Digitalisierung und Medien / Kinder- und Jugendpolitik

Digital wird´s besser – mit digitalen Werkzeugen mehr Jugendbeteiligung ermöglichen

Eine junge Frau mit VR-Brille am Stand des Gemeinschaftsprojekts jugend.beteiligen.jetzt
Bild: jugend.beteiligen.jetzt – Frank Segert   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter Eine Besucherin am Gemeinschaftsstand von jugend.beteiligen.jetzt auf der Jugendmeile beim Tag der öffenen Tür der Bunderegierung.

Jugendbeteiligung mit digitalen Medien und Internet hat viel Potenzial für demokratiestärkende Maßnahmen und schafft gute Voraussetzung für die Einlösung des Anspruchs von Partizipation. Das Gemeinschaftsprojekt jugend.beteiligen.jetzt entwickelt seit mehr als drei Jahren Werkzeuge, Qualifizierungsangebote, Beratung und Berichterstattung für die Praxis digitaler Jugendbeteiligung und ist ein Baustein im Rahmen der gemeinsamen Jugendstrategie der Bundesregierung. In seinem Fachbeitrag beschreibt Projektkoordinator Jürgen Ertelt konzeptionelle Hintergründe und Gelingensbedingungen für (digitale) Jugendbeteiligung und stellt konkrete Maßnahmen vor.

Das Gemeinschaftsprojekt jugend.beteiligen.jetzt wurde im Jahr 2016  vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen der Jugendstrategie „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ initiiert. Der Name definiert die Aufgabe, ist Aufforderung und zugleich die Internetadresse des Projekts. Die Partner Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), Deutscher Bundesjugendring (DBJR) und IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland haben Werkzeuge, Qualifizierungsangebote, Beratung und Berichterstattung für die Praxis der Jugendbeteiligung mit digitalen Medien und Internet auf der namensgleichen Internetplattform www.jugend.beteiligen.jetzt zusammengeführt. Zielgruppen des Angebots sind Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in Politik, Verwaltung und Jugend- und Kulturarbeit, sowie Initiativen von engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Dabei spricht jugend.beteiligen.jetzt nicht vornehmlich Jugendliche an, freut sich aber über interessierte junge Menschen, die mehr Beteiligung wünschen und anstoßen möchten.

Digitale Jugendbeteiligung

Jugendbeteiligung beinhaltet im Verständnis von jugend.beteiligen.jetzt eine dialogische Auseinandersetzung auf Augenhöhe um Anliegen, die Jugendliche betreffen. Nach einem Aushandlungsprozess wird im Fortgang des Beteiligungsverfahrens die Expertise und die abgestimmten Positionen der Vertreterinnen und Vertreter der jungen Generation zur parlamentarischen Entscheidung vorgelegt. Eine Rückmeldung über die erreichten Ergebnisse ist Bestandteil des Beteiligungsprozesses. Die Initiative zur Beteiligung kann von Betroffenen selbst oder von Vertreter/-innen der Bürgerschaft ausgehen. Angestrebt werden verlässliche Rahmenbedingungen und dauerhafte Strukturen zur Jugendbeteiligung, die sich vereinbarten Qualitätsmerkmalen verpflichten und idealerweise eine rechtliche Verankerung haben. Jugendbeteiligung ist immer eine politische Mitwirkung und unterscheidet sich somit von dem schlichten Einholen von Meinungsbildern, Marktforschung durch empirische Erhebungen oder von unverbindlicher Engagementförderung.

Digitale Jugendbeteiligung soll mit den Möglichkeiten von Medien und Internet den Beteiligungsprozess für junge Menschen auf den ihnen vertrauten Kommunikationswegen zugänglicher machen. Digitale Medien und Internet gehören zum Lebensalltag Jugendlicher und sind Instrumente zur Informationsaufnahme, Meinungsbildung und Mitteilung von Sichtweisen. Sie können Orte der Diskussion und Solidarität werden, um zielgerichtet Aufmerksamkeit für Ideen und Forderungen zu erzeugen, die ihre Positionen jugendgerechter im demografischen Wandel abbilden.
Medienkompetenz wird zur Schlüsselqualifikation für gesellschaftliche Akteure, um Medien und Internet für die Gestaltung und Weiterentwicklung einer gerechten Gesellschaft einsetzen zu können. Medienkompetenz ist Voraussetzung für Partizipation.

Digitale Zugänge, Methoden, Darstellungs- und Mitteilungsmöglichkeiten bieten eine neue, transparentere Qualität von Beteiligung. Kampagnen, Petitionen oder Crowdfunding sind neue Möglichkeiten, die das Internet zu einem starken Werkzeug für Demokratieentwicklung machen können. Dabei darf das „Neuland“ keiner Inflation der Ansprüche und Erwartungen ausgesetzt werden.

Jugendbeteiligung mit digitalen Medien und Internet hat viel Potenzial für demokratiestärkende Maßnahmen und schafft gute Voraussetzung für die Einlösung des Anspruchs von Partizipation. Ein guter Grund für mehr digitale Jugendbeteiligung ist vor allem die Unabhängigkeit von Zeit und Ort, um sich einzubringen. Dadurch entsteht ein niederschwelliger Zugang für Interessenvertretungen. Durch die Protokollfunktionen der Software gehen keine Ideen und Diskussionsbeiträge verloren. Die einsehbaren, medial dokumentierten Prozesse schaffen mehr Transparenz im Beteiligungsverfahren und stellen eine größere Öffentlichkeit für Anliegen her. Und, digitale Werkzeuge und Internetanwendungen müssen sich nicht auf Schriftsprache beschränken. Die Begleitung durch Ton und Bild verstärkt gute Argumente.

Digitale Werkzeuge

Beim Anlegen eines Beteiligungsverfahrens stehen die Konzeption, die festgelegten Ziele und die zeitliche Rahmung im Vordergrund. Digitale Helfer können einen strukturierten Ablauf und eine Begleitung des Prozesses nicht ersetzen, nur erleichtern. So darf nicht medialer Aktivismus oder der Wunsch nach einer digitalen eierlegenden Wollmilchsau Antrieb der ernsthaften Jugendbeteiligung sein; eine „App“ ist kein Garant für gelingende Partizipation. Digitale Werkzeuge für Beteiligung sind Instrumente für mehr Zugänglichkeit, die Grenzen ihrer Anwendungen leiten sich von der vereinbarten Mitwirkungsebene ab und nicht von der Anwendungsvielfalt des Softwaretools. Das gilt selbstverständlich auch in umgekehrter Bedingungslage: Nicht jedes Werkzeug ist für jedes Verfahren geeignet. So braucht ein bereits bestehender Jugendrat eher eine Projektmanagementsoftware und ein dauerhaftes Aushandlungswerkzeug für Anhörung und Abstimmung, ein den Sozialraum erforschendes Projekt, das Verbesserungen erarbeitet, wird eher mit Fotos und Videos Orte dokumentieren und Gesammeltes zur Diskussion stellen. Nichtsdestotrotz sollten je nach konkreter Lage Mischformen möglich sein, natürlich auch mit bewährten analogen Methoden. Es sollten auch (trotz Datenschutzbedenken) die (Social Media-) Apps der Jugendlichen berücksichtigt werden. Besser sind digitale Werkzeuge, die situativ aufgrund ihrer offenen Nutzungslizenz (open source) angepasst werden können.

Das Projekt jugend.beteiligen.jetzt entwickelt solche offen gestaltbaren Anwendungen, digitalisiert bewährte analoge Werkzeuge und passt sie an lokale Gegebenheiten an. Besonders spannend können für Beteiligungsverfahren neue hybride Formate der kreativen Auseinandersetzung sein: Hackathons (offene Programmiersessions) und Makerspaces (Basteltreffs für Hardwarelösungen), aber auch Design-Thinking-Workshops oder Barcamps (sog. Unkonferenzen bei denen Teilnehmende Teilgebende sind). Immer gilt: Konzept vor Tool, Anliegen vor Darstellung.

Bedingungen gelingender (digitaler) Jugendbeteiligung

Jugendbeteiligung braucht wie jede intervenierende Arbeit gute Bedingungen um erfolgreich zu sein. Trotz aller digitalen Online-Möglichkeiten braucht es weiterhin persönliche Ansprechpartnerinnen und -partner, die als Übersetzende und „Erklärbären“ den Prozess begleiten. Entscheidend für gelingende Beteiligung sind weiterhin eine formale Absicherung des Verfahrens durch Gemeindeordnung, Ratsbeschluss oder geschlossener Beteiligungsverträge, die Grenzen und Möglichkeiten der Einflussnahme definieren. Beteiligung mach nur Sinn wenn es einen Anlass gibt, unabhängig davon, dass Partizipation Prinzip sein sollte. Dann bedarf es einer konzeptionellen Vorbereitung und Planung, die die Lebenswelt der Mitwirkenden zugrunde legt. Um solche Prozesse gestalten und steuern zu können ist die Qualifizierung der Beteiligten, besonders der Akteure aus Politik und Verwaltung, notwendig. Kompetenz und Beteiligungswille der am Prozess beteiligten Aktiven ist die grundlegende Voraussetzung für wirksame Partizipation. Das Projekt jugend.beteiligen.jetzt berät und begleitet auf Basis von validen Qualitätsmerkmalen und Guidelines, die auf der Plattform bereitgestellt und kommentiert werden.

Anspruch und Praxis

Im Praxischeck zeigt sich deutlich, dass es eine weit gefasste Bandbreite von Partizipation gibt, die der Konkretisierung bedarf, um einem Partizipationsanspruch zu genügen. Hinsichtlich der digitalen Möglichkeiten mangelt es an medienkompetenten Herangehensweisen, die angstbesetzt zur Verweigerung nicht-analoger Methoden führen können und somit den Beteiligten unterstützende Möglichkeiten vorenthalten. Diese Problemlage abzufedern ist eine der Herausforderungen für jugend.beteiligen.jetzt. Ihr kann nur mit noch mehr unterschiedlichen, örtlichen und virtuellen Qualifizierungs- und Beratungsangeboten begegnet werden. Es gilt die Erkenntnis zu befördern, dass digitale Jugendbeteiligung kein lästiges Beiwerk der Entscheidungsfindung ist, sondern einen Mehrwert zur Demokratieentwicklung und für nachhaltige Gemeinwesenbildung schafft.

Qualifizierung und Vernetzung

jugend.beteiligen.jetzt begegnet dem deutlich erkennbaren Bedarf an passgenauer Qualifizierung mit einem gefächerten Angebot von Fortbildungsmöglichkeiten, online – und in physischen Begegnungen. Auf seiner Webseite versammelt das Projekt gute Praxisbeispiele auf einer Landkarte und gibt ausführliche Nutzungshinweise auf geprüfte Software. In unterschiedlichen Qualifizierungsreihen, die mehrtägig und mehrwöchig in Bildungsstätten stattfinden, werden alle Aspekte mediengestützter Beteiligung diskutiert und erprobt. Ein frei verfügbares Curriculum der Fortbildungsinhalte steht weiteren Anbietern für eigene Kursangebote zur Seite. Ein Qualifizierungsnetzwerk, der im Bereich Jugendbeteiligung aktiven Fortbilder/-innen und Prozessmoderator(inn)en, gewährleistet eine bundesweite Abdeckung der vielfältigen Themen. Für alle, die wenig reisen wollen oder können und einen zeitlich entspannten Einstieg wählen möchten, gibt es eine Webvideoreihe zu den wichtigen Fragestellungen der digitalen Jugendbildung und ein MOOC (massive open online course) für selbständiges Fernlernen. jugend.beteiligen.jetzt findet man bei vielen Tagungen und Barcamps in der Jugendbildungsarbeit mit partizipativen Projektthemen, die als Workshops, Sessions oder Vorträgen eingebracht werden.

Ausblick

Das Angebot von jugend.beteiligen.jetzt wird von den drei Trägern verstetigt werden. Somit kann weiterhin eine notwendige Beteiligungskultur, die der Demokratiestärkung dient, entwickelt werden. Dabei wird das Augenmerk noch intensiver auf Begleitung und Qualifizierung gelegt werden. Hierzu werden u.a. praxiserprobte Pakete (Toolkits) geschnürt werden, die vorhandene Jugendparlamente und kommunale Initiativen digital unterstützen können. Vorsatz ist, Jugendliche noch frühzeitiger einzubeziehen und spontane Jugendinitiativen mitzunehmen. Im europäischen Austausch sollen Erfahrungen mit verwandten Fachaufgaben zu mehr gewinnbringendem Wissenstransfer führen.  Neue Technik schafft neue Möglichkeiten im Repertoire der Jugendbeteiligung. So können Augmented und Virtual Reality-Anwendungen und neue Perspektiven eröffnende 360 Grad-Videos und Drohnen-Aufnahmen Kommunikation initiierende Optionen in Beteiligungsverfahren werden.

Über den Autor

Jürgen Ertelt, geboren 1957, Sozial-und Medienpädagoge, realisiert als Webarchitekt Konzepte für die Bildungsarbeit mit vernetzten digitalen Medien. Jürgen Ertelt ist seit mehr als 30 Jahren medienpädagogisch aktiv. Politisch engagiert er sich zu Herausforderungen des Internets mit Blick auf Demokratie, Staat und Gesellschaft. Jürgen Ertelt arbeitet als Koordinator bei www.ijab.de im Gemeinschaftsprojekt www.jugend.beteiligen.jetzt.

Weitere Informationen und Veröffentlichungen des Projekts finden sich auch unter www.jugendhilfeportal.de/jugend-beteiligen-jetzt/.

Dieser Namensbeitrag wurde im FORUM Jugendhilfe (Heft 04/2018) mit dem Themenschwerpunkt „Jugendpolitik/Jugendstrategie“ erstveröffentlicht und steht auch dort zur Verfügung.

Weitere Informationen zur gemeinsamen Jugendstrategie der Bundesregierung finden sich außerdem auf dem Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe unter: www.jugendhilfeportal.de/jugendstrategie