Kinder- und Jugendhilfetag / Kinder- und Jugendpolitik

Interview: Internationalität und europäisches Bewusstsein in der Kinder- und Jugendhilfe

Mehrere junge Menschen sitzen um eine Weltkarte herum und erarbeiten ein unspezifisches Thema.
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Globalisierung und Internationalisierung verändern die Lebenswirklichkeit der Menschen tiefgreifend – das geht auch an der Kinder- und Jugendhilfe nicht spurlos vorbei. Die Redaktion des Fachkräfteportals sprach mit Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB über den Stellenwert der Kinder- und Jugendhilfetage für die internationale jugendpolitische Zusammenarbeit und besondere Aktivitäten anlässlich des 50. Geburtstags der Fachstelle.

Fachkräfteportal: Die Kinder- und Jugendhilfetage sind auch international das größte Forum für Austausch und Vernetzung in der Arbeit mit jungen Menschen. Wie wird der DJHT von den internationalen Partnern wahrgenommen und welchen Stellenwert hat Europas größter Kinder- und Jugendhilfegipfel für die jugendpolitische Zusammenarbeit über Grenzen hinweg?

Marie-Luise Dreber

Marie-Luise Dreber: Der Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag findet 2017 zum zweiten Mal mit einer europäischen und internationalen Ausrichtung statt. Insbesondere durch das Engagement von JUGEND für Europa ist die Attraktivität für ausländische Partner in diesem Jahr noch einmal deutlich gewachsen. Noch mehr Veranstaltungen werden im Rahmen des Fachkongresses mit englischer Übersetzung angeboten, es gibt themenspezifische Führungen und die Träger sind darüber hinaus gebeten, an ihren Ständen Informationsmaterialien auch in englischer Sprache bereit zu stellen. Das erhöht die Dialogmöglichkeiten enorm.

Ausländische Partner haben meist keine konkrete Vorstellung davon, was sie auf dem Kinder- und Jugendhilfetag erwartet. Daher bedarf es einer intensiven Bewerbung der Veranstaltung. So haben IJAB und JUGEND für Europa aktiv in ihren europäischen und internationalen Netzwerken dafür geworben. Darüber hinaus hat IJAB die Leitungen seiner bilateralen Partnerorganisationen im Vorfeld des DJHT zu einer gemeinsamen Tagung eingeladen. Im ersten Teil geht es um den Austausch über Jugendpolitik und Jugendarbeit in den einzelnen Ländern. Im zweiten Teil sind wir alle gemeinsam beim DJHT. Dabei beteiligen sich einzelne Partner auch bei den Panels des europäischen Fachprogramms "Creating a social and fair Europe for all young people". Je mehr sich der DJHT europäisch und international öffnet, umso interessanter wird er für die ausländischen Partner. Auf die Dauer kann er sich so zu einer zentralen nationalen und internationalen Veranstaltung entwickeln, die die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Jugendarbeit und Jugendpolitik sehr befruchtet.

Internationalisierung und Europäisierung sind angesichts der globalen Verflechtungen und weltweiten Probleme wichtige Herausforderungen, die auch die Facharbeit mit Kindern und Jugendlichen tangieren. Wie unterstützt IJAB Fachkräfte und Träger der Kinder- und Jugendhilfe hierbei und welchen Beitrag kann der DJHT fachlich leisten?

Wir stellen in den letzten Jahren fest, dass sich die Fragestellungen in der Kinder- und Jugendhilfe über Grenzen hinweg zunehmend angleichen, auch wenn sich die Lebensbedingungen junger Menschen in den einzelnen Ländern unterscheiden. Themen wie Partizipation, Chancengerechtigkeit, Inklusion, Gestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf oder die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte sind Themen, die in vielen Ländern gleichermaßen aktuell sind. Vor diesem Hintergrund unterstützt IJAB Träger bei einer internationalen Öffnung ihrer Organisation. Dies ermöglicht ihnen u. a. die Mitarbeit in internationalen Netzwerken, durch die sie neue Impulse für ihre eigene Arbeit erhalten. In einem Pilotprojekt werden derzeit fünf kleine und große Träger modellhaft auf ihrem Weg, sich international auszurichten, begleitet. Die Erfahrungen sollen anschließend für die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland aufbereitet werden.

Ein weiteres Thema ist die Verankerung der Internationalen Jugendarbeit in den Kinder- und Jugendhilfeplänen der Kommunen. Gemeinsam mit sechs Kommunen hat IJAB hierzu konkrete Strategien entwickelt. Ein weiterer Schritt ist die Etablierung von Fachstellen für Internationale Jugendarbeit mit Info-, Beratungs- und Qualifizierungsangeboten auf der kommunalen Ebene. Fachkräfte erhalten Unterstützung bei der Planung von europäischen und internationalen Projekten und Hilfestellung bei der Förderung. Ausserdem können sie sich im Umgang mit Diversität schulen lassen. Jugendliche erfahren, wie sie einen Auslandsaufenthalt realisieren können.

Der DJHT bietet die Möglichkeit, über die vielfältigen Unterstützungsangebote zu informieren und für mehr Internationalität in der Kinder- und Jugendhilfe zu werben. Darüber hinaus können die Träger beim DJHT internationale Partner kennen lernen und sich mit ihnen austauschen und vernetzen. Gemeinsame multilaterale Kooperationsprojekte zu spezifischen Themen können diesen Dialog anschließend vertiefen und das gegenseitige Lernen voneinander fördern.

Der DJHT kann darüber hinaus aber auch zu einem größeren europäischen Bewusstsein beitragen. Angesicht zunehmender nationaler Abschottung, Fremdenfeindlichkeit und fragiler werdender Demokratien bietet der DJHT mit seinem europäischen Fachprogramm ein Forum für Vielfalt, Meinungsfreiheit und europäischem Zusammenhalt.

IJAB wird in diesem Jahr 50 und blickt auf eine langjährige fachliche Tätigkeit zurück. Wenn Sie heute resümieren, was würden Sie Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe auf die Frage, was hat IJAB in fünf Jahrzehnten bewegt, antworten?

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat IJAB durch den Jugend- und Fachkräfteaustausch ganz wesentlich zu Versöhnung und Verständigung zwischen den jungen Menschen einst verfeindeter Staaten beigetragen. Durch die zahlreichen Fachprogramme von IJAB sind weltweit unzählige neue Partnerschaften und vielfältige internationale Netzwerke entstanden.

Nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der Sowjetunion konnte IJAB im Rahmen von bilateralen Vereinbarungen der Bundesregierung zahlreiche Länder des ehemaligen Ostblocks dabei unterstützen, zivilgesellschaftliche Jugendstrukturen oder eine eigene Jugendgesetzgebung aufzubauen.

Gleichzeitig hat IJAB in hohem Maße durch die Einführung neuer Instrumente zur Qualitätsentwicklung in der Internationalen Jugendarbeit beigetragen. IJAB berät jährlich mit seinem Netzwerk von Eurodesk allein in Deutschland rund 70.000 Jugendliche zu Auslandsaufenthalten. Durch eine enge Zusammenarbeit mit Ländern, Kommunen und den Mitgliedern von IJAB konnten in den letzten zehn Jahren viele neue Zielgruppen für die Internationale Jugendarbeit begeistert werden. Junge Menschen mit Migrationsgeschichte, Jugendliche mit sozialer Benachteiligung oder individueller Beeinträchtigung finden heute dank gezielter Ansprache viel leichter Zugang zu den Angeboten der Internationalen Jugendarbeit. Und schließlich ist durch das Engagement von IJAB auch die öffentliche Anerkennung von persönlichkeitsbildenden Kompetenzen, die in Formaten der Internationalen Jugendarbeit erworben werden, gewachsen. Insgesamt ist es IJAB gelungen die Sichtbarkeit des Arbeitsfeldes in der Öffentlichkeit und im politischen Raum deutlich zu erhöhen und internationalen Austausch als Querschnittsaufgabe in der Kinder und Jugendhilfe zu verankern.

Planen Sie anlässlich des Jubiläums besondere Angebote und Veranstaltungen auf dem kommenden DJHT? Wie wird sich IJAB beim 16. Kinder- und Jugendhilfetag präsentieren?

IJAB wird den DJHT nutzen, um über seine aktuelle Arbeit zu informieren, Träger zu europäischen und internationalen Fragen zu beraten und mit neuen attraktiven Arbeitshilfen für die Internationale Jugendarbeit zu werben.

Gleichzeitig ist IJAB mit mehreren Veranstaltungen im europäischen Fachprogramm unter dem Motto „Creating a social and fair Europe for all young people“ präsent, zum Beispiel zum Thema „Neue Perspektiven für Jugendliche schaffen durch Internationale Jugendarbeit in der Kommune“ oder beim nationalen Fachkongress zum Thema "Jugendbeteiligung mit digitalen Werkzeugen". Zudem lädt IJAB am 29.03.2017 gemeinsam mit JUGEND für Europa und den bilateralen Jugendwerken und Koordinierungsstellen zu einem großen Empfang der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit ein, den Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek eröffnen wird. Und last but not least gibt es am Stand von IJAB für alle, die sich zu europäischen und internationalen Fragen informieren möchten, ein Stück vom Geburtstagskuchen!

Frau Dreber, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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