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Länderübergreifende Studie

Heimkinder in Corona-Zeiten – Vergessene Kinder?

Zwei Personen sitzen Rücken an Rücken, um sie herum stehen viele verschiedene Worte wie Social Distancing geschrieben
Bild: rawpixel.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Die Corona-Krise aus der Perspektive von jungen Menschen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe (CorSJH): Nur eine gute Betreuung kann die besonderen psychischen Belastungen ausgleichen.

Kinder und Jugendliche, die im Heim platziert sind, kommen häufig aus psychosozial hoch belasteten Familien.  Während des Lockdowns waren sie besonders getroffen, wie nun eine Studie aus mehreren Ländern Europas zeigt. Etliche Kinder und Jugendliche im Heim verloren während der Pandemie nicht nur ihre gewohnte Tagesstruktur sondern auch den Kontakt zu Familie und Freunden. Um die besonderen Belastungen von Heimjugendlichen und die besonderen Herausforderungen mit denen ihre sozialpädagogischen Fachkräfte konfrontiert werden abzubilden, wurde  eine offene Onlineumfrage in der Heimerziehung mit 238 Jugendlichen (161 Schweiz, 66 Deutschland, 10 Luxemburg, 1 Österreich) vom EQUALS-Team der Klinik für Kinder- und Jugendliche der UPK Basel und dem Fachverband Integras gemeinsam initiiert.

Studie soll den oft vergessenen Kindern eine Stimme geben

Ziel der Studie war es einerseits für die spezifischen Bedürfnisse der „Heimjugendlichen“ in einer solchen  Ausnahmesituation zu sensibilisieren und andererseits aufzuzeigen, was die Fachkräfte während des Lockdowns geleistet haben. Die Heimjugendlichen schätzten die Aufmerksamkeit: „Ich finde es gut, dass ihr euch um die Situationen der Menschen interessiert, die nicht so von der Gesellschaft wahrgenommen werden.“(männlich, 17 Jahre). „Tout le monde ne se préoccupe de nous, alors Merci.“  (männlich, 14 Jahre). Die  Umfrage wurde in der Zeit vom 1. Mai bis zum 8. Juni 2020 als Onlinebefragung mit offenen und Skalierungsfragen realisiert. Das Geschlechterverhältnis war ausgeglichen (48.3% weiblich) und es wurden überwiegend Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befragt.

Welche Folgen hat der Lockdown für Heimjugendliche?

Welche Folgen hatte der Lockdown für Jugendliche, die schon vor der Krise oft hoch belastet waren und besondere Unterstützung im Alltag brauchen? Welche zusätzlichen Sorgen hatten diese Jugendlichen? Unter welchen Einschränkungen durch den Lockdown litten die außerfamiliär platzierten Jugendlichen besonders? Wie gelang es den Fachkräften, die Jugendlichen durch diese Krise zu begleiten? Und wie haben die Jugendlichen diese Unterstützung erlebt?

Zentrale Sorgen und Belastungen der Heimjugendlichen

Die Teenager sorgten sich darum, dass jemand aus ihrer Familie an Corona erkranken könnte (48%), um die finanziellen Folgen für ihre Familien (33%), die psychische Belastung ihrer Eltern und Geschwister (26%) oder um Ausbrüche häuslicher Gewalt (9%). Sozialpädagog(inn)en und Leitungspersonen spielten für die Teenager eine Schlüsselrolle: Die Beziehungsqualität zwischen Jugendlichen und Sozialpädagog(inn)en vor der Krise lieferte eine signifikante Vorhersage dafür, wie gut die Jugendlichen durch die Krise gekommen sind.

Gute Beziehungen schützen vor den Belastungen

Die Jugendlichen erlebten die Corona-Pandemie als bedrohlich und litten teils erheblich unter den  Einschränkungen  (50,4%  gaben  an,  die  Einschränkungen  als  massiv  empfunden  zu  haben);  wenngleich sie diese nachvollziehen  konnten. Besonders belastend empfanden sie die fehlenden persönlichen Kontakte zu ihren Familien und die Sorge um ihre Angehörigen. Zwei Drittel der Jugendlichen hat sich in dieser Lage sehr gut, gut oder eher gut von den sozialpädagogischen Teams unterstützt gefühlt; nur 3% waren richtig unzufrieden. Den sozialpädagogischen Institutionen gelang es offensichtlich trotz der Einschränkungen des Lockdowns (z.T. kein Schulbesuch, etc.) eine Tagesstruktur für die Jugendlichen zu organisieren, aufrecht zu erhalten und sich der Sorgen ihrer Klient(inn)en  ausreichend gut anzunehmen. Dabei zeigte sich, dass die Jugendlichen, die vor der Krise schon ein überdurchschnittliches Verhältnis zu ihren sozialpädagogischen Fachkräften hatten und sich in ihrer Institution sicher fühlten, den Umgang der Institution besonders positiv bewerteten und besser durch die Phase mit den Kontaktbeschränkungen kamen. Zwei Drittel der oft hoch belasteten, Jugendlichen konnte dank des aussergewöhnlichen Engagements ihrer Sozialpädagog(inn)en gut durch diese Phase der Corona-Krise begleitet werden. Es gelang, besondere Ressourcen bei den Jugendlichen zu aktivieren und ihren Zusammenhalt untereinander zu stärken. Verschiedene Strategien, die sich bei der Bewältigung der sozialpädagogischen Institutionen mit der Corona-Pandemie besonders bewährt und dazu beigetragen haben, dass die Heimerziehung die zusätzlichen Belastungen gut kompensieren konnte, konnten identifiziert und in einem Bericht veröffentlicht werden. 

Hintergrund

Integras ist der schweizerische Fachverband für Sozial- und Sonderpädagogik und vertritt die Fachlichkeit in der Arbeit mit fremdplatzierten und/oder sonderpädagogisch geförderten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, indem ethisch und fachlich hohe Qualitätsansprüche gefordert und gefördert werden. Integras stellt insbesondere die Anliegen und Rechte dieser Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ins Zentrum seiner Arbeit und setzt sich für eine gute Ausbildung und gute Rahmenbedingungen für das Fachpersonal ein. Integras ist in der ganzen Schweiz aktiv und repräsentiert rund 11.500 Plätze in der Kinder- und Jugendhilfe und sonderpädagogischen Einrichtungen.

EQUALS ist in der Schweiz eine Methodik zur Dokumentation von Hilfsverläufen, der Lebens- und Klientenzufriedenheit und Abklärung der psychischen Gesundheit von jungen Menschen in Hilfen zur (Heim-) Erziehung. Anhand der Daten aus den Tests können psychosoziale Hilfeverläufe nachgezeichnet, analysiert und Veränderungen gegenüber den zuweisenden Stellen/Ämtern für jeden Einzelfall und auf Ebene der teilnehmenden Einrichtungen im Vergleich zu Referenzstichproben dokumentiert werden. Durch die Wahl der Methodik, z.B. wie Ziele definiert werden, Ressourcen erhoben werden, wird die Partizipation der Jugendlichen gezielt gefördert. Über 30 psychosoziale Institutionen dokumentieren mit EQUALS bereits die Qualität ihrer Arbeit. Die Daten aus EQUALS werden regelmässig von der Forschungsabteilung der Universitären Psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) in Basel institutionsübergreifend wissenschaftlich ausgewertet. EQUALS ist ein gemeinnütziges Projekt von Integras und UPKKJ Basel.

Eine Zusammenfassung der Ersten Ergebnisse der Studie ist online abrufbar.

Quelle: Universitäre Psychiatrische Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) in Basel, Integras und EQUALS vom 10. September 2020

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