Digitalisierung und Medien / Bildungspolitik

GEW: Digitalisierung ist keine Privatsache – Mitgliederstudie zum Digitalpakt und zur Digitalisierung an Schulen vorgestellt

Eine Schülerin sitzt vor einem Laptop und beißt auf einen Bleistift
Bild: JESHOOTS - pixabay.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Bund, Länder und Kommunen müssen mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung dafür sorgen, dass deutlich mehr Geld in die Digitalisierung der Schulen gesteckt wird. Das ist die Konsequenz aus einer repräsentativen Mitgliederstudie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Digitalisierung darf keine Privatsache sein. Das ist bisher jedoch oft der Fall: Neun von zehn Lehrkräften müssen ihre privaten Endgeräte für dienstliche Zwecke nutzen“, sagte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule, am 3. Juni 2020 während einer Pressekonferenz der Bildungsgewerkschaft..

93 Prozent der befragten GEW-Mitglieder an Schulen nutzten digitale Medien im Unterricht, davon 55 Prozent mehrmals wöchentlich. Die Mehrheit der Lehrkräfte ist vom Nutzen digitaler Medien überzeugt. „Die Resultate zeigen: Für die meisten GEW-Mitglieder an Schulen war es schon vor der Corona-Krise ganz normal, digitale Medien und Kommunikationsmittel in der Schule einzusetzen“, betonte Hoffmann.

Staat muss mehr in Ausstattung und Infrastruktur investieren

„Wir brauchen dringend eine öffentliche Finanzierung von Endgeräten. Die zusätzlichen 500 Millionen Euro, die in der Corona-Krise bereitgestellt wurden, sind nur ein Anfang. Bildungsinfrastruktur vorzuhalten, ist eine wichtige öffentliche Aufgabe. Bislang ist es aber nur möglich, dass ein Schulträger maximal 20 Prozent der Fördermittel aus dem ‚Digitalpakt Schule‘ für mobile Endgeräte einsetzt. Land und Schulträger müssen jedoch auch die Lehrkräfte mit Endgeräten ausstatten“, sagte Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung. Hoffmann ergänzte: „Auch bei den Apps und digitalen Tools, die zurzeit aus dem Boden schießen, brauchen wir öffentliche Kontrolle sowie transparente und gebündelte Informationen. Bildung in der digitalen Welt darf nicht zu einem privaten, profitorientierten Patchwork werden.“

Auch bei Datenschutz, Fortbildung und technische Unterstützung belegt die Studie Defizite

Nur knapp die Hälfte der Befragten hält den Datenschutz für ausreichend geklärt, 39 Prozent beschreiben ihn als eher oder überhaupt nicht geregelt. Fast zwei Drittel der Lehrkräfte kritisieren die Unterstützung des Arbeitgebers in Fragen des Datenschutzes und bewerten diese als eher unzureichend. „Das ist ein brisanter Befund, wenn man bedenkt, wie häufig private Endgeräte genutzt werden müssen und wie rasant der Einsatz digitaler Tools, etwa für Videokonferenzen, während der Corona-Krise steigt“, unterstrich Klinger.

Die Studie zeigt, dass es einen großen Weiterbildungsbedarf gibt: Zwar haben 58 Prozent der Befragten in den vergangenen zwei Jahren an Fortbildungen zur Digitalisierung teilgenommen. Aber nur 18 Prozent gaben an, dass ausreichend Fortbildungen zum Themenkomplex angeboten werden. „Da klafft eine große Lücke zwischen Bedarf und Angebot. Fortbildungen scheitern oft an fehlenden relevanten Angeboten und zeitlichen Kapazitäten“, stellte Hoffmann fest. Auch der technische Support sei nicht zufriedenstellend gelöst und schlucke die Ressourcen der Lehrkräfte. Lediglich gut  20 Prozent der Befragten waren grundsätzlich mit dem technischen Support zufrieden.

Forderung: Mittel aus dem Digitalpakt erhöhen und verstetigen

„Wie die Lehrkräfte trotz der schlechten Ausgangsbedingungen von heute auf morgen mit großem Improvisationstalent auf Fernunterricht umgestellt haben, da kann man nur sagen: ‚Chapeau!‘. Dauerhaft kann das aber nicht die Lösung sein. Die Mittel aus dem Digitalpakt müssen verstetigt und auf rund 20 Milliarden Euro erhöht werden“, sagte Klinger.
Hoffmann mahnte an, die Defizite bei der Umsetzung des Digitalpakts zu beheben: „Die digitale Beschleunigung darf nicht auf dem Rücken der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler ausgetragen werden. Die Lehrkräfte sind bei der Umsetzung des Digitalpakts bisher zu wenig beteiligt worden, die Information durch den Arbeitgeber war nicht ausreichend. Noch gravierender ist aber, dass die Schulen zu wenig Zeit hatten, um sinnvolle medienpädagogischer Konzepte zu entwickeln. Die Kinder und Jugendlichen sind keine Lernroboter, die man mit einer Input-/Output-Formel programmieren kann. Schule ist ein Ort sozialen Lernens und der Interaktion.“

Zentrale Befunde auf einen Blick

  • Umsetzung des Digitalpakts Schule: zu wenig Informationen, zu wenig Zeit für medienpädagogische Konzepte
  • Nutzung von digitalen Medien und Kommunikationsmitteln durch Lehrkräfte: Die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte nutzten schon vor der Coronakrise digitale Medien und Kommunikationsmittel und sahen diese positiv
  • Unterstützung: Mangelhaft. Arbeitsgeräte sind bislang Privatsache, die Ausstattung lässt zu wünschen übrig; Lehrkräfte fühlen sich in Datenschutzfragen oft alleine gelassen
  • Fortbildungen: Bereitschaft zur Fortbildung groß – wenig zeitliche Kapazitäten und fehlende relevante Angebote
  • Entgrenzung: 68% der Befragten haben Abgrenzungsprobleme durch Digitalisierung

Hintergrund der Studie

Im Rahmen des Projekts „Bildung in der digitalen Welt“ des GEW-Hauptvorstands hat die Bildungsgewerkschaft Anfang 2020 fast 18.000 Mitglieder, die an Schulen arbeiten, in einer repräsentativen Online-Studie zum „Digitalpakt Schule“, der im Frühjahr 2019 beschlossen wurde, und zur „Digitalisierung an Schulen“ befragt. Rücklaufquote: 18,8 Prozent. Über den Digitalpakt werden 5,5 Milliarden Euro bereitgestellt. Die GEW-Vorstandsmitglieder Ilka Hoffmann und Ansgar Klinger leiten das Digitalisierungsforum gemeinsam.
Die GEW hat im vergangenen Jahr in zwei Studien zur Ausstattung der berufsbildenden und der allgemeinbildenden Schulen im Rahmen des Digitalpakts errechnet, dass die Paktmittel erhöht und verstetigt werden müssen.

Eine Übersicht mit Grafiken zu den zentralen Ergebnissen (PDF, 772 KB) steht außerdem zum Download auf den Seiten der GEW zur Verfügung.
 
Quelle: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vom 03.06.2020

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