Digitalisierung

Wie digitale Medien in der Kinder- und Jugendhilfe eingesetzt werden können

Medienkompetenz wird spielerisch gelernt mit dem Einsatz von Tablet und Spielzeug.
Bild: Dörte Stahl

Wie können digitale Medien kreativ in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden? Welche Chancen und Potenziale bieten digitale Medien in der Kinder- und Jugendhilfe? Antworten auf diese Fragen gibt die Medienpädagogin Dörte Stahl im Interview mit dem Initiativbüro "Gutes Aufwachsen mit Medien".

Ob die Produktion von Videoclips, Audiobeiträgen oder das Programmieren von Spielen - es gibt viele verschiedene und vielfältige Möglichkeiten, digitale Medien in der Kinder- und Jugendarbeit zu nutzen. Doch wie können kreative Medienprojekte aussehen? Welche Chancen und Potenziale bieten digitale Medien in der Kinder- und Jugendhilfe? Und wie können pädagogische Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt werden, Heranwachsende zu stärken bei einem selbstbestimmten und reflektierten Umgang mit digitalen Medien? Darüber sprach das Initiativbüro "Gutes Aufwachsen mit Medien" mit der freiberuflichen Medienpädagogin Dörte Stahl, die auch im Projekt „Kultur trifft digital“ tätig ist.

Chancen und Potenziale digitaler Medien in der Kinder- und Jugendhilfe

„Durch digitale Medien wird eigenes Handeln ermöglicht, sie bieten gerade Kindern und Jugendlichen ein enormes Potenzial, sich vielfältig auszuprobieren“, betont Dörte Stahl. Besonders beliebt bei Heranwachsenden sind Soziale Medien, wie auch die aktuelle JIM-Studie (PDF) zeigt. Sie ermöglichen es, sich mit Freund:innen auszutauschen, sich zu vernetzen und auch das eigene Ich zu erkunden.

Wie Beziehungsarbeit mit digitalen Medien gelingen kann

Eine wichtige Voraussetzung für eine gute Beziehungsarbeit mit digitalen Medien sind ein tieferes Verständnis für eine aktive Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen und die Akzeptanz einer digitalen Jugendkultur. Dazu gehört, sich als pädagogische Fachkraft dafür zu interessieren, was Heranwachsende mit digitalen Medien machen und sich damit auseinanderzusetzen, worin der Reiz besteht, diese Medien zu nutzen. „Entscheidend ist hier zu verstehen, dass es gerade bei Sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten darum geht, Grundbedürfnisse, wie zum Beispiel nach Zugehörigkeit und Anerkennung, anzusprechen. Und diese Grundbedürfnisse haben wir alle, also auch Erwachsene und nicht nur Kinder und Jugendliche“, erläutert Dörte Stahl. Ist ein Verständnis für die Mediennutzung von Heranwachsenden als Basis vorhanden, ist es auch leichter ins Gespräch zu kommen und bei möglichen Herausforderungen, wie beispielsweise beim Thema Selbstoptimierung und dem Streben nach Schönheitsidealen, zu unterstützen, weil man dann auch als Ansprechperson wahrgenommen wird.

Ebenfalls wichtig zu verstehen ist, dass Provokation bei der Entwicklung der eigenen Identität dazugehört. Provokation an sich ist dabei nichts Neues - früher wurde beispielsweise mit Punkrock provoziert, heute passiert das auch via digitaler Medien, die Kinder und Jugendliche nutzen, um sich auszuprobieren, zu entdecken und auch Grenzen zu testen. „Wenn das gesehen und auch als Teil der Entwicklung verstanden wird, hat man auch eine gute Voraussetzung für eine funktionierende Beziehungsarbeit, weil man sich dann auch vorurteilsfreier dem ganzen Thema digitale Medien widmet“, betont Dörte Stahl.

Ideen für die Praxisarbeit mit digitalen Medien

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, digitale Medien in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe einzubinden. Dabei kommt es natürlich auf verschiedenen Faktoren an, zum Beispiel auf die technische Ausstattung vor Ort oder auch das Know-how im Umgang mit digitalen Medien. Dörte Stahl empfiehlt grundsätzlich Projekte durchzuführen, die an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen anknüpfen: Das bedeutet, die Themen und digitalen Plattformen aufzugreifen, die Heranwachsende beschäftigen. Zum Beispiel lassen sich Projekte mit Foto, Film und Sound recht leicht durchführen, da die Grundausstattung - das Smartphone - bei den Meisten vorhanden ist. „Hier lässt sich auch gut an die bei Jugendlichen beliebte App TikTok anknüpfen, mit der sie kreative Kurzclips produzieren können, indem verschiedene Filmtechniken wie Stop-Motion oder Bluescreen/Greenscreen (engl.= „blaue Leinwand“ und „grüne Leinwand“) verwendet werden."

Zudem kann man das Smartphone oder Tablet auch verwenden, um Sprachaufnahmen zu machen, die man dann anschließend mit Softwareprogrammen zuschneidet und Effekte integriert. So kann beispielsweise mit der eigenen Stimme experimentiert werden, indem die Stimmlage verändert oder gar verzerrt wird. „All das bringt einen ganz praktischen Gewinn und bietet dann einen guten Anknüpfungspunkt, um miteinander ins Gespräch zu kommen und über Interessen und Themen wie Inszenierung und Selbstdarstellung zu sprechen und zu reflektieren."

Was Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auch relativ leicht umsetzen können, ist das sogenannte „Couchsurfing“: Mit einem Laptop, größeren Monitor oder Beamer - und vielleicht auch ein paar Snacks - wird ein gemeinsames Medienerlebnis geschaffen, das dazu beitragen kann, zu verstehen, warum bestimmte Inhalte auf großes Interesse bei Kindern und Jugendlichen stoßen. Das Prinzip geht so: Jede:r Heranwachsende:r zeigt ein Video(-clip), das er:sie gerne mag, welchen sich alle dann gemeinsam anschauen. Dabei ist es wichtig, sich als pädagogische Fachkraft darauf einzulassen, neugierig zu sein und sich einfach etwas zeigen zu lassen. Anschließend kann dann gemeinsam über das Gesehene gesprochen werden. „Hier ist es ratsam, offen zu sein, zuzuhören und nicht gleich wertend bzw. mahnend mit erhobenen Zeigefinger in das Gespräch zu gehen“, betont Dörte Stahl. 

Was pädagogische Fachkräfte tun können

Die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen ist der zentrale Punkt bei einem guten Aufwachsen mit Medien. Dazu gehört, jungen Menschen vorurteilsfrei und verständnisvoll in ihrem Medienhandeln zu begegnen. Dörte Stahl empfiehlt pädagogischen Fachkräften Soziale Medien und Messenger-Dienste - wie beispielsweise Instagram, Facebook oder WhatsApp - auch selbst konsequent zu nutzen, um zu verstehen, wie bestimmte Mechanismen funktionieren und worin der Reiz besteht, in einem Sozialen Netzwerk aktiv zu sein. Wie fühlt es sich an, selbst einen Beitrag zu posten? Welche Reaktionen erfahre ich? „Wenn ich als pädagogische Fachkraft selbst eigene Erfahrungen in einem Sozialen Netzwerk mache, kann ich auch viel besser verstehen, was das Spannende daran sein kann“, sagt Dörte Stahl.

Herausforderungen beim Thema Medienerziehung - was tun?

Die Geschwindigkeit, mit der Digitalisierung voranschreitet, kann auch zu einem Gefühl der Überforderung führen. Um dem entgegenzuwirken, ist es hilfreich, regelmäßig an Fortbildungen teilzunehmen, die dazu beitragen, die eigenen digitalen Kompetenzen zu stärken. Wichtig ist es hier natürlich auch, erst einmal ein grundlegendes Verständnis für eine digitale Jugendkultur zu haben. „Es wird sich leider noch zu häufig mit negativen Aspekten digitaler Medien auseinandergesetzt. Ich wünsche mir, dass Fortbildungen so aufgebaut sind, dass sie die Möglichkeiten und Chancen digitaler Medien stärker in den Blick nehmen und davon ausgehend kann man dann über mögliche Herausforderungen wie Cybermobbing oder Kostenfallen sprechen“, betont Dörte Stahl.

Weitere Informationen

Quelle: Initiativbüro "Gutes Aufwachsen mit Medien"

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