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Corona-Pandemie

Veränderungen im Nachtleben von Studierenden

Eine junge Frau setzt ihre Mund-Nase-Bedeckung auf
Bild: Anna Shvets - pexels.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Geschlossene Bars, kaum noch Freunde treffen und keine Nebenjobs: In der Pandemie hat sich die Situation Studierender deutlich verschlechtert, in sozialer wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Studierende des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie an der Universität Tübingen erhoben in einer repräsentativen Untersuchung, wie es aktuell um das Nachtleben in Tübingen bestellt ist.

Unter Leitung von Professor Sebastian Kinder befragten die Studierenden zwischen Dezember 2020 und Januar 2021 online 1243 Tübinger Studierende. Zudem wurden qualitative Interviews mit Akteuren des Tübinger Nachtlebens und der sogenannten Nachtökonomie durchgeführt ‒ darunter Inhaber von Clubs und Bars, Vertreter der Stadt Tübingen sowie Ordnungsbehörden.

Die Ergebnisse präsentierte das Projektseminar am 4. Mai in einer Online-Veranstaltung. Sie stehen zum freien Download zur Verfügung.

Insgesamt habe die COVID-19-Pandemie die Aktivität der Studierenden im Nachtleben deutlich reduziert und verändert, so die Autorinnen und Autoren der Studie. Studierende waren während der Lockdowns im Frühjahr 2020 und im Winter 2020/‘21 weniger als einmal pro Monat im Nachtleben unterwegs ‒ vor der Pandemie waren es mehr als sieben Abende. Auch die durchschnittliche Gruppengröße hat sich deutlich verringert; große Gruppen sind selten geworden. Alternativ setzten Studierende verstärkt auf neue Formen der sozialen Interaktion, probierten digitale Formate wie Videokonferenzen oder Online-Spieleabende aus.

Ein Großteil der Studierenden fühlt sich durch Pandemie eingeschränkt

Dennoch gaben mehr als 97 Prozent der Befragten an, sich durch die Pandemie eingeschränkt zu fühlen. Mehr als 66 Prozent sagten, sie empfänden die Einschränkungen sogar als sehr stark. „Das Nachtleben spielt bei Studierenden eine wichtige Rolle. Es leidet stark durch die Pandemie und kann nicht adäquat ersetzt werden“, so Professor Sebastian Kinder.

Aufgrund der Situation reduzierten mehr als 90 Prozent der Studierenden ihre monatlichen Ausgaben für das Nachtleben während der Pandemie, 73 Prozent davon stark. Das bedeutete aber nicht unbedingt mehr Geld in der Tasche, denn gleichzeitig musste der Verlust von Einkommen kompensiert werden: So stehen jenen Studierenden, die nebenberuflich in der Gastronomie, in Bars oder Clubs tätig waren, derzeit monatlich durchschnittlich 100 Euro weniger zur Verfügung.

Stark betroffen von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind die Anbieter im Bereich der Nachtökonomie. Durch die Schließungen von Gastronomie, Bars und Clubs verzeichnen sie erhebliche Einkommenseinbußen und beklagen Probleme bei den staatlichen Hilfen. Die Maßnahmen der Stadt Tübingen hingegen werden ausdrücklich gelobt. „Die vielfältigen Verflechtungen des Nachtlebens reichen weit über das einfache abendliche Ausgehen hinaus und betreffen die Studierenden und die Stadt auf vielfältige Weisen“, sagt Jan Kosok, Co-Leiter des Projekts.

Räumliche Verlagerung des Nachtlebens

Räumlich hat sich das Nachtleben, wenn es möglich war, ins Freie verlagert. Schwerpunkte sind vor allem der Alte Botanische Garten, der Holzmarkt und die Neckarinsel. Hingegen werden die Mühlstraße, die Haaggasse und andere Bereiche der Altstadt deutlich weniger frequentiert als vor der Pandemie. Gleichzeitig gibt es aber Hinweise, dass das Nachtleben nun öfters im privaten Raum stattfinden könnte. Dies passe zu den Warnungen der „Gesellschaft für Aerosolforschung“, dass die eigentliche Ansteckungsgefahr von dem Geschehen in Innenräumen ausgehe, sagen die Autoren. „In der weiteren Planung von Pandemie-Maßnahmen sollten solche Szenarien kritisch betrachtet und einbezogen werden.“

Die Auswertung der Befragungen wurde von Studierenden unter Anleitung von Professor Kinder und seinen Mitarbeitern im Rahmen eines Projektseminars durchgeführt. „Ich habe extrem viel gelernt aus dem Projekt und der Situation. Die Änderungen im Nachtleben betreffen mich in meinem Alltag und die Betroffenheit der Anbieterinnen und Anbieter spüre ich nun deutlicher“, zieht Studentin Daniela Schröder Bilanz.

Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen vom 05.05.2021