Digitalisierung und Medien / Jugendforschung

„Bis nachher im VZ“ – Soziale Online-Netzwerke sind Lebensraum vieler Jugendlicher

Soziale Online-Netzwerke wie SchülerVZ oder Facebook bringen neue Handlungsräume hervor, die für jugendliche Nutzer von zentraler Bedeutung, für ihr soziales Leben unentbehrlich geworden sind. Sie sind Treffpunkte des Freundeskreises, Kontaktbörsen und Flächen zur Selbstdarstellung. Hinweise auf Chancen und Gefahren der sozialen Online-Netzwerke bieten die aktuellen Ergebnisse des „Soziale Online-Netzwerke-Reports 2010“, der auf Daten einer quantitativen Online-Befragung des Jahres 2009 von mehr als 6000 Nutzerinnen und Nutzer sozialer Netzwerkplattformen zwischen 12 bis 19 Jahren und auf qualitativen Interviews mit 31 Jugendlichen selben Alters basiert. Die Untersuchung wurde im Rahmen des Medienkonvergenz Monitoring (MeMo) durchgeführt, das im Auftrag der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) durchgeführt wird.

Cover der Studie

Prof. Dr. Bernd Schorb, Leiter der Untersuchung und Professor für Medienpädagogik und Weiterbildung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, bekräftigt: „Soziale Online-Netzwerke haben sich innerhalb kürzester Zeit verbreitet und zu einem zentralen Bestandteil des Medienalltags Jugendlicher entwickelt. Damit einher geht auch eine neue Qualität der sozialen Beziehungsarbeit, mit der Jugendliche heute selbstverständlich aufwachsen“. Dabei weist der Medienexperte auch auf Risiken hin: „Die Netzwerkplattformen bieten Heranwachsenden ohne Zweifel viele Möglichkeiten, haben aber auch problematische Seiten, insbesondere, wenn es um Differenzen im sozialen Miteinander oder den Umgang mit persönlichen Daten geht“.

Zentrale Ergebnisse der Untersuchung

„Ich bin da eigentlich ständig“. Soziale Online-Netzwerke sind zu einem Ritual jugendlicher Internetnutzung geworden, das oft parallel zu anderen Medien- bzw. Internetaktivitäten erfolgt. Dabei zeigt sich ein deutlicher Trend zur Nutzung mehrerer Netzwerkplattformen: insgesamt 70% der online befragten Jugendlichen sind auf mindestens zwei Online-Netzwerken aktiv. Ein Fünftel der Befragten nutzt drei und ein Zehntel sogar vier soziale Online-Netzwerke. Grund dafür ist, dass sich die Jugendlichen auf verschiedenen Plattformen mit unterschiedlichen Freundeskreisen vernetzen, neue Kontakte zu ‚Gleichgesinnten‘ suchen und spezifische inhaltliche wie funktionale Ausrichtungen der verschiedenen Plattformen schätzen.
„Da spielt sich halt auch außerhalb von der Schule das soziale Leben ab“. Die soziale Beziehungsarbeit ist für Jugendliche das Wichtigste an den Netzwerkplattformen: es geht ihnen darum, Freundschaften zu pflegen, den gemeinsamen Alltag zu organisieren und neue Freunde kennen zu lernen. Die virtuelle Welt ist damit keine, die mit der realen Welt der Jugendlichen nichts gemein hat. Vielmehr stellt sie eine Erweiterung und Fortsetzung des sozialen Raums im Digitalen dar. Das Mitmachen auf Netzwerkplattformen ermöglicht Heranwachsenden auch, sich sozial zu integrieren, über persönlich wichtige Themen zu diskutieren und damit nicht zuletzt an der (Medien-)Gesellschaft teilzuhaben.
 
„Ich will vor allen Dingen meinen Charakter darstellen.“ Die Mehrheit der Jugendlichen schätzt die Möglichkeiten, sich im sozialen Raum der Online-Netzwerke selbst darzustellen und sich anderen damit zu präsentieren, insbesondere im Rahmen der Gestaltung eigener Profilseiten und der Mitgliedschaft in Gruppen. Hier präsentieren die Heranwachsenden die vielfältigen Facetten ihrer Persönlichkeit. Nur für einen kleinen Teil der Befragten ist dabei das Hineinschlüpfen in andere Rollen und damit das mediale Probehandeln bedeutsam. Die meisten Jugendlichen legen vielmehr Wert auf eine (nach subjektiven Kriterien) authentische Selbstdarstellung.

„Weil es für mich eine einfache Kommunikationsmöglichkeit ist.“ Die interpersonale Kommunikation mit Freunden und Bekannten ist die wichtigste Funktion der Netzwerkplattformen für die befragten Jugendlichen. Ausgangspunkt dafür sind die Profilseiten, die neben der eigenen Präsentationsfläche auch einen gemeinsamen Kommunikationsraum darstellen. Dabei findet der Austausch sowohl über Nachrichten, Pinnwände und plattforminterne Instant-Messenger statt, als auch über die Profile und ihre Vernetzungstools (wie Freundeslisten und Gruppen). Auch Bilder sind Mittel der Kommunikation: Die überwiegende Mehrheit der Befragten hat schon selbst Bilder auf Plattformen gestellt, z.B. zu gemeinsamen Erlebnissen mit Freunden, sowie Bilder anderer NutzerInnen kommentiert, was wiederum Anlass für weitere verbale Kommunikation ist. Dieses produktive und kommunikative Mitgestalten des Netzwerkes ist damit eng mit den sozialen Interessen der Jugendlichen verbunden.

Problematische Seiten der Nutzung sozialer Netzwerkplattformen

„Ich wurde gemobbt“: Fast jede vierte Befragte Person gibt an, bereits schlechte Erfahrungen bei der Nutzung Sozialer Online-Netzwerke gemacht zu haben. Diese Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Probleme im sozialen Miteinander zwischen den Nutzenden. Thematisiert werden insbesondere Beleidigungen, Bedrohungen und Mobbing, aber auch sexuelle Belästigung, von denen vor allem Mädchen betroffen sind. Zugleich gibt jede/r sechste Befragte an, schon selbst in Netzwerkplattformen etwas getan zu haben, das sie bzw. er im Nachhinein bereut hat. Begünstigt wird dieses problematische Handeln durch die Möglichkeit des anonymen bzw. pseudonymen Agierens in den Netzwerken.

„Ich find das blöd, wenn Leute ihre Seite verstecken. Das ist doch dann sinnlos“.
Fast alle befragten Heranwachsenden kennen die Privatsphäre-Einstellung und damit die Möglichkeit, den Zugriff Fremder auf das eigene Profil zu unterbinden. Weniger als die Hälfte der Befragten macht von dieser Funktion Gebrauch. Zentrale Gründe, den Zugang auf die eigenen Daten nicht zu beschränken, sind insbesondere der Aufbau neuer Beziehungen und der Wunsch nach umfassender Selbstpräsentation.
Zugleich werden Gefahren bei der Preisgabe persönlicher Daten durchaus wahrgenommen. Dieses Spannungsverhältnis führt zu Unsicherheiten im Handeln der Jugendlichen, die auf notwendige medienpädagogische Unterstützung verweisen.

Quelle: Universität Leipzig

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