Sie sind hier: Startseite  Im Fokus  Demokratie

Demokratie / Ganztagsbildung

Thema Demokratie kommt in Schulen zu kurz

Viele nach oben gereckte Hände
Bild: rawpixel.com

Demokratie muss gelernt werden. Schulen sind hierfür ein wichtiger Ort, da sie alle Kinder und Jugendlichen erreichen. Dem werden Schulen in Deutschland derzeit aber nicht hinreichend gerecht. Eine Befragung unter mehr als 1.200 Lehrkräften zeigt, dass Demokratie im Unterricht nur eine untergeordnete Rolle spielt. Eine Ursache: Das Thema wird in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften zu wenig behandelt.

In Zeiten, in denen Populisten in Europa bei Wahlen erfolgreich sind, ist das Thema Demokratie wichtiger denn je. Allerdings nimmt das Thema in Schulen nur einen mittleren Stellenwert ein. In einer neuen Online-Befragung des Berliner Instituts für Gesellschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung  geben knapp vier Prozent der Lehrkräfte an, dass Demokratiebildung einen hohen Stellenwert in ihrem Schulalltag hat. Für die meisten Lehrkräfte (96 Prozent) ist schulische Demokratiebildung nur von mittlerer Bedeutung. Aber: Fast Dreiviertel der Lehrkräfte geben an, selbst einen demokratischen Umgang mit ihren Schülern zu pflegen und eine Orientierung an Werten wie Respekt, Fairness und Gleichbehandlung zu vermitteln. Dennoch sind die Möglichkeiten für Schüler, sich im Schulalltag demokratisch zu beteiligen noch ausbaufähig.

Unterrichtsformate, die Demokratiebildung stützen, werden nur von 1,3 Prozent der Lehrkräfte umfassend eingesetzt. Zum Beispiel die Teilnahme an Schülerparlamenten, Projektwochen mit Fragen zu Demokratie-Entwicklung oder etwa an einem Demokratietag ist in Schulen eine absolute Ausnahme. Weniger als zehn Prozent der Lehrkräfte geben an, dass ihre Schüler mit solchen Formaten der Demokratiebildung in den letzten zwölf Monaten Erfahrungen machen konnten. Dazu kommt, dass sich nur rund die Hälfte der Befragten von ihren Schülern in diesem Zeitraum ein systematisches Feedback eingeholt hat, in dem die Schüler auch Kritik am Unterricht üben durften.

Demokratiebildung – kein Thema in der Qualifizierung von Lehrkräften

In der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften sind Inhalte der Demokratiebildung unterrepräsentiert. Nur 16 Prozent der Befragten haben sich im Studium damit intensiv auseinandergesetzt, im Referendariat sinkt der Wert auf 13 Prozent und in der Weiterbildung ist das Thema für 18 Prozent von hoher Relevanz.

„Lehrkräfte haben viele Möglichkeiten, jungen Menschen in Schulen Demokratie zu vermitteln. Wir müssen sie dabei unterstützen, sich für diese Aufgabe in Aus- und Weiterbildung die notwendigen Kompetenzen anzueignen“, sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Hier seien die Länder gefragt, um entsprechende Qualifizierungsangebote im Studium, Referendariat und der Lehrerweiterbildung auszubauen, so Brigitte Mohn weiter. Aber auch zivilgesellschaftliche Akteure könnten durch Projekte und Programme einen Beitrag leisten. Deswegen ergänzt Mohn: „Die Bertelsmann Stiftung hat zum Beispiel mit Experten aus Wissenschaft und Praxis den digitalen MOOC-Kurs 'Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen' entwickelt und stellt ihn Studierenden kostenlos zur Verfügung.“

Wie Schulen Demokratie leben und vermitteln können, sollte in der Qualifizierung von Lehrkräften einen höheren Stellenwert bekommen. So können sie die erforderlichen Kompetenzen erwerben, um Schüler zu befähigen, sich mit der Gesellschaft kritisch auseinanderzusetzen, reflektiert Urteile bilden zu können und das Gemeinwesen verantwortlich mitzugestalten. Gute Voraussetzungen sehen die Projektverantwortlichen darin, dass sich die heutige Lehrergeneration in der ganz überwiegenden Mehrheit einer demokratischen Schul- und Unterrichtskultur verpflichtet fühlt.

Kompetente Lehrkräfte – Voraussetzung für mehr Demokratiebildung

In der Studie wurde untersucht, welche Faktoren Lehrkräfte darin bestärken, dem Thema Demokratie mehr Raum und Zeit innerhalb und außerhalb des Klassenraums zu geben. Die Bereitschaft steigt, wenn Lehrkräfte:

  • über die hierfür relevanten Kompetenzen verfügen, zum Beispiel prosoziales Verhalten der Schüler fördern oder die Vielfalt der Schüler als Ressource der Schulkultur nutzen können.
  • sich im Studium, im Referendariat und in der Weiterbildung intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben.
  • sich als selbstwirksam empfinden und überzeugt sind, auch schwierige Situationen meistern zu können.

Darüber hinaus sei es wichtig, dass Demokratiebildung einen hohen Stellenwert in der gesamten Schule hat, indem sie zum Beispiel im Leitbild der Schule verankert ist, belegt die Studie.

Hintergrundinfo

Für die Studie Demokratiebildung in Schulen wurde im Zeitraum November und Dezember 2017 bundesweit eine Online-Befragung unter Lehrkräften durchgeführt und insgesamt 1.216 Antworten von Lehrkräften ausgewertet. Um die Datenqualität der Stichprobe zu erhöhen, wurden die Ursprungsdaten nach Schulform und Bundesland gewichtet. Die Stichprobe bildet in der vorliegenden Form die Grundgesamtheit der Lehrkräfte an weiterbildenden Schulen zutreffend ab. Ziel der Untersuchung war es, den Status quo der Demokratiebildung an den weiterführenden Schulen aus Lehrerperspektive zu erheben und zu analysieren, welche Faktoren über die Intensität der Demokratiebildung in der Tätigkeit von Lehrkräften entscheiden. Die Untersuchung liefert nicht nur eine Beschreibung der Ist-Situation, sondern auch einen Erklärungsansatz für den unterschiedlichen Stellewert von Demokratiebildung in deutschen Schulen.

Weiterlesen

Download der Studie Demokratiebildung an Schulen (PDF; 4,1 MB)

Quelle: Bertelsmann Stiftung vom 15.11.2018

Info-Pool