, das ist eine der ganz großen Erkenntnisse dieses Treffens.

Und Solidarität! Der Aufruf dazu kommt nicht nur vom Griechen Panos Poulos, der gegenseitige Hilfe im Land genauso einfordert wie von den europäischen Freunden. "Wir sind gerade im Gespräch mit der Bundesregierung über den Aufbau eines deutsch-griechischen Jugendwerkes. Wie das aussehen soll, weiß keiner", sagt er auch im Hinblick auf die nicht-existenten Strukturen in Griechenland. "Aber mit Erasmus+ haben wir grandiose Erfahrungen gemacht. Und schließlich können wir ja alle von einander lernen!"

Dass der Geldfluss aus Brüssel auch ab 2020 mit einer neuen Programmlinie weiter gehen wird, daran zweifelt niemand. Aber die Frage bleibt, wie man Allianzen bilden und Unterstützung für Jugendarbeit in den Gesellschaften finden kann. Der Vorschlag der Messbarmachung steht im Raum. Fein, meinen die einen, denn je besser wir zeigen können, dass Jugendarbeit sichtbare Erfolge hervor bringt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir von den Regierungen mehr Geld bekommen werden. Quatsch, meinen die anderen. Wir wissen doch alle längst, dass die Teilnahme an internationalen Austauschprogrammen die Entwicklung junger Menschen nachhaltig positiv beeinflusst. Und, bekommen wir deshalb mehr Geld dafür von unseren Regierungen?

Und so nähert sich die Expertenrunde dem Ende ihres Treffens und muss bedauernd feststellen, dass außer Erasmus+ und Solidarität nicht viel hilft gegen den Druck, der auf der Jugendarbeit lastet. Das ist eine sehr ernüchternde Erkenntnis, mit der die Zuhörer kurz darauf das Plenum verlassen.

Das Forum war Teil des europäischen Fachprogramms „Ein soziales und gerechtes Europa für alle jungen Menschen“ auf dem 16. DJHT in Düsseldorf.

Quelle: Jörg Wild für JUGEND für Europa



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