Digitalisierung und Medien / Kinder- und Jugendschutz

Vernetzte Jugend: Die Entwicklung einer virtuellen Kommunikationskultur

Die Fachtagung „In Netzen gefangen“, die am 16.09.2009 in Berlin stattfand, war eine Kooperationsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), jugendnetz-berlin.de und Spielraum, Institut zur Förderung von Medienkompetenz an der FH Köln. Wir geben den Beitrag von Prof. Dr. Max Fuchs wider.

Prof. Dr. Max Fuchs
Bild: privat

Prof. Dr. Max Fuchs ist Direktor der Akademie Remscheid, Vorsitzender des Deutschen Kulturrates, der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und des Instituts für Bildung und Kultur. Er lehrt Kulturarbeit an den Universitäten Duisburg-Essen, Hamburg und Basel. 

Die Fachtagung „In Netzen gefangen“, die am 16.09.2009 in Berlin stattfand, war eine Kooperationsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), jugendnetz-berlin.de und Spielraum, Institut zur Förderung von Medienkompetenz an der FH Köln.
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Die Wiedergabe des Vortrags von Prof. Dr. Max Fuchs erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Senatsverwaltung Berlin. 

Vortrag von Prof. Dr. Max Fuchs bei der Fachtagung „In Netzen gefangen“ am 16.09.2009 in Berlin 

1. Vorbemerkung 

Das Thema meines Beitrags kann man aus verschiedenen Perspektiven bearbeiten. Eine erste Perspektive ist ein Blick in die Realität und Empirie: Welche Formen der Vernetzung gibt es, welche Gruppen von Jugendlichen beteiligen sich daran, was kann man über mögliche Wirkungen einer virtuellen Vernetzung aussagen? Es ist die Jugendkultur- und speziell die Jugendmedienforschung, die sich mit solchen Fragen befasst. Im Laufe dieser Veranstaltung haben wir einige interessante Studien aus diesem Bereich kennen gelernt. Eine zweite davon zu unterscheidende Perspektive ist ein Blick auf die Art und Weise, wie (tatsächliche oder vermeintliche) Entwicklungen des Umgangs Jugendlicher mit den neuen Medien in der Gesellschaft, in der Fachwelt (also z. B. in der theoretischen Erziehungswissenschaft oder in der praktischen Pädagogik), in der Öffentlichkeit oder in der Politik diskutiert werden. Bei all diesen Diskursen handelt es sich um sehr unterschiedliche Diskurse, die z. T. sehr wenig mit der erfassten Empirie zu tun haben. 

Man muss also unterscheiden: eine weitgehend wertfreie Erfassung der Realität, so wie sie die Jugendmedienforschung betreibt, und der politische und gesellschaftliche Diskurs über diese Themenstellung. Dieser letztere Diskurs ist dabei überwiegend ein kritischer Diskurs, in dem sehr viele Sorgen über die für problematisch gehaltene Entwicklung formuliert werden. Das Problem bei der Unterscheidung dieser beiden Ebenen besteht darin, dass sie nicht immer trennscharf auseinander zu halten sind, sondern dass es sogar einige Bemühungen gibt, einen eigentlich politischen und werteorientierten Diskurs so zu führen, als ob er sich (scheinbar) auf objektive Daten bezieht. 

Eine zweite Vorbemerkung bezieht eine internationale Perspektive mit ein. Wenn man die Debatten über die Jugendmediennutzung vergleicht mit Debatten über andere gesellschaftliche Problembereiche wie etwa Gewalt oder interkulturelles Zusammenleben, so wird häufig festgestellt, dass man in Deutschland dazu neigt, politische Probleme als pädagogische zu behandeln und entsprechende pädagogische Interventionen zu unterstützen (und eigentlich notwendige politische Regelungen zu vermeiden). Dies gilt etwa bei den Themen Gewalt oder Rechtsextremismus. Interessanterweise ist dies gerade bei der Medienfrage nicht der Fall. Hier muss die Pädagogik geradezu um eine Mitsprache bei dem Kampf um das Deutungsrecht ringen. Im Umgang mit Medien neigt man in Deutschland dazu, relativ schnell in einer politischen Debatte auf juristische Mittel, also etwa auf Verbote und entsprechende Verschärfungen der Gesetze zurückzugreifen. Man kann daher fragen: Wieso gibt es gerade bei diesem Thema einen Vorrang der Politik? 

Ich will zur Beantwortung dieser Frage einige Überlegungen vorstellen. 

2. Über verborgene Ursachen des öffentlichen Diskurses über die Mediennutzung Jugendlicher 

Gerade der Umgang mit Medien ist Teil eines umfassenderen Generationenproblems. Es ist hier in Berlin kein schlechter Ort, um darauf hinzuweisen, dass bereits vor etwa 200 Jahren Friedrich Schleiermacher die entscheidende Frag sowohl für die praktische als auch für die theoretische Pädagogik gestellt hat: Was will die ältere Generation von der jüngeren? Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war es Standard in allen pädagogischen Überlegungen, diese Generationsproblematik zum Ausgangspunkt eines jeglichen pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Denkens zu machen. Aus verschiedenen Gründen ist dies in den letzten Jahrzehnten ein wenig in den Hintergrund gerückt. 

Wer sich heute darüber informieren will, wie die ältere Generation mit der jüngeren Generation in unserer Gesellschaft umgeht, wird mehreres feststellen können. Eine erste Feststellung betrifft die Tatsache, dass offenbar die Jugend die am besten erforschte Gruppe in unserer Gesellschaft ist. Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Institutionen, die regelmäßig Forschungsberichte über die Situation der Jugend und ihr Befinden vorlegen. Neben den offiziellen und staatlichen Jugendberichten, die es auf Bundes- und Länderebene gibt, gibt es die frei finanzierten Studien (z. B. die Shellstudien), es gibt eine gut entwickelte akademische Jugendforschung und es gibt natürlich zahlreiche kommerzielle Jugendstudien, die sich für das Konsumverhalten der Kinder und Jugendlichen interessieren, weil man natürlich weiß, welch große Mengen an Geld hier zur Verfügung stehen. In der Sichtung all dieser Jugendstudien lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass die Jugend nicht bloß die besterforschte Gruppe in unserer Gesellschaft ist, sondern dass der Tenor all dieser Forschungsbemühungen von einem Misstrauen der Älteren gegenüber den Jugendlichen geprägt ist. Wo kommt dieses (vermutliche) Misstrauen her? Einige Spekulationen will ich zur Beantwortung dieser Frage anfügen:

     
  • Ein erster Antwortversuch könnte darin bestehen, dass die ältere Generation weiß, dass die jüngere Generation sehr bald die Verantwortung übernehmen wird und dann die Älteren von den Schaltstellen der Macht in der Gesellschaft verdrängt. Die Beobachtung der Jüngeren durch die Älteren könnte daher von einer Angst vor dem Verlust von Macht und Einfluss geprägt sein. 
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  • Es könnte auch sein, dass in dem Misstrauen der Älteren gegenüber den Jüngeren ein großer Teil an Unverständnis gegenüber dem Lebensempfinden der jüngeren Menschen besteht. Und dies kommt vielleicht dadurch zustande, dass die Älteren vergessen haben, in welcher Weise sie sich seinerzeit gegen ihre Eltern haben behaupten müssen. 
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  • Zugleich hat man vergessen, dass diese Entwicklung einer Selbstbehauptung junger Menschen gegenüber den älteren geradezu notwendig ist als Bedingung des Aufwachsens. In der Entwicklungspsychologie nennt man dies die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, und eine entscheidende Entwicklungsaufgabe besteht darin, dass der junge Mensch zunächst einmal eine Distanz zu den Eltern aufbaut, damit es ihm möglich ist, später als Erwachsener wieder eine neue Beziehung zu den Eltern aufbauen zu können. Natürlich bleibt es auch dann eine Eltern-Kind-Beziehung, nur handelt es sich dann bei den Kindern ebenfalls um Erwachsene, was soweit gehen kann, dass bei einem möglichen körperlichen oder psychischen Verfall der Eltern sich geradezu das ursprüngliche Versorgungsverhältnis umdreht. 
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  • Ein weiterer Aspekt, der Ursache für das vermutete Misstrauen der Älteren gegenüber den Jüngeren sein könnte, ist die Tatsache, dass die Älteren wissen, dass sie im Hinblick auf den Umgang mit Medien um vieles inkompetenter sind als ihre Kinder. Aber auch dies ist keine neue Erscheinung. Gerade im Hinblick auf die oben angesprochene Notwendigkeit, sich von Eltern abgrenzen zu wollen und in eine Distanz zu gehen, haben Jugendliche immer solche Ausdrucksformen ausgewählt, bei denen zu vermuten war, dass die Eltern aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr mithalten konnten. Man erinnere sich nur an die wildesten Tanzformen, wie etwa Rock’n Roll oder andere Tanzformen, für die in späteren Jahren schlicht und einfach die Beweglichkeit fehlte, um sie ausüben zu können. Im Hinblick auf technische Medien dreht sich das übliche Generationenverhältnis, dass die Älteren nämlich den Jüngeren beibringen, wie Leben funktioniert, geradezu um. Denn hier sind es die Jüngeren, die über eine höhere Medienkompetenz verfügen als die Älteren. Man kann das Erleben dieser Inkompetenz durch die Älteren durchaus mit dem psychoanalytischen Begriff einer narzisstischen Kränkung bezeichnen. 
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  • Eine weitere Deutungsmöglichkeit besteht darin, dass es auch in dem Generationenverhältnis um Macht geht. Eltern befürchten den Entzug ihrer Kontrollmöglichkeiten. 
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Da Aspekte von Macht und Gewalt im Generationenverhältnis möglicherweise nicht so leicht akzeptiert werden, will ich daran erinnern, dass der Gedanke, dass Erziehung auch ein Gewaltverhältnis sein könnte, nicht neu ist. So hat etwa Dietrich Benner, ein renommierter Berliner Pädagoge, in seinem Entwurf einer Allgemeinen Pädagogik sehr genau auf diesen Tatbestand hingewiesen. Um aber den Pädagoginnen und Pädagogen die Hoffnung nicht zu nehmen, dass das, was sie tun, nicht pure Unterdrückung ist, hat Dietrich Benner das Konzept einer Pädagogik als „sich-selbst-aufhebendes Gewaltverhältnis“ vorgeschlagen. Dahinter steckt die Idee, dass die beste Pädagogik darin besteht, dass sie sich im Laufe der Zeit überflüssig macht. 

Einen weiteren Hinweis darauf, dass der Aspekt von Macht und Gewalt nicht an den Haaren herbeigezogen ist, kann man auch leicht an den Schmutz- und Schunddebatten rund um 1900 erkennen. Sehr gerne hat man immer wieder im Hinblick auf die Bewertung von Jugendkulturen moralische Kategorien verwendet, wobei es selbstverständlich war, dass das, was die Jugendlichen wollen, nicht gut sein kann. Es wird deutlich, dass es bei all diesen Diskursen also auch um die „Lufthoheit“ in den Diskursen über Jugend geht. 

Meine These ist, dass die Entwicklung einer entsprechenden Medienkompetenz zwar auch eine wichtige Entwicklungsaufgabe im Aufwachsen junger Menschen ist. Man sollte aber auch daran erinnern, dass dies aufs engste mit einer entsprechenden Entwicklungsaufgabe der Erwachsenen verbunden ist, nämlich akzeptieren zu können, dass der Umgang mit Medien für die Heranwachsenden auch ein Bereich ist, in dem sie sich notwendigerweise von den Erwachsenen abkoppeln wollen. Und dies ist von den Erwachsenen zumindest zu akzeptieren, vielleicht sogar zu unterstützen. 

3. Netzwerke als Bildungsorte

Die Veranstalter haben mich gebeten, zusätzlich auf einige bildungstheoretische Fragen im Hinblick auf den Umgang mit neuen Medien und virtuellen Netzen eine Antwort zu geben. Dies will ich im Folgenden in aller Kürze tun. 

     
  1. Die erste Frage bestand darin, ob wir uns nunmehr auf eine neue (virtuelle) Kommunikation zu bewegen. Meine Antwort ist hier eindeutig Ja. Ich will aber darauf hinweisen, dass die Entwicklung neuer Kommunikationskulturen nicht grundsätzlich neu ist, sondern vielmehr integraler Bestandteil einer jeglichen Jugendkultur ist. Jede Jugendgeneration in der Moderne hat eigene kulturelle Ausdrucks- und Kommunikationsformen entwickelt. Diese hatten zumindest eine doppelte Funktion: Zum einen nämlich Ausdruck ihrer spezifischen Kreativität zu sein, zum anderen auch die oben angesprochene Abgrenzung von den Erwachsenenkulturen zu bewerkstelligen. 
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  3. Haben diese virtuellen Kommunikationskulturen Auswirkungen auf die Freundschaften und auf das Kommunikationsverhalten? Bei der Beantwortung dieser Frage ist an die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen, wie sie während dieser Tagung vorgestellt worden sind, zu erinnern: Der größte Teil der Jugendlichen, die sich in virtuellen Netzwerken bewegen, haben mit den Menschen in diesen Netzwerken auch reale Kontakte. Diese Erfahrung macht man übrigens auch bei der Nutzung der digitalen Kommunikation in der internationalen Politik. Man stellt nämlich fest, dass die virtuelle Kommunikation und die darauf basierenden Netzwerke nur dann funktionieren, wenn es regelmäßig zwischen den Beteiligten zu realen Begegnungen kommt. Die Jugendforschung zeigt uns übrigens auch, dass diejenigen Jugendlichen, die aktiv und kreativ mit Medien umgehen können, gerade auch solche sind, die auch aktiv in den anderen kulturellen Ausdrucksformen sind. 
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  5. Eine dritte Frage befasst sich mit der pädagogischen Bedeutung der Netzwerke. In diesem Zusammenhang will ich daran erinnern, dass in den letzten Jahren das nonformale und speziell das informelle Lernen geradezu eine Konjunktur bekommen haben. Hintergrund dieser neuen Wertschätzung des Lernens außerhalb von Schule besteht darin, dass es eine hochinteressante Schätzung gibt. Man schätzt nämlich, dass nur etwa 20% all der Kompetenzen, die wir zum Leben und Überleben benötigen, in Orten der formellen Bildung, also etwa in den Schulen erworben wird. 80% all unserer notwendigen Lebenskompetenzen erwerben wir allerdings im nonformalen und informellen Bereich und hier speziell (bei Jugendlichen) im Umgang mit Gleichaltrigen. Wer sich aktuelle Handbücher zur Sozialisationsforschung ansieht, sieht, dass die Wissenschaften inzwischen diesen Tatbestand längst aufgegriffen haben. So findet man etwa in dem Standardwerk zur Sozialisationsforschung (herausgegeben von Hurrelmann u.a.) aussagekräftige Kapitel zu dem Thema „Erziehung und Sozialisation durch Gleichaltrige“. 
    Einen weiteren Hinweis will ich geben. Uwe Hasebrink hat in der Vorstellung seiner empirischen Studie ein dreigliedriges Kategoriengerüst vorgestellt, in dem sich unschwer die klassischen Kategorien von Schlüsselkompetenzen erkennen lassen. Bei denen unterscheidet man üblicherweise Kompetenzen im Umgang mit sich, Kompetenzen im Umgang mit anderen und Kompetenzen im Umgang mit der äußeren Welt. Uwe Hasebrink beschreibt den Erwerb solcher Kompetenzen zu Recht als notwendige Entwicklungsaufgaben im Aufwachsen Jugendlicher. Interessanterweise korrespondieren diese drei Kompetenzfelder mit klassischen Definitionen des Bildungsbegriffs. Bildung bedeutet nämlich in einer traditionsreichen humanistischen Geschichte die Entwicklung eines reflexiven und bewussten Verhältnisses zu sich, zu anderen und zur Natur/Kultur. In dem Maße, in dem Jugendliche über ihre Netzwerk-Aktivitäten die von Hasebrink angesprochenen Entwicklungsaufgaben lösen, lässt sich diese Netzwerktätigkeit auch als Bildungsprozess begreifen. 
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  7. Zum Schluss ist darauf hinzuweisen, dass auch virtuelle Kommunikationsnetzwerke soziale Netzwerke sind. Solche sozialen Netzwerke diskutiert man mit dem Begriff des Sozialkapitals, das wiederum eine wichtige Ressource der Lebensbewältigung ist. Es entstehen neue Formen von Gemeinschaftlichkeit und Unterstützung, die wiederum nicht die traditionellen Formen von Gemeinschaftlichkeit ersetzen, sondern die additiv dazu kommen und diese ergänzen. 
  8.  

Nun mag man einwenden, dass die bisherigen Darstellungen tatsächlich vorhandene Gefahren und Risiken übersehen. Daher möchte ich zum einen bestätigen, dass es selbstverständlich im Umgang mit virtuellen Netzwerken erhebliche Risiken gibt, die seriös erfasst und diskutiert werden müssen. Allerdings muss man auch darauf hinweisen, dass – wie in der Präsentation wichtiger virtueller Communities für Jugendliche während dieser Tagung (Schüler VZ, myspace etc.) deutlich geworden ist – diese Netzwerke kommerziell betrieben werden und dass große Unternehmungen dahinter stehen, die damit Geld verdienen wollen. Auch dies sollte einen nicht überraschen. Denn in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft gibt es keine Oasen, die losgelöst von dem Gewinnprinzip sind. 

Und auf ein Zweites will ich hinweisen. Nicht nur die kapitalistische Ausnutzung virtueller Netzwerke, sondern auch Formen von sexueller Ausbeutung, die durchaus in solchen Netzwerken geschehen kann, werden von Erwachsenen produziert. Die Erkenntnis dieser selbstverständlichen Einsicht könnte insofern eine Rolle spielen, als es dann nicht mehr bei den Diskursen um Nachlässigkeiten oder Inkompetenzen von Kindern und Jugendlichen geht, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen, sondern es geht vielmehr um Fehlverhalten von Erwachsenen.