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Zwischenruf

Zur Krisenlage der Angebote im Ganztag und der Horte

Drei Kinder kommen mit ihren Rucksäcke lachend aus einem Schulgebäude
Bild: © vectorfusionart - fotolia.com

Während breit diskutiert wird, wie Schulen wieder geöffnet werden und welche Rolle sie im Pandemiegeschehen spielen, findet die Diskussion über die Situation des Ganztags und der Horte allenfalls vereinzelt statt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit und der Internationale Bund appellieren im folgenden Zwischenruf, dass auch diese Angebote ihrer wichtigen Funktion entsprechend beachtet werden:

Die Auseinandersetzung mit der Coronapandemie und ihre Bewältigung stellen besonders für Kinder eine große Herausforderung dar. In dieser Extremsituation sind verlässliche Angebote für Kinder notwendig, um ihnen eine gute und sichere Kindheit zu ermöglichen. Auch wenn sich die Maßnahmen in den Bundesländern unterscheiden, sind mit den aktuellen Maßnahmen gegen neue Virusvarianten wieder besonders die Kinder betroffen.

Für Kinder im Grundschulalter ist in Angeboten ganztägiger Bildung, Betreuung und Erziehung die Gestaltung des Nachmittags ein wesentlicher Baustein ihres Alltags. Diese Angebote haben vielseitige Ausgestaltungen, Bezeichnungen und diverse strukturelle Ausprägungen. Zu nennen sind z. B. der (teil-/ gebundene) Ganztag, der Hort, die Übermittagsbetreuung, der kooperative Hort, die erweiterte schulische Betreuung, der Schülerladen und viele mehr. Laut Schätzungen des Deutschen Jugendinstituts nutzen etwa 50 % der Grundschulkinder ein institutionelles Angebot ganztägiger Bildung, Betreuung und Erziehung. Mit dem ab dem Jahr 2025 geplanten Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung, Betreuung und Erziehung für Kinder im Grundschulalter wird diesem Baustein in der Bildungslandschaft eine wesentliche Bedeutung beigemessen.

Der Ausbau des Ganztages verfolgt zwei wesentliche Ziele: erstens die Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder und zweitens die Entlastung berufstätiger Eltern. Mit einer fortgeführten Verschärfung der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie drohen beide Ziele in die Ferne zu rücken: weder erhalten Kinder, die eine kontinuierliche Bildungsbegleitung brauchen, professionelle Fachkräfte an ihrer Seite, die ihnen Raum und Anregung für Bildung und Entwicklung bieten, noch erhalten berufstätige Eltern eine zuverlässige Entlastung ihrer Erziehungs- und Aufsichtstätigkeiten.

Die aktuelle Situation während des Unterrichts

Bei einer Öffnung von Schulen wird von der Bundesregierung der Unterricht im Wechselmodell präferiert, so wie es das Rober-Koch-Institut bei einem Inzidenzwert von 50 Infizierten auf 100.000 Einwohner und höher empfiehlt. Gemeint ist hier eine Teilung der Klasse und dass die einzelnen Gruppen nur im Wechsel zum Präsenzunterricht erscheinen. Durch eine Verkleinerung der Klassen durch Teilung und / oder Wechselunterricht soll der Mindestabstand von 1,5 Metern im Unterrichtsraum besser eingehalten werden können. Vorteilhaft ist in diesem Modell zudem, dass bei Infektion einer Person das Infektionsgeschehen eher eingegrenzt werden kann.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert die Umsetzung des Hybridmodells bei Öffnung der Schulen nach einem Stufenplan – eine Mischung aus Präsenz- und (digitalem) Distanzunterricht je nach Infektionsgeschehen in der Region. Diskutiert werden dabei die Umsetzbarkeit, fehlendes Personal, mangelnde digitale Ausstattung, Bildungsgerechtigkeit und manchmal auch die Belastung der Eltern und Kinder unter diesem Modell.

Die aktuelle Diskussion um die Lockerungen des Corona-Lockdowns lassen eine deutliche Leerstelle in Bezug auf die Angebote für Kinder im Anschluss an den Unterricht im Ganztag oder dem Hort. Dies betrifft auch Angebote im Wechselmodel, bei Schulschließungen oder bei einer Verschiebung von Ferienzeiten. 

Die Herausforderungen im Ganztag

Es ist eine große Herausforderung für das Personal in der non-formalen Bildung, für Grundschulkinder den Nachmittag zu gestalten, da Gruppen zum Teil neu zusammengestellt werden mussten (nach Klassenzugehörigkeit oder jahrgangsübergreifend, aufgrund räumlicher und personeller Gegebenheiten), viele formale Richtlinien und Hygieneregeln eingehalten und kontrolliert werden müssen oder beispielsweise die AG-Angebote und Unterstützung durch Dritte wegfallen. Die Durchmischung der „(Klassen-)Gruppen“ soll möglichst vermieden werden.

Zudem war bundesweit schon vor der Pandemie ein Personalmangel zu verzeichnen. Wie unter diesen Bedingungen eine gute Qualität in der non-formalen Bildung aussehen kann und aufrechterhalten werden soll, ist eine zentrale Frage, die sich mit der Coronapandemie weiter verschärft. 

Als Reaktion auf diese Situation hat Nordrein-Westfalen im November 2020 ein „Helferprogramm für Ganztags- und Betreuungsangebote“ für alle Grundschulen mit offenem Ganztag und Förderschulen beschlossen und stellt dafür 30 Millionen Euro zur Verfügung. Eine bundesweite Diskussion zur Gestaltung eines kindgerechten Ganztags unter Coronabedingungen lässt sich jedoch nicht feststellen.

Diese Diskussion müsste vor allem die folgenden Aspekte berücksichtigen:

  • Welche Bildungs- und Begleitungsmöglichkeiten stehen den Kindern zur Verfügung, die im Wechselmodell nicht zu Hause ihre Aufgaben erledigen können oder ohne Aufsicht sind?
  • Wird man diesen Kindern, die am Anfang ihres formalen Bildungsweges stehen, in ihren Bedürfnissen nach Lernen in einem sozial sicheren Kontext gerecht?
  • Wo und wie werden Kinder dabei begleitet und befähigt, ihren Bedürfnissen, Wünschen und Vorschlägen zur Situation Ausdruck zu verleihen und wer unterstützt diesen Beteiligungsprozess?
  • Wenn Eltern den zusätzlichen Bildungs- und Betreuungsaufwand durch (Teil-)Schließungen der Schulen nicht nachkommen können, wer ist dann für diese Kinder zuständig und verantwortlich? Wie kann formales und informelles Lernen für alle Kinder auch unter Pandemiebedingungen stattfinden?
  • Welche und wie viele Kinder dürfen (pro Tag) im Fall eines Wechselmodells oder vorgezogenen beziehungsweise verschobenen Ferien die sonst üblichen Übermittags- und Nachmittagsangebote in Anspruch nehmen?
  • Wie können Kinder in den genannten Bildungseinrichtungen am Nachmittag ihren Bedürfnissen entsprechend begleitet und unterstützt werden, damit Kinder Bildung im Sinne von Lernen und Entwicklung über formales Lernen hinaus erleben können? Wie kann Entschleunigung und Entlastung für eine gesunde psychische Entwicklung der Kinder gelingen?
  • Wie kann soziales Lernen und Persönlichkeitsentwicklung über den ganzen Tag in Coronazeiten ermöglicht werden – ohne Kinder und Personal übermäßig gesundheitlich als auch psychisch zu belasten?
  • Wie kann Politik erforderliche Strukturen wie etwa Maßnahmen zur Salutogenese bereitstellen, um eine klare pädagogische Haltung zu unterstützen?
  • Familien sind bereits jetzt durch die Pandemie deutlich mehrfachbelastet und verlangen mit hohem Druck eine regelhafte Betreuung von den Einrichtungsleitungen. Welche Kriterien unterstützen Leitungen darin über Forderungen von Eltern nach „Notbetreuung“ fachlich zu entscheiden?

Wir rufen die Kultus-, Familien- und Jugendminister/-innen der Länder, Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und weitere Verantwortliche dazu auf, für strukturelle Standards und gute Qualität für den ganzen Tag von Kindern im Grundschulalter zu sorgen:

  • Ermöglichen Sie allen Kindern das Recht auf Bildung – setzen Sie sich dabei vor allem für Kinder aus bildungsferneren Familien ein, die unter den derzeitigen Rahmenbedingungen häufig nicht voll unterrichtet werden können! Auch bei Schulschließungen benötigen diese eine explizite Lernbegleitung. Hort, Ganztag oder Eltern allein können dies nicht kompensieren.
  • Kinderrechte sind mehr als das Recht auf formale Bildung. Auch die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern nach Selbständigkeit, Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, Gestaltung eigener Beziehungen, Meinungsäußerung und Mitgestaltung dieser Gesellschaft müssen in der Debatte aufgegriffen werden. Die Stimmen der Kinder müssen auch bei allen Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie Berücksichtigung finden und das Ziel Chancengerechtigkeit muss weiterhin angestrebt werden.
  • Bieten Sie Strukturen und Entscheidungsmodelle an, so dass die Verantwortung über Entscheidungen, die Rechtfertigung von Maßnahmen und die Organisation des ganzen Tages nicht allein auf Seiten der Träger und Leitungen der kooperierenden Einrichtungen mit den Schulen liegen! Die Vorgaben für Schulen und Kitas sind für diesen Bereich nicht umfänglich geeignet.
  • Achten Sie auf das Wohlergehen der Kinder! Weder Schulschließungen noch die Öffnung der Schulen dürfen zum Nachteil der Kinder führen. Bei der Öffnung von Schulen müssen Hygienekonzepte für den Ganztag und die Horte erstellt werden, die dem Auftrag gerecht werden. Auch aus pädagogischen Gesichtspunkten ist darauf zu achten, dass die Gruppengröße nicht zu groß wird. Non-formale Bildung, Schul- und Hausaufgabenbetreuung und Entwicklungsbegleitung muss möglich bleiben.
  • Achten Sie auf die seelische Gesundheit der Kinder! Durch Abstandsgebot und Kontaktverbot fehlen den Kindern die für ihre gesunde Entwicklung notwendigen sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen.
  • Achten Sie auf die Arbeitsfähigkeit und den Schutz des Personals! Die pädagogischen Akteure in der Ganztagsbildung an Schulen und im Hort sind zurzeit ebenfalls von Quarantänemaßnahmen und der üblichen Erkältungswelle betroffen – trotzdem streben Sie mit sehr viel Engagement und beschränkten Ressourcen danach, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. Weiten Sie die Teststrategie in Bildungseinrichtungen auf die pädagogischen Akteure aus. Tragen Sie dafür Sorge, dass die Belastungen nicht weiter steigen, sondern die Kolleg(inn)en wieder zu Kräften kommen können.
  • Tragen Sie Fürsorge für die Familien! Eltern können nicht mehr nachvollziehen, ob ein akutes Infektionsgeschehen im Klassenraum oder in anschließenden Angeboten für die Kinder vorhanden ist. Vor diesem Hintergrund ist es schwer, Familienangehörige und nahe Bezugspersonen zu schützen. Weiten Sie die Teststrategie in Bildungseinrichtungen aus, auch auf Kinder im Grundschulalter!
  • Stoßen Sie eine Diskussion an zum Umgang mit Klassen-, Jahrgangs- oder Schulschließungen und darüber, wie eine gerechte Bildung, Begleitung und Erziehung für Grundschulkinder aus bildungsferneren Familien und Familien mit einer hohen Belastung gelingen kann! Ermöglichen Sie Kindern im Grundschulalter eine sichere Entwicklungsumgebung und eine behütete und anregungsreiche Zeit am Nachmittag, in der sie sich wohlfühlen können!
  • Die Frage nach Bildung in Coronazeiten wird uns noch über Monate begleiten. Tragen Sie längerfristig Fürsorge dafür, dass der sozialpädagogische Bildungsauftrag für Kinder im Grundschulalter über den ganzen Tag hinweg zum Wohle von Kindern, Personal und Eltern in Pandemiezeiten gut gelingen kann! Für die weitere Gestaltung benötigen alle Beteiligten eine belastbare Perspektive.

Bleiben die derzeitigen Bedingungen, mit Personalmangel, dadurch oft zu großen Kindergruppen und nur sporadischer Nachverfolgung des Infektionsgeschehens bestehen, werden beide Ziele ganztägiger Angebote – Bildungsgerechtigkeit und Entlastung berufstätiger Eltern – verfehlt.

Wir fordern daher eine Öffnung der Diskussion zur strukturellen Gestaltung der Entwicklungsumgebung von Schulkindern, auch außerhalb des Unterrichts. Zudem fordern wir ausgewogene, am Kindeswohl orientierte Maßnahmen.

Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e.V. (BAG-BEK), Internationaler Bund e.V. (IB)

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