Digitalisierung und Medien / EU-Jugendstrategie

Ich habe ein Recht gehört zu werden

Bild: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

WienXtra, Youthpart und weitere europäische Partner führten vom 19. bis 21. Oktober ein JugendBarCamp zu E-Partizipation in Wien durch. Die Veranstaltung war Teil des Entwicklungsverfahrens für Guidelines zur Online-Partizipation. Was eher trocken und technisch klingt, erwies sich als ziemlich lebendiges und facettenreiches Event.

Gerade war es noch ruhig, jetzt ist es plötzlich laut. Es ist, als seien alle 100 Teilnehmer/-innen und Gäste des Jugendbarcamps gleichzeitig in den Räumen des Instituts für Freizeitpädagogik angekommen. Ein babylonisches Sprachgewirr hängt in der Luft: Spanisch, Deutsch, Englisch, Finnisch. Genauso schnell, wie der Tumult ausgebrochen ist, legt er sich auch wieder. Anja Gebel und Daniel Seitz von medialepfade, die das Jugendbarcamp moderieren, erklären den Ablauf und die Spielregeln. Das ist wichtig, denn nur eine Minderheit der anwesenden Jugendlichen war schon einmal auf einem Barcamp.

Die Befürchtung, die erfahrenen Teilnehmer/-innen könnten die unerfahrenen an die Wand spielen, wird sich in den nächsten eineinhalb Tagen als unbegründet erweisen. Wie wichtig es hingegen ist, in einer großen Gruppe, die zum ersten Mal aufeinandertrifft, ein paar „Clowns“ und „Rampensäue“ zu haben, zeigt die anschließende Vorstellungsrunde. Ein Megafon geht von Hand zu Hand und alle sind aufgefordert ihren Namen, das Land, aus dem sie kommen, und drei Schlagworte zu nennen, die sie am besten charakterisieren. Spätestens als der erste Sprecher die Sirenenfunktion des Megafons entdeckt, ist das Eis gebrochen – nach dem ersten Gelächter fällt es allen leicht, sich vorzustellen. Dann ist es auch schon Zeit fürs Abendessen. Das ist gut so, denn die meisten haben eine lange Anreise hinter sich, sind hungrig und müde.

Der nächste Morgen beginnt mit einem Aufwärmspiel und einer offiziellen Begrüßung durch das Institut für Freizeitpädagogik und WienXtra. Dann kann das Barcamp endlich starten. Wer hat Vorschläge für Sessions? Ina möchte über eine App für E-Partizipation sprechen, Fernan möchte sich über praktische Erfahrungen mit Blogs austauschen, Lisa möchte über eine europäische E-Partizipations-Plattform nachdenken, und Elmar sind Open Data wichtig. Den größten Applaus aber erhält Inka, die mit entwaffnender Ehrlichkeit sagt „Ich bin in keiner Jugendorganisation und möchte mich nicht jeden Tag für etwas engagieren. Ich möchte mein Leben nicht in irgendwelchen Meetings verbringen. Vielleicht gefällt mir das heute, aber morgen möchte ich vielleicht etwas ganz anderes tun. Trotzdem finde ich, dass ich ein Recht habe gehört zu werden, wenn ich etwas sagen möchte. Ich möchte mit euch darüber reden, wie ich und andere, denen es genauso geht, gehört werden können.“ Inkas Session wird die bestbesuchte werden.

Daniel Seitz sortiert die Vorschläge in das Zeitraster des Session-Plans und teil Räume zu. Dann kann es auch schon losgehen. In Inas Session ist die Atmosphäre entspannt. Ein Teil der Teilnehmer/-innen hat es sich auf dem Fußboden bequem gemacht. Das Mikrofon wandert von Hand zu Hand – jeder kommt zu Wort. Derweil hat sich das Dokumentationsteam auf die verschiedenen Sessions aufgeteilt. Ein wichtiges Element des Barcamps besteht darin, die Ergebnisse allen Teilnehmer/-innen und einem größeren Publikum zur Verfügung zu stellen – als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen. Für Youthpart als Mitveranstalter haben diese Protokolle zudem noch eine weitere Bedeutung. Die Ergebnisse sollen mit den im Entstehen begriffenen Guidelines für E-Partizipation abgeglichen werden. Das JugendBarCamp ist Teil des Erstellungsprozesses der Guidelines.

Zu Rhammels Session über das aktuelle Guidelines-Papier haben sich mehr Zuhörer/-innen eingefunden als vermutet. Der Raum platzt aus allen Nähten. Rhammel, der selbst an der Erstellung der Guidelines mitgearbeitet hat, stellt das Dokument vor und interpretiert es. Eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe, denn die Guidelines sind Detailreich und ihm stehen nur 45 Minuten zur Verfügung. Rhammel bewältigt die selbstgestellte Aufgabe ziemlich eindrucksvoll – von nun an haben die Guidelines, die alle Teilnehmer/-innen in ihren Begrüßungsmappen vorgefunden haben, ein anderes Standing in den Diskussionen während und neben dem Barcamp.

Christophs Session zur direkten Demokratie ist von sehr grundsätzlichen Überlegungen geprägt. Das Prinzip der griechischen Demokratie, die Agora – der Markt, auf dem jeder Bürger seine Stimme erheben kann – steht im Raum. Und auch die Frage, ob Demokratie erst dann erreicht ist, wenn Regierungen aufgehört haben zu bestehen. Hört man den Wortmeldungen zu, merkt man jedoch schnell, dass viele Teilnehmer/-innen einen pragmatischeren Zugang suchen. Sie brauchen etwas für hier und jetzt. Vielleicht bekommen sie das in der Session über einen Jugend-Fund, der mit kleinen Summen Beteiligungsprojekte unterstützt. Ein wichtiger Ansatz, denn er ermöglicht es auch denjenigen Mittel zu beantragen, die sich nicht als Verein oder Jugendhilfeträger konstituiert haben. Der Tag geht überraschend schnell vorüber.

Am nächsten Tag ist noch Zeit für Feedback zur Veranstaltung – diesmal nicht im Institut für Freizeitpädagogik sondern im Hotel. Vom Format Barcamp sind alle, die eine solche Veranstaltung zum ersten Mal erleben, ziemlich begeistert. Dass Youthpart hierzu eine „Gebrauchsanweisung“ in Deutsch und Englisch liefert, ist sicher hilfreich, um dieses partizipative Format im Jugendbereich weiter zu verbreiten. Manche Teilnehmer/-innen hätten sich mehr inhaltliche Tiefe, mehr Zeit und mehr Beteiligung von Experten gewünscht. Das sagen sie kritisch, aber man kann es auch hoffnungsvoll betrachten: Die Diskussion um E-Partizipation im Jugendbereich steht noch am Anfang. Junge Menschen, die diese Diskussion fortführen möchten, sind mehr als willkommen. So endet die Veranstaltung mit dem Apell der Veranstalter, die bereitgestellten Tools für weiteres Feedback zu nutzen – auch und gerade zu den Guidelines.

Weitere Informationen: www.youthbarcamp.eu, www.youthpart.eu

Twitterwall: http://youthbarcamp.tweetwally.com

Newsfeed: https://www.rebelmouse.com/ybcvie/

Sessionplan: bit.ly/ybcvie

INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

JugendBarCamp Wien 2013

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