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Interview

Übermäßige Mediennutzung während Corona

Ein Jugendlicher mit Kopfhörern spielt ein Compterspiel und schaut aus sehr kurzer Distanz auf den Bildschirm
Bild: © Belinda Pretorius - fotolia.com

Eine aktuelle Studie der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt, dass die Zahl an Kindern und Jugendlichen, die übermäßig viel Zeit mit Videospielen und in sozialen Netzwerken verbringen, während der Corona-Pandemie deutlich gestiegen ist. Im Interview mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) erklärte Dr. Moritz Noack vom Therapieangebot „Cooldown“ wann Mediennutzung problematisch wird und was Eltern tun können.

Dr. Moritz Noack leitet das Therapieangebot „Cooldown“ für medienbezogene Störungen am Universitätsklinikum Hamm des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Im Interview erklärte der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie, wann die Mediennutzung problematisch wird und gibt Tipps, wie Eltern einen gesunden Umgang mit Medien unterstützen können.

Warum sind vermehrtes Videospielen und eine erhöhte Nutzung sozialer Medien gerade während der Corona-Pandemie zu beobachten?

Das Freizeitverhalten und das Sozialleben vieler Kinder, Jugendlicher und Erwachsener hat sich in der Corona-Pandemie verstärkt auf digitale Medienangebote und ins Internet verlagert. Durch den Mangel an alternativen Angeboten im Lockdown und zur Aufrechterhaltung von Kontakten zu Freunden und Gleichaltrigen haben sich die Nutzungszeiten entsprechend verlängert. Damit kann für einige Kinder und Jugendliche auch eine erhöhte Gefahr einhergehen, diese Medien gegenüber anderen Aktivitäten, dem Schulbesuch oder der Zeit mit Freunden und Familie zu bevorzugen und dadurch andere Lebensbereiche zu vernachlässigen. Eine Suchtgefahr besteht, wenn Betroffene die Kontrolle über Beginn, Dauer und Ende ihres Medienkonsums verlieren und ihr Verhalten trotz negativer Konsequenzen nicht ändern.

Wie hoch ist die Gefahr an einer Mediensucht zu erkranken? Sind Kinder und Jugendliche besonders gefährdet?

Die Gefahr einen problematischen Umgang mit und später vielleicht eine Abhängigkeit von digitalen Medien zu entwickeln, ist bei Kindern und Jugendlichen besonders hoch, wenn sie die damit einhergehenden Risiken und Gefahren noch nicht richtig einschätzen können. Der richtige Umgang mit Smartphone, Computer, sozialen Medien und Co. ist nicht angeboren, sondern muss im Laufe des Älterwerdens erlernt werden. Erwachsene und vor allem die Eltern sind hier als Ratgeber und Rollenvorbilder wesentlich in der Verantwortung.

Der Umgang mit Handy, Internet und digitalen Medien gehört heutzutage zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind mediensüchtig ist?

Ein problematischer Umgang mit digitalen Medien lässt sich unter anderem an einer Veränderung im Kontaktverhalten, der Tagesstruktur und in einer Vernachlässigung anderer Aufgaben oder Verpflichtungen erkennen. Reagiert das Kind launisch, gereizt, wütend oder verstimmt, wenn es keinen Zugang zu digitalen Medien oder dem Internet hat? Sind Kontakte außerhalb der Online-Beschäftigung oder andere Interessen reduziert beziehungsweise ganz aufgehoben? Um die Situation besser einschätzen zu können, sollten Eltern rechtzeitig das Gespräch mit ihren Kindern suchen und Interesse daran zeigen, womit sie sich online beschäftigen.

Wie sollten Eltern in diesem Fall reagieren? Wie kann der Entwicklung einer Mediensucht vorgebeugt werden?

Eltern sind gut beraten, sich über die Onlinebeschäftigung und Interessensgebiete ihrer Kinder im Internet zu informieren und diese, abhängig vom Alter der Kinder und Jugendlichen, zeitlich und inhaltlich zu regulieren. Informationsangebote wie die EU-Initiative „Klicksafe“ sind dabei zur Orientierung hilfreich.

Der Entwicklung einer Mediensucht kann in der Familie früh vorgebeugt werden - indem Eltern ihre Kinder bei einem verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien unterstützen, aber auch, indem sie ihre Kinder zu alternativen Interessen, Hobbies und sozialen Kontakten ermutigen. Auch das Aufstellen und Einhalten von Familienregeln kann sinnvoll sein. Wichtig ist: Kinder benötigen Orientierung, Begleitung und Unterstützung durch Erwachsene, um als Jugendliche zunehmend selbstbestimmter einen ausgewogenen Umgang mit digitalen Angeboten wie Spielen und sozialen Medien aufbauen zu können.

Wichtig ist, dass sich Familien, wenn sie merken, dass sie alleine nicht weiterkommen, rechtzeitig Beratung und Unterstützung suchen - beispielsweise im Internet, lokalen Beratungsstellen, Elterngruppen, Elternschulen und bei entsprechenden Behandlungsangeboten wie hier in der LWL-Universitätsklinik Hamm.

Zum Hintergrund der Studie

Handy, Internet und digitale Medien gehören heutzutage zum Alltag fast aller Menschen. Die aktuell veröffentlichte Studie der DAK mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zum Thema Mediensucht während der Corona-Pandemie hat in einer repräsentativen Befragung an 1200 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren in Deutschland herausgefunden, dass sich die als riskant zu betrachtende Nutzung von digitalen Spielen und Sozialen Medien erhöht hat. In einer Selbstbewertung stuften sich zuletzt im Mai 2021 4,1 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen als süchtig bezüglich der digitalen Spielenutzung und 4,6 Prozent der Befragten als abhängig bezüglich der Nutzung sozialer Medien ein. In beiden Bereichen waren besonders Jungen betroffen.

Sind das Computerspielen oder die Handy-Nutzung für Kinder und Jugendliche jedoch dauerhaft wichtiger als der Kontakt zur Familie, zu Freunden oder dem Schulbesuch, ist oft eine Beratung für Familien oder eine Behandlung notwendig.

In der LWL-Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie wird als Erweiterung des bestehenden suchttherapeutischen Angebots auch die stationäre Behandlung von medienbezogenen Störungen angeboten. In der „Cooldown“-Therapie erhalten die Patienten Motivation im Alltag und erlernen für sich als auch zusammen mit ihren Familien Sicherheit im kompetenten Umgang mit den Medien.

Der LWL im Überblick

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 18.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vom 09.11.2021

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