Digitalisierung und Medien

Interview zum AGJ-Positionspapier "Medienbildung ist Gegenstand der Kinder- und Jugendhilfe!"

ein kleines Mädchen sitzt auf dem Sofa und hält ein Tablet in der Hand
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Für den Blog jugendhilfe-bewegt-berlin wurde Jasmin Parsaei, wissenschaftliche Referentin bei der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe - AGJ, zum Thema Medienbildung in der Kinder- und Jugendhilfe interviewt.

Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ fordert in dem im Dezember 2014 veröffentlichten Positionspapier "Mit Medien leben und lernen – Medienbildung ist Gegenstand der Kinder- und Jugendhilfe!" eine medienreflexive Kinder- und Jugend(hilfe)politik, die insbesondere digitale Medien und Kommunikation zentral berücksichtigt. Jasmin Parsaei ist als wissenschaftliche Referentin für Kinder-, Jugend- und Familienpolitik bei der AGJ auch zuständig für das Thema Medienbildung. In einem Interview mit der 30-jährigen Diplompädagogin berichtet sie mehr über die Hintergründe zu dem Positionspapier und den Forderungen der AGJ.

Gab es einen aktuellen Anlass für das Positionspapier der AGJ zum Thema Medienbildung und welche thematische Relevanz sehen Sie aktuell?

Jasmin Parsaei: Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Für das Aufwachsen und die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen bedeutet dies, dass der aktive und reflektierte Umgang mit digitalen Medien, Medieninhalten und medial geprägter Kommunikation zu einem unumgänglichen Aspekt ihrer normalen Entwicklungsaufgaben geworden ist, um an der Gesellschaft gleichberechtigt und gestaltend partizipieren zu können. Die AGJ hat sich mit ihrem Positionspapier in die aktuelle Fachdebatte zur Medienbildung eingemischt und ihren Standpunkt hierzu klar gemacht: Um ihrem gesetzlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht zu werden, muss auch die Kinder- und Jugendhilfe sich stärker und verbindlicher als bisher ihrer Verantwortung für die Medienbildung von Kindern und Jugendlichen stellen!

Sie verweisen in Ihrem Positionspapier unter anderem auf die KIM- und die JIM-Studien hin, die das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen untersuchen. Demzufolge ist die Nutzung der klassischen Medien – Buch, TV, Radio – nicht zurückgegangen, das Internet kam aber massiv hinzu. Welche Herausforderungen sehen Sie für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe angesichts dieser intensiven Mediennutzung?

Jasmin Parsaei: Hinter der häufig gestellten Frage nach den Herausforderungen oder gar Risiken der "intensiven Mediennutzung" verbirgt sich eine Wirkungsannahme, nämlich, dass Mediennutzung ein passiver oder unproduktiver Prozess sei, dem junge Menschen ausgeliefert sind. Reflexartiges pädagogisches Denken und Handeln wird dann vom Schutzgedanken dominiert. Die eine Herausforderung liegt also zunächst darin, den Aneignungsprozess von Medien und ihren Inhalten als einen aktiven anzuerkennen und wahrzunehmen, dass der Umgang mit ihnen in der Regel produktiv ist. Was auch oft vergessen wird: Kinder und Jugendliche brauchen für ihren Selbstbildungs- und Identitätsentwicklungsprozess ein buntes Spektrum an positiven Anreizen für ihr Denken, Handeln und Fühlen. Ihre soziale und mediale Umwelt sollte anregungsreich sein und ihnen damit eine Vielfalt an Identifikationsangeboten bieten. Was die KIM- und JIM-Studien aufzeigen, ist daher folgerichtig und von großem Interesse für uns: Kinder und Jugendliche haben seit dem Aufkommen des Internets nicht – wie von vielen befürchtet – ein einseitiges Medienverhalten entwickelt, sondern sie nutzen auch hier die größtmögliche Palette an Möglichkeiten, die sich ihnen bietet. Für die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe stellt sich hier die nächste Herausforderung, nämlich die Frage, wie es gelingen kann, die medial geprägte Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen und ihre Bedürfnisse konsequent in die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe zu integrieren bzw. an diese anzuknüpfen.

Ohne Frage gibt es aber auch bei der Mediennutzung – wie bei jedem anderen Nutzverhalten – einseitigen, stumpfen oder übermäßigen Konsum, der ungesund oder gefährdend sein kann. Die Herausforderungen, die sich hier stellen, knüpfen jedoch nicht in erster Linie an den Medien oder den Medieninhalten an, sondern an einem unausgeglichenen Konsumverhalten. Die Ursachen hierfür lassen sich wiederum nicht verallgemeinern, sondern nur in der individuellen Arbeit mit dem Kind oder der/dem Jugendlichen ermitteln und bearbeiten.

Mehr Mediennutzung bringt jedoch eine größere Wahrscheinlichkeit mit sich, mit potenziellen Gefährdungssituationen konfrontiert zu sein. Das können sowohl gefährdende Inhalte sein, wie beispielsweise ideologische und gewaltverherrlichende Plattformen, oder aber gefährdende Situationen, wie sie beim Cybermobbing schnell entstehen. Die Herausforderung ist hier besonders groß, mit entsprechenden Angeboten der Medienbildung einen Beitrag zum Kinder- und Jugendschutz zu leisten, aber gleichzeitig die Balance zwischen präventiven, schützenden und fördernden Ansätzen zu wahren.

Sie verweisen darauf, dass viele Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe sich häufig als weniger medienkompetent erweisen als Kinder und Jugendliche. Was bedeutet das konkret für die praktische Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe?

Jasmin Parsaei: Es ist in der Tat ein Problem, wenn der gewohnte Wissens- und Kompetenzvorsprung nicht mehr uneingeschränkt vorhanden ist und sich Fachkräfte als weniger (medien-)kompetent erleben als die Kinder und Jugendlichen, für die sie sich verantwortlich fühlen. Es erschwert ihnen die Begleitung und kann zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und in der Folge auch zu Distanz und Vertrauensverlust führen. Damit der Wissensvorsprung nicht als Bedrohung der eigenen Kompetenz erfahren wird, sondern als Bereicherung in die Angebote integriert werden kann, sollten Fachkräfte dabei unterstützt werden, ihre eigene Medienkompetenz zu stärken und weiterzuentwickeln.

Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie Medienbildung als ein Bestandteil in die gewohnte Arbeit einfließen kann. Ich denke nicht, dass es erforderlich ist, dass jede Fachkraft in jedem Fall immer weiß, wie ein Gerät, ein Programm oder eine Kommunikationsplattform funktioniert. Sie kann beispielsweise mit Unterstützung medienpädagogischer Expertinnen und Experten mit den Jugendlichen gemeinsam in aktiver, medienpädagogischer Projektarbeit etwas Neues lernen und dabei die aktuellen Themen, die bei den Jugendlichen gerade anstehen, aufgreifen. Es lohnt sich auch dabei, an das Wissen der Jugendlichen anzuknüpfen und sich die Bedeutung ihrer Medienwelt erklären zu lassen. In der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der vorhandenen Medienerfahrung finden sich zahlreiche Anlässe, um weitere kritische und bildende Lernprozesse anzustoßen. Medienbildung ist in diesem Sinne als reziproker Bildungsprozess zu verstehen, bei dem die Fachkräfte von den Jugendlichen lernen können. Dies erfordert die Reflexion und möglicherweise auch die Anpassung des eigenen professionellen Rollenverständnisses.

Für die konkrete pädagogische Arbeit heißt das auch: Dort wo sich Angebote konsequent an den Interessen von Kindern und Jugendlichen orientieren, wo Handlungsspielräume für kreatives Schaffen geboten werden, Partizipationsformen erprobt werden und Kindern und Jugendlichen selbst eine Multiplikatorenrolle ermöglicht wird, kommt der Stärkung von Medienbildung eine Schlüsselrolle zu.

"Medienbildung" ist als Leistungsbereich im Kinder- und Jugendhilfegesetz nicht konkret festgeschrieben. Viele Träger berichten uns, dass ihnen in diesem Bereich Gelder gestrichen oder gar nicht erst bewilligt werden. Welche Gefahren sehen Sie, wenn an dieser Stelle gespart wird und was setzen Sie dem entgegen?

Jasmin Parsaei: Medienbildung ist – verkürzt gesagt – ein zentraler Prozess der heutigen allgemeinen Persönlichkeitsbildung, für den Medienkompetenz zusammen mit anderen Kompetenzen (z. B. Sozial-, Fach- oder Selbstkompetenzen) eine Voraussetzung aber auch Ziel darstellt. Das Wissen über Medien, die kompetente Nutzung von Medien, die Fähigkeit zur Gestaltung von und die Kommunikation mit Medien gehören genauso dazu wie die Fähigkeit, die Bedeutung der Medien für die eigene Person zu reflektieren, eine kritische Distanz zu den Medien aufbauen zu können und eine Verantwortungshaltung gegenüber den Medien und im Umgang mit ihnen einzunehmen.

Sie haben Recht, Medienbildung ist in diesem Wortlaut nicht als Leistungsbereich im traditionsreichen KJHG festgeschrieben. Die AGJ leitet in ihrem Positionspapier dennoch einen eindeutigen Auftrag aus dem Gesetz ab, der verbindlich von allen Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe wahrgenommen werden sollte.

Aber Auftrag hin oder her: Jedes Mal, wenn Angebote der Kinder- und Jugendhilfe gestrichen werden, die für die Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen unverzichtbar sind und die sie darin schulen, an der Gesellschaft gleichberechtigt, kritisch und gestaltend partizipieren zu können, schneiden wir uns als Gesamtgesellschaft mittel- und langfristig ins eigene Fleisch. Deshalb betonen wir: Medienbildung ist kein Luxusangebot, das man sich in Zeiten knapper Kassen eben sparen kann! Die kritische Auseinandersetzung mit Medien und Medieninhalten und das Erkennen von Chancen und Möglichkeiten der Mediennutzung zählen zu den Grundkompetenzen, die junge Menschen in der heutigen Zeit erwerben müssen. Die Befähigung zur kompetenten Nutzung digitaler Medien als Grundlage für Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Teilhabe muss deshalb stärker als bisher in den unterschiedlichen Feldern der Kinder- und Jugendhilfe verankert werden und lässt sich nicht über (lokal und zeitlich begrenzte) Projekte und Initiativen bewältigen. Das geht den frühkindlichen Bereich genauso etwas an wie die Eltern- und Familienbildung, die Kinder- und Jugendarbeit, die Jugendsozialarbeit oder die Hilfen zur Erziehung und muss gleichermaßen ein Thema in der Ausbildung wie in der Praxis sein.

Müssen sich Ihrer Meinung nach auch die Träger der Kinder- und Jugendhilfe intern mehr mit dem Thema Social Media auseinandersetzen?

Jasmin Parsaei: Na klar! Wir wissen, dass Social Media für die Kommunikation und bei der Identitätsarbeit von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen. Wenn man das ernst nimmt, dann ist es nur konsequent, dass sich die Kinder- und Jugendhilfe ebenfalls mit dem Thema und seiner Bedeutung auseinandersetzt. Ob es auch für jeden Träger gleichermaßen zielführend ist, Social Media für eigene Kommunikationsprozesse einzusetzen, sollte intern mithilfe von grundlegenden Fragen gut durchdacht werden: Welches Ziel verfolgen wir damit? Ist das gewählte Instrument hierfür geeignet? Wen wollen wir erreichen? Wen können wir auf diesem Wege erreichen? Von welchen weiteren Kommunikatoinsformen und -strategien wird die Nutzung des sozialen Mediums flankiert? Ist die gewählte Methode kompatibel mit den datenschutzrechtlichen Vorgaben in unserem Bundesland (ein häufiges Thema bei der Nutzung von Facebookseiten)? etc.

Was ist Ihrer Meinung nach nötig, um eine kompetente und umfassende Medienbildung in der Kinder- und Jugendhilfe anbieten zu können? Woran fehlt es noch besonders?

Jasmin Parsaei: Aus unserer Sicht gibt es da mehrere Handlungsbedarfe: u. a. fordern wir für Fachkräfte eine gute Qualifizierung ein. Dies beinhaltet sowohl eine Grundqualifizierung im Sinne eines medienpädagogischen Orientierungswissens als auch aktuelle Weiterbildungsangebote und Unterstützungsangebote, die den dynamischen Entwicklungen digitaler Medien und Kommunikation Rechnung tragen. Die Fachkräfte müssen befähigt werden, die Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung und das Bildungspotenzial der Medien sowie die wesentlichen Gefahren realistisch einzuschätzen. Dafür benötigen sie fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse. Also muss die Auseinandersetzung mit der Mediensozialisation auch ein Grundlagenthema der Kinder- und Jugendforschung werden.

Es werden aber auch nachhaltige Strategien, Konzepte und (Finanzierungs-)strukturen benötigt, damit die Erkenntnisse aus den zahlreichen Modellprojekten und lokalen Aktionen, die es in dem Bereich schon gibt, in die Fläche kommen. Dies erfordert eine verbindliche Förderpolitik von Medienbildungsangeboten für die Träger der Kinder- und Jugendhilfe, die ihrem Auftrag der Beteiligung und Förderung von Kindern und Jugendlichen gerecht werden wollen.

Um gerechte Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen, brauchen wir zielgruppensensible und diversitätsbewusste Konzepte der Medienbildung, welche die ungleichen Lebenslagen und ihre Auswirkungen auf digitale Teilhabepotenziale berücksichtigen.

Die Vermittlung datenschutzrechtlicher Kenntnisse ebenso wie die grundsätzliche Diskussion des Themenkomplexes Öffentlichkeit und Privatheit bilden eine weitere große Herausforderung für die Kinder- und Jugendhilfe. Zugleich steht die Medienbildung auch vor der Herausforderung, einen Beitrag zum Kinder- und Jugendschutz zu leisten.

Last but not least sind wir der Meinung, dass Medienbildung von Anfang an mitgedacht werden muss, da Kleinkinder nicht in einem Medienvakuum leben, aus dem sie an einem Tag X entlassen werden. Sondern sie sind in ihren Lebenswelten, sei es zu Hause oder in der Kita, ebenfalls von klein auf von verschiedenen Medien sowie Mediennutzerinnen und -nutzern umgeben und fasziniert. Das Thema Medienbildung ist daher – entgegen der Meinung Einzelner – auch im frühkindlichen Bereich sehr präsent. Um also Medienbildung von Anfang an zu ermöglichen, sollten Kindertageseinrichtungen, Kindertagespflegestellen und Familienzentren ebenfalls als Orte der systematischen Medienbildung mit einem altersgemäßen, qualitativ hochwertigen Medienangebot ausgestattet sein.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview wurde mit freundlicher Genehmigung der Redaktion dem Blog jugendhilfe-bewegt-berlin des PARITÄTISCHEN Landesverbandes Berlin e.V. entnommen. Das Interview führte Anne Beyer.

Sie finden den Blog unter: www.jugendhilfe-bewegt-berlin.de

Quelle: Deutscher PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e. V.

 

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