Digitalisierung und Medien / Qualifizierung

Fachlichkeit unter den Bedingungen der Digitalisierung – Eine Herausforderung für die Profession

Kind liegt auf Parkbank mit Tablet
Bild: © Vitalinka - fotolia.com

In seinem theoriebasierten Beitrag dimensioniert Christian Helbig aktuelle Prozesse der Digitalisierung professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit. Er beschreibt die doppelte Herausforderung, sowohl die mediatisierten Alltagspraxen der Zielgruppen in den Blick zu nehmen, als auch die Mediatisierung des eigenen professionellen Handelns zu reflektieren. Der Beitrag dokumentiert einen Workshop des Autors im Rahmen der Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe" am 5./ 6. Dezember 2016 in Berlin.

Orientierungswissen innerhalb einer digitalisierten Gesellschaft

Mit der zunehmenden Bedeutung digitaler Medien für gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse werden auch die Anforderungen und Zumutungen an das Individuum deutlich erhöht. Teilhabe am sozialen Miteinander, dem Arbeitsmarkt und gesellschaftlichen Strukturen setzen vermehrt nicht nur Fähigkeiten im kritischen und reflektierten Umgang mit Technologien voraus, sondern auch Orientierungswissen innerhalb der teilweise widersprüchlichen Anforderungen der digitalisierten Gesellschaft. Eine ausführliche Darstellung der Spannungsfelder der Mediatisierung Sozialer Arbeit gibt Helbig (2016). Diese Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelten sind auch in der Kinder- und Jugendhilfe deutlich spürbar. Sie zeigen sich in den Anlässen, in denen sie tätig wird und in den Formen der Bearbeitung sozialer Problemlagen sowie in den strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen (vgl. Kutscher/Ley/Seelmeyer 2015). 

Bild: Isabel Kiesewetter

Erste Forschungsergebnisse liefern Hinweise dafür, dass in den Aufgabenfeldern der Kinder- und Jugendhilfe bereits vielfach auf die digitalisierten Lebenswelten ihrer Adressat/-innen Bezug genommen wird:

  • Einerseits durch die Integration medienpädagogischer Ansätze in sozialpädagogische Angebote – traditionell vor allem in der offenen Kinder- und Jugendarbeit sowie in der Schulsozialarbeit – und
  • andererseits in Form von Erweiterungen und Modifikationen von Dienstleistungen, wie Informations- und Beratungsangeboten im Internet.

Über den reaktiven Einbezug digitaler Medien in die professionellen Handlungsweisen hinaus finden sich aber auch aktive Elemente der Digitalisierung Sozialer Arbeit. So werden digitale Kommunikations- und Informationentechnologien vermehrt als Arbeits- und Organisationsmittel in Institutionen und Organisationen implementiert (z.B. Fachsoftware). Beide Formen – der reaktive und aktive Einbezug digitaler Medien – führen zu einem Wandel historisch und professionell begründeter Handlungsprozesse und müssen nicht zuletzt vor den Hintergründen der Reproduktion sozialer Ungleichheiten und der Datafizierung untersucht und in die fachliche Reflexion aufgenommen werden.

Medienbezogener Professionalisierungsbedarf

Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe stehen somit vermehrt vor den Herausforderungen, sowohl die Potentiale und Risiken der mediatisierten Alltagspraxen ihrer Zielgruppen in den Blick zunehmen als auch die Mediatisierung des eigenen professionellen Handelns zu reflektieren. Insbesondere rückt die Medienkompetenz von Fachkräften – auch als fachliche Voraussetzung für medienpädagogische Angebote (vgl. Tulodziecki 2012) – deutlicher in den Vordergrund. Hier kann auch an aktuelle Diskurse in der Medienpädagogik angeknüpft werden, die eine verstärkte Förderung von Medienkritik fordern. Im Medienkompetenzmodell von Dieter Baacke (1996) stellt Medienkritik neben der Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung eine wesentliche Dimension zur Erweiterung des Orientierungs- und Handlungsspielraums dar.

Für die fachliche Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe bedeutet dies einerseits, dass sie vermehrt aufgefordert ist, eine kritische Mediennutzung bei ihren Adressat/-innen zu fördern, andererseits dass Fachkräfte befähigt sein müssen, das eigene (fachliche) Medienhandeln zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Weiterhin wird in der Medienpädagogik aber auch darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Medienkompetenzbegriff zwar zunächst um einen subjektbezogenen Begriff handelt, die Förderung von Medienkompetenz aber auch ein politisches bzw. demokratisches Ziel verfolgt, indem sie den Menschen – so auch Fachkräfte der Sozialen Arbeit – dazu befähigen soll, sich in Diskurse einzumischen, die gegenwärtig sowohl die Digitalisierung thematisieren als auch digitale Medien zur Artikulation nutzen.

Impulsvortrag von Christian Helbig (PDF, 1,07 MB)

Fazit: Orientierungsmöglichkeiten und Sicherheiten im fachlichen Handeln

Die Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe – Chancen und Herausforderungen" hat gezeigt, dass die Digitalisierung für die Kinder- und Jugendhilfe nicht nur deutlich an Relevanz gewinnt, sondern sich die Handlungsfelder auch aktiv mit dem Themenkomplex auseinandersetzen. Deutlich wurde, dass Fachkräfte ebenso wie ihre Zielgruppen mit den ambivalenten Anforderungen und Zumutungen konfrontiert sind, die das Digitale mit sich bringt. Die Meinungen pendelten in der Diskussion zwischen der Forderung nach einer Vermeidung von Datendiensten bzw. einer Datenabstinenz und einer – fast fatalistischen – generösen Datennutzung.

Daran ist erkennbar, dass Akteur/-innen der Kinder- und Jugendhilfe vor allem Orientierungsmöglichkeiten und Sicherheiten in ihrem fachlichen Handeln benötigen. Nicht zuletzt zeigt sich aber auch ein weiterer Bedarf an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung und an einem weiterführenden Diskurs, was Fachlichkeit in der Kinder- und Jugendhilfe unter den Bedingungen der Digitalisierung bedeutet.

Als Leitfrage für die Auseinandersetzung mit Digitalen Medien in der Sozialen Arbeit hat Oliver Steiner festgehalten:

"Wie können Medientechnologien in der Sozialen Arbeit so eingesetzt werden, dass ihnen eine Orientierungsleistung für Professionelle und AdressatInnen zukommt sowie organisationale Problemstellungen sinnvoll und nutzbringend bewältigt werden können, ohne damit Prozesse der professionellen Reflexion und Entscheidungsfindung zu technologisieren und neue Formen sozialer Exklusion zu schaffen?“ (Steiner 2015, S. 33).

Literaturangaben 

  • Baacke, Dieter (1996): Medienkompetenz – Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In: Rein, Antje von (Hrsg.): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn: Klinghardt, S. 112–124.
  • Helbig, Christian (2016): Spannungsfelder der Mediatisierung Sozialer Arbeit – Zur Notwendig-keit einer medienbezogenen Professionalisierung. In: Knaus, Thomas/Engel, Olga (Hrsg.): Wi(e)derstände. Digitaler Wandel in Bildungseinrichtungen. München: kopaed, S. 103-122.
  • Kutscher, Nadia/Ley, Thomas/Seelmeyer, Udo (Hrsg.)(2015): Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.
  • Steiner, Oliver (2015): Widersprüche der Mediatisierung Sozialer Arbeit. In: Kutscher, Nadia/Ley, Thomas/Seelmeyer, Udo (Hrsg.): Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 19-38.
  • Tulodziecki, Gerhard (2012): Medienpädagogische Kompetenz und Standards in der Lehrerbildung. In: Schulz-Zander, Renate et al. (Hrsg.): Jahrbuch Medienpädagogik 9. Wiesbaden: Springer VS.

Über den Autor

Christian Helbig, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln. Dort ist er zuständig für die wissenschaftliche Evaluation im BMBF-Verbundprojekt "Kulturelle Bildung und Medienkompetenzen – Kulturelle Medienbildung" (KuBiMedia) und war bis 2017 Studiengangskoordinator des Masterstudiengangs "Handlungsorientierte Medienpädagogik“" Seine Forschungsinteressen sind Mediatisierungsphänomene und Medienkompetenzförderung in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. 

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe veranstaltete am 05./ 06. Dezember 2016 die Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe" in Berlin. Die Veranstaltung thematisierte medienpädagogische, professions- und organisationsbezogene Fragestellungen genauso wie jugend-, bildungs- und netzpolitische Standpunkte.

Zentrale Aspekte der Diskussion werden in Form einer losen Abfolge von Fachbeiträgen unter  www.jugendhilfeportal.de/themenspecial dokumentiert und für die weitere fachliche Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt.

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