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Impfgerechtigkeit

Reiche Länder horten 870 Millionen überschüssige Dosen Impfstoff

Mehrere neue Spritzen liegen in einer sauberen Spuckschale

Zehn reiche Länder, darunter auch Deutschland, werden bis Ende des Jahres zusammen 870 Millionen überschüssige Dosen Impfstoff gegen Covid-19 horten. Das zeigt ein Report von Ärzte ohne Grenzen. Die internationale Hilfsorganisation fordert die Staaten auf, diese Dosen so schnell wie möglich an ärmere Länder abzugeben.

Dadurch könnten schätzungsweise eine Million Todesfälle bis Mitte 2022 verhindert werden. „Es ist unerträglich, dass in einer andauernden Pandemie manche Länder Millionen Dosen zu viel einkaufen und Impfstoffe teilweise sogar verfallen lassen, während andere noch nicht einmal Hochrisikogruppen und das gesamte Gesundheitspersonal schützen können”, sagt Impfstoffexpertin Elisabeth Massute.

Deutschland eines von drei Ländern mit größtem Überschuss an Impfstoffen

Der Report bezieht sich auf die Menge an Impfstoffen, die bis Ende dieses Jahres an die Länder geliefert und in diesem Zeitraum dort nicht gebraucht wird. Demnach gehört Deutschland mit 80.950.000 Dosen zu den drei Ländern mit dem größten Überschuss, nach den USA (490.233.000) und Großbritannien (96.952.000). Dahinter folgen Frankreich (75.406.000) und Kanada (62.317.000). 60 Prozent der Menschen in reicheren Ländern haben bis heute mindestens eine Dosis erhalten, aber weniger als drei Prozent in ärmeren Ländern. In Deutschland sind bereits 65 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

Gelagerte Impfstoffe drohen zu verfallen

Ein beträchtlicher Teil der überschüssigen Impfstoffe läuft mittelfristig ab. Die Europäische Union und die G7-Staaten allein könnten auf diese Weise 241 Millionen Dosen Impfstoffe verschwenden. In der Berechnung sind die Drittimpfungen für Hochrisikogruppen und die bisher versprochenen begrenzten Impfstoffabgaben an ärmere Länder bereits berücksichtigt.

Deutschland plant bis Ende des Jahres zwar 100 Millionen Impfstoffdosen abzugeben. Aber diese Dosen werden mehrheitlich erst noch gekauft und sollen dann direkt in ärmere Länder geliefert werden. Kontingente, die bereits jetzt lagern oder nicht direkt umverteilt werden können, laufen Gefahr, zu verfallen. Bisher hat Deutschland weniger als 20 Millionen Dosen tatsächlich abgegeben.

Ärmere Länder brauchen Impfstoffe sofort

Ärzte ohne Grenzen fordert daher die reichen Länder auf, die jetzt überschüssigen Dosen sofort und weit vor ihrem Ablaufdatum an ärmere Länder abzugeben. Bisher ist dies erst für Ende 2021 oder in 2022 geplant. Trotz des immensen Bedarfs in ärmeren Ländern liefern auch die Hersteller weiterhin vor allem an reiche: Biontech/Pfizer plant 78 Prozent seiner Lieferungen an reiche Länder, Moderna 85 Prozent. „Angesichts der Covid-Situation in vielen ärmeren Ländern ist die gerechte und globale Verteilung von Impfstoffen eine Notfallmaßnahme, die sofort eingeleitet werden muss”, sagt Massute. 

Quelle: Ärzte ohne Grenzen e.V. vom 07.10.2021