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Demokratie / Kinder- und Jugendarbeit

Aktionswochen gegen Antisemitismus: „Du Jude“ darf keine Beleidigung sein

Fünf Menschen halten die Plakate der Kampagne hoch und vor ihre Körper.
Bild: Amadeu Antonio Stiftung

Die Kampagne „Du Jude! #sowhat?“reagiert auf antisemitische Beleidigungen unter Jugendlichen. Anlass hierfür sind die bundesweiten Bildungs- und Aktionswochen rund um den 9. November. Das Motto und die Kampagnenmotive setzen hierbei ein Zeichen gegen Antisemitismus im Kontext von Jugend und Schule.

„Du Jude!“ zählt nach Auskunft der Amadeu Antonio Stiftung zu den gängigsten Beleidigungen auf deutschen Schulhöfen, jüdische Schüler sind demnach regelmäßig antisemitischem Mobbing ausgesetzt. Zahlreiche Fälle der letzten Monate haben gezeigt, dass antisemitische Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt an Schulen ein erschreckendes Maß angenommen haben. Die Betroffenen berichteten fast immer, dass sie sich komplett alleingelassen fühlen. Mit der Kampagne „Du Jude! #sowhat?“ möchte die Amadeu Antonio Stiftung ein Zeichen gegen Antisemitismus im Kontext von Jugend und Schule setzen.

Über 170 Veranstaltungen während der Aktionswochen

Zum 17. Mal findet mit den Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus die bundesweit größte Kampagne gegen Antisemitismus statt. Durchgeführt werden sie von Amadeu Antonio Stiftung und Anne Frank Zentrum. Bis Mitte Dezember finden mehr als 170 Veranstaltungen wie Vorträge, Workshops und Seminare, Projekttage in Schulen, Zeitzeugengespräche, Mahngänge, Konzerte, Theater- und Filmvorstellungen statt, die für Antisemitismus sensibilisieren und über das Judentum aufklären.

In Kassel, Köln und Bergisch Gladbach werden Auszüge aus der Chronik antisemitischer Straftaten der Amadeu Antonio Stiftung an öffentliche Gebäude projiziert, um auf Gewalt und Diskriminierung aufmerksam zu machen, die Jüdinnen und Juden alltäglich erleben.

Debatte um ‚Jude‘ als Schimpfwort anregen

Das diesjährige Kampagnenmotto greift die als Beleidigung beabsichtigte Ansprache „Du Jude!“ provokant auf und hinterfragt mit dem Zusatz „so what?“, was überhaupt schlimm daran sei, jüdisch zu sein. Um deutlich zu machen, dass ‚Jude‘ kein Schimpfwort ist, werden dem Wort auf vier verschiedenen Motiven alltägliche Gegenstände gegenübergestellt, die ebenfalls als Beleidigung verwendet werden. Denn auch als Vogel, Lappen, Pfosten oder Lauch beschimpfen sich vor allem Jugendliche gerne.

„Jüdische Initiativen und Interessenvertretungen sind zunehmend besorgt über die Verwendung des Wortes ‚Jude‘ als Beleidigung an deutschen Schulhöfen. Wer das Wort ‚Jude‘ als Abwertung verwendet, benutzt eine antisemitische Äußerung. Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger auftreten, sondern bewusst Aufmerksamkeit erregen und zur Diskussion anregen“, erklärt Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung. Die Kampagnenmotive werden im November und Dezember auf Großplakaten in Berlin und mehreren Städten Nordrhein-Westfalens gezeigt.

Frühe Vermittlung von Vielfalt notwendig

„Die Prävention von Antisemitismus kann nicht früh genug beginnen. Schon in der Grundschule braucht es Konzepte zur Vermittlung von Vielfalt und zur kritischen Auseinandersetzung mit antisemitischen Stereotypen und Diskriminierung“, sagt Patrick Siegele, Direktor des Anne Frank Zentrums. Ende des Jahres wird eine Handreichung für Lehrer zum Umgang mit Antisemitismus in der Grundschule erscheinen, die Konzepte und Methoden für pädagogische Fachkräfte enthält.

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, Pate der diesjährigen Aktionswochen gegen Antisemitismus, ruft dazu auf, sich als Gesellschaft gegen Antisemitismus zu stellen: „Gerade nach dem Anschlag von Halle müssen wir Solidarität mit den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden ganz offen zeigen. Wer diesen Anschlag als ‚Alarmsignal‘ bezeichnet, ignoriert damit all die anderen Alarmsignale, die es schon seit Jahrzehnten gibt.“

Antisemitismus darf nicht unwidersprochen bleiben

Dr. Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Chemnitz: „Als gelernte Pädagogin sehe ich einen wesentlichen Ansatzpunkt in der Schule. Antisemitismus unter Jugendlichen darf nicht unwidersprochen bleiben. Wir benötigen niedrigschwelliges Material wie das der Amadeu Antonio Stiftung, um junge Menschen zu erreichen.“

Über die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus

Die Aktionswochen finden seit 2003 jährlich statt. Seither haben über 500 Partnerorganisationen mehr als 3.000 Veranstaltungen in 200 Orten durchgeführt. Gefördert wird die Kampagne durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“

Quelle: Amadeu Antonio Stiftung vom 08.11.2019