Digitalisierung und Medien / Qualifizierung

Das Leben findet im Internet statt – auch in der Sozialen Arbeit

Jugendliche zeigen sich gegenseitig Dinge auf dem Smartphone
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Im Rahmen der vom Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe veranstalteten Tagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe" führte Sabine Depew einen Workshop zur Eigenlogik digitaler Kommunikation und den organisationsbezogenen Anforderungen der Digitalisierung durch. In ihrem Gastbeitrag beschreibt sie den digitalen Kulturwandel und fordert den kompetenten Umgang mit Medien in der Sozialen Arbeit.

Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin bezeichnete die digitale Revolution nach der industriellen und elektronischen als die dritte große Revolution, die das menschliche Zusammenleben maßgeblich verändern wird.

Seine Aussage aus dem Jahr 2015 ist längst Wirklichkeit geworden. Es geht längst nicht mehr um die Automatisierung von Vorgängen oder technischen Hilfen, sondern das statische Internet 1.0 wurde durch ein interaktives Web 2.0 abgelöst und das Internet der Dinge wird zur Alltagsrealität.

Digitale Alternative zum menschlichen Kontakt?

In der sozialen Arbeit, da wo der menschliche Kontakt ein hohes Gut und nachgewiesen in der therapeutischen, erzieherischen und pflegerischen Arbeit zur ethischen Grundhaltung gehört, fällt es schwer, anzunehmen, dass es digitale Alternativen geben kann.

Gleichzeitig zeigen Erhebungen, dass junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren nahezu zu 100% online sind. Auch für Menschen bis zum 60. Lebensjahr trifft eine deutlich gestiegene Häufigkeit zu. Und selbst über 60jährige waren im Jahr 2014 zu 48% online.


Bild: Isabel Kiesewetter

Lebenswelt Internet

Da gerade die soziale Arbeit sich verstärkt dahin ausrichtet, wo die Menschen sich aufhalten, klassisches Beispiel etwa die offene Kinder- und Jugendarbeit oder Streetwork, wird auch das Internet ein Ort, sich jungen und auch älteren Menschen zuzuwenden und Präsenz zu zeigen bzw. Angebote vorzuhalten.

Und nicht nur das. Das Internet bietet ähnlich wie in der medienpädagogischen Frühgeschichte das Fernsehen, neue Angebote in der Bildung an, um das Lernen zu vereinfachen. In meinen Blogbeitrag "Hat Snapchat das Potential die neue Sesamstraße zu sein?" erinnere ich daran, dass diese Fernsehserie konzipiert wurde, Kindern in der Bronx in New York das Alphabet nahe zu bringen.

Digitale Medien in der Bildung

Der Einsatz digitaler Medien in der Bildung hat engagierte Lehrer/-innen dazu veranlasst, das digitale Lernen im Unterricht zu erproben, zum Beispiel das Ipad-Projekt, das 2011 startete, und das multimediales Lernen über Blogs, Twitter, Youtube und "Flipped Classrooms", eine Methode des Blended Learnings, anwendete.

Diese Modelle haben dazu geführt, dass im vergangen Jahr ein digitaler Bildungspakt auf Bundesebene verabredet und mit Fördermitteln hinterlegt wurde, der Schulen und Bildungseinrichtungen mit den notwendigen Ressourcen und Kompetenzen ausstatten soll.

Organisationen in der digitalen Transformation

Bildungsarbeit und soziale Arbeit, besonders im Umgang mit Kindern und Jugendlichen aber auch zunehmend mit älteren Menschen, setzen also voraus, dass in deren Organisationen Konzepte der digitalen Transformation entwickelt und durchgeführt werden.

Das fängt bei der Ausstattung an, setzt sich über die Schulung der Fachkräfte fort, führt über die Anwendung hin zu der Entwicklung neuer Angebote.

Da die technologische Entwicklung sehr schnelllebig ist, wird die Medienkompetenz zu einem entscheidenden Qualifikationsmerkmal der Zukunft werden.

Digitale Medien als Hilfsmittel des Sozialen

Im Kontext des Internets der Dinge gibt es mittlerweile Experimente, die nachweisen, dass der Einsatz von Robotern bei Demenzpatienten ähnlich positive Gefühle auslösen kann wie ein Lebewesen.

Die Erfahrungen von Menschen auf der Flucht haben gezeigt, wie überlebenswichtig das Smartphone bei der Organisation des Weges und auch bei der Integration in eine fremde Gesellschaft ist. Eine Liste digitaler Hilfsmittel für Flüchtlinge zeigt hier konkrete Beispiele auf.

Ältere Menschen skypen, um mit ihren Enkeln in Kontakt zu bleiben. Wohneinrichtungen für ältere Menschen müssen entsprechend ausgerüstet sein. Wlan ist zum Mindeststandard in der Gesundheits- und Altenpflege geworden.

Bereits 2014 beim Zukunftskongress der Aktion Mensch konnte ich mich davon überzeugen, dass Menschen mit Behinderung die digitale Klaviatur der digitalen Medien nicht nur beherrschen, sondern auch sinnvoll nutzen, um zu kommunizieren, als Hilfsmittel einzusetzen, sich zu vernetzen und politisch (inter-)aktiv zu werden.

Onlineberatung in der Kinder- und Jugendhilfe

In der Kinder- und Jugendhilfe ist die Onlineberatung ein wichtiges Beispiel, das nachweislich die Erreichbarkeit erhöht und vergleichbar mit der Telefonseelsorge Jugendliche, zum Beispiel bei Suizidgefährdung, erreicht. Weitere Onlineangebote sind  hier gelistet.

In der Regel sind die digitalen Netzwerke die Medien, die die größte Skepsis im Kontext des digitalen Wandels auslösen. Gerade wir Deutschen führen hier vor allem anderen den Datenschutz an, der natürlich im Umgang mit Klienten, Patienten, Bewohnern, Kindern und Jugendlichen eine gewichtige Rolle spielt.

Warum also digitale Medien anwenden?

Aus Gründen, die bereits genannt wurden. Weil sie zur gängigen Kommunikationsform geworden sind und die Erreichbarkeit der Hilfesuchenden erhöhen. Es kommt hinzu, dass Fachkräfte häufig Medien benutzen (zum Beispiel WhatsApp), weil es so einfach ist und vermeintlich geschützt dem Informationsaustausch dient. Auch Informationen, die dem Datenschutz unterliegen. Das Gleiche kann auch mit einem nicht abgeschlossenen Aktenschrank oder am Telefon passieren. Die Antwort ist hier nicht Vermeidung sondern kompetenter Umgang mit den Medien!

Wir sind mitten drin im Kulturwandel

Die Herausforderungen, vor denen soziale Organisationen stehen, sind jedoch nicht einfach nur mit Fachkräfteschulungen zu beantworten. Und dennoch bilden geschulte Fachkräfte eine wesentliche Voraussetzung für den digitalen Transformationsprozess, durch den jede (soziale) Organisation gehen muss.

Gleichzeitig verändert sich durch den rasanten technologischen Fortschritt unsere Umwelt fast täglich. Man bedenke, das Smartphone ist erst 10 Jahre alt und steuert per Smarthome-Funktion schon fast unser Zuhause. Was wird in den nächsten fünf oder zehn Jahren passieren?

Es gibt keinen Unterschied zwischen der digitalen und analogen Welt. Das Leben findet im Internet statt. Wir kommunizieren darin, wir organisieren unsere Arbeit dort, wir vernetzen uns in Arbeits- und Freizeitgruppen, wir teilen und verteilen Wissen und das ist auch gleichzeitig die Kultur, die unser gegenwärtiges und zukünftiges Arbeitsleben, auch in sozialen Organisationen, prägen wird.

Intelligentes vernetztes Arbeiten

Wir denken organisationsübergreifend in Netzwerken auf gemeinsamen Plattformen. Das erfordert agile Managementmethoden, die kurzlebige Veranstaltungsformate nutzen, die den Mitarbeitenden zutrauen, sich in den Netzwerken zu bewegen und die wissen, wie die digitalen Instrumente in der Personalgewinnung, dem Fundraising, der Lobbyarbeit und nicht zuletzt der sozialen Praxis einzusetzen sind.

Intelligentes vernetztes Arbeiten wird den Alltag der sozialen Arbeit bestimmen und gerade für und mit den Heranwachsenden ist es wichtig, dass die Fachkräfte sich auskennen, damit sie die Chancen und Risiken benennen, schulen und den kompetenten Umgang vermitteln können. Gerade auch, um zu verhindern, dass eine digitale Kluft entsteht, und im Gegenteil das digitale Instrumentarium dahin zu entwickeln, dass es Bildungszugänge erleichtert und schafft.

Workshop-Präsentation

Über die Autorin

Sabine Depew ist Leiterin des Bereichs Kinder, Jugend und Familie im Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln und eine der leitenden Personen im Bereich Digitalisierung für die Caritas in Deutschland. Sie bloggt unter "Zeitzuteilen" über den digitalen Wandel in der sozialen Arbeit.

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe veranstaltete am 05./ 06. Dezember 2016 die Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe" in Berlin. Die Veranstaltung thematisierte medienpädagogische, professions- und organisationsbezogene Fragestellungen genauso wie jugend-, bildungs- und netzpolitische Standpunkte.

Zentrale Aspekte der Diskussion werden in Form einer losen Abfolge von Fachbeiträgen unter  www.jugendhilfeportal.de/themenspecial dokumentiert und für die weitere fachliche Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt.

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