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Im Gespräch

Praxisalltag und Corona – Mit betreuten Spielplätzen, alternativen Lernorten und VfL Wolfsburg durch die Pandemie

Junge auf Klettergerüst
Bild: © matteogaglia - Fotolia.com

In unserer Reihe „Im Gespräch“ über die Auswirkungen der Corona-Pandemie sprechen wir mit Stadträtin Iris Bothe aus Wolfsburg. Sie spricht über die Hürden bei der Beteiligung der jungen Menschen, die aufgrund der pandemischen Lage in ihre Wohnverhältnisse gedrängt werden. Sie macht deutlich, dass digitale Formate den Kontakt zu den Peers nicht ersetzen können und wünscht sich bereits jetzt von Bund und Land Ressourcen zur Unterstützung von Jugendlichen nach der Pandemie.

Iris Bothe ist in Wolfsburg seit April 2012 Dezernentin für Jugend, Bildung und Integration. Als Diplom-Sozialpädagogin verfügt sie über langjährige Erfahrungen in der kommunalen Jugend- und Bildungsarbeit, unter anderem als Stadtjugendpflegerin und Leiterin des Geschäftsbereichs Schule. Die parteilose Dezernentin kandidiert bei der Kommunalwahl im September 2021 als Oberbürgermeisterkandidatin für die SPD. In unserer Reihe „Im Gespäch“ beschreibt sie die kurzfristig erarbeiteten Maßnahmen zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen und deren Eltern und erläutert das Konzept der Jugendbeteiligung in Wolfsburg.

Multidimensionale Probleme und Herausforderungen für Eltern und Kinder: Home-Office – Existenzängste – fehlende Kontakte – mangelnde technische Ausstattung

Frau Stadträtin Bothe, in Ihrem beruflichen Werdegang haben Sie große Erfahrungen in der Jugendarbeit sammeln können. Unter anderem als ehemalige Mitarbeiterin und Leiterin von Jugendtreffs oder aber durch Ihr 8-jähriges Engagement als Stadtjugendpflegerin sind Ihnen die Bedürfnisse von Jugendlichen sehr vertraut. Als heutige Jugenddezernentin können Sie deshalb sehr gut einschätzen, wie die Corona-Pandemie den Alltag von Kindern und Jugendlichen prägt und einschränkt. Mit welchen Maßnahmen hat die Stadt Wolfsburg auf die nun über ein Jahr andauernde Ausnahmesituation reagiert?

Iris Bothe: Die Corona Pandemie hat uns alle stark getroffen und den Alltag eingeschränkt und geprägt. Die pandemische Lage bietet multidimensionale Probleme und birgt für jede Person eine andere Herausforderung. Manche Eltern befinden sich seit März 2020 im Home-Office und müssen gleichzeitig eine Betreuung der Kinder realisieren. Andere Familien haben hingegen Existenzängste, da die berufliche Situation unklar ist und auch in Wolfsburg nicht alle Jobs krisenfest sind. Weiterhin gibt es Familien, die bereits Hilfe durch das System der Kinder- und Jugendhilfe erhalten. Hier stehen wir im Kontakt, um den angespannten Familienverhältnissen, die sich bedingt durch die pandemische Lage und beengte Wohnverhältnisse verstärken, weiter Abhilfe zu leisten. 

Bei allen Angeboten, die in Wolfsburg in der letzten Zeit in meinem Dezernat entstanden sind, geht es vordergründig um Kinder und Jugendliche. Diese Maßnahmen tragen aber vor allem zur Unterstützung der Familien und somit der Eltern bei. Als im März die Schulen geschlossen haben und sowohl Schüler/-innen, Eltern und Lehrkräfte sich in einer schwierigen Situation befanden, wurden in Wolfsburg alternative Lernorte in verschiedensten Einrichtungen eingerichtet. Unter anderem in der Stadtbibliothek und den Wolfsburger Jugendzentren, um diese Herausforderung zu bewerkstelligen. Hier können sich Schüler/-innen, die kein WLAN, keinen Laptop oder keinen ruhigen Arbeitsplatz zum Lernen haben, anmelden. Zeitgleich wurden für Schüler/-innen, die keinen Laptop oder kein Tablet besitzen für das Homelearning Leih-Geräte zur Verfügung gestellt. 

In dieser Zeit wurde auch deutlich, dass die Ernährung der Schüler/-innen im Homelearning von Familie zu Familie unterschiedlich ist, sodass wir für die Schüler/-innen Lunch-Pakete zur Verfügung stellen, um ein gesundes Essen zu Hause zu ermöglichen. 

Neben dem Aspekt, die jungen Menschen für ihre schulische Bildung im Homelearning bestmöglich zu unterstützen, wurde der Fokus darauf gerichtet, die Jugendlichen nicht nur als Schülerinnen und Schüler wahrzunehmen, sondern sie mit der Ganzheit ihrer Probleme zu betrachten. 

Auch neue kreative digitale Formate ersetzen den persönlichen Kontakt nicht 

Welchen Beitrag konnten die Kinder- und Jugendeinrichtungen leisten?

Die Vermeidung sozialer Kontakte zu ihren Freund(inn)en und der Wegfall des Hobbys sind wichtige Punkte für junge Menschen und beinträchtigen deren Entwicklung in dieser Lebensphase. 
Neben digitalen Maßnahmen wie „Ideen für zu Hause“, dem Bereitstellen von Bastelanleitungen und Kochrezepten über den Familienblog, Instagram und Facebook, wurden seit Anfang Juni die Kinder- und Jugendeinrichtungen in Wolfsburg geöffnet und bieten so Kindern und Jugendlichen unter Einhaltung von Hygieneregeln die Möglichkeit, ihre Freunde zu treffen, ein Gespräch mit den pädagogischen Fachkräften zu führen oder einen Ort, der nicht die eigene Wohnung ist, zu besuchen. 

Die Kinder- und Jugendeinrichtungen sind dabei, immer wieder neu Formate zu kreieren, um im Rahmen der aktuellen Möglichkeiten mit den Jugendlichen im Kontakt zu stehen. Von Beginn an wurden digitale Angebote für Kinder und Jugendliche entwickelt. Es werden Bastel-, Koch und Gaming-Angebote „gestreamt“ und über verschiedene digitale Messenger wie „Discord“ oder „WhatsApp“ können die Jugendlichen Kontakt zu den pädagogischen Fachkräften aufnehmen, aber auch in gemeinsamen Räume ihre Freundinnen und Freunde virtuell treffen. 

90 Minuten dem Alltag entfliehen: Pädagogisch-betreute Spielplätze bieten den Eltern und Kindern etwas Abwechslung

Welche Unterstützungsangebote konnten die Familien in Wolfsburg zum Beispiel in Anspruch nehmen?

Der Weltkindertag hat 2020 ausschließlich digital stattgefunden und bot den Kindern und Jugendlichen Diskussionen zum Thema Kinderrechte und viele Mitmachangebote. Bereits ab Mitte April wurden in Wolfsburg unter dem Motto „90 Minuten dem Alltag entfliehen“ die drei pädagogisch-betreuten Spielplätze geöffnet, um den Familien einen alternativen Ort außerhalb der eigenen Wohnung zum Spielen zu ermöglichen. Mit dieser Idee sind wir in Wolfsburg einen besonderen und mutigen Weg im Sinne der Kinder und Familien gegangen. Mit der Maßnahme „Wolle hilft auch“ wurden in Kooperation mit örtlichen Spielehändlern zu Ostern Spiel- und Bastel-Tüten für die Kinder in prekären Verhältnissen verteilt.

Weiterhin gibt es Menschen, unter anderem viele Familien, die auf die Essensausgabe durch die Tafel angewiesen sind. Da die Mitarbeitenden der Tafel Wolfsburg e.V. zur Risikogruppe gehörten, musste sie bereits zweimal ihren Betrieb einstellen und wurde in dieser Zeit durch die aktive Fanszene des VfL Wolfsburg und dem Fanprojekt Wolfsburg weitergeführt. Dieses gesellschaftliche Engagement der Fußballfans gilt es zu loben und ihrer Unterstützung für Menschen und Familien, die auf die Essensausgabe durch die Tafel angewiesen sind, besonders hervorzuheben.

Alle Maßnahmen finden mit viel Kreativität und durch hohes Engagement der Kolleg(inn)en in den jeweiligen Einrichtungen statt und verfolgen das Ziel, sowohl digitale als auch persönliche Begegnungen zu ermöglichen.

Mit Leih-Geräten zur Teilhabe an Bildung und Freizeitangeboten 

Der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“  der Universitäten Hildesheim, Frankfurt und Bielefeld hat sich im Rahmen der bundesweiten Studien JuCo 1 und 2 mit den Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Pandemie befasst. Die im Frühjahr durchgeführte Studie JuCo 1 hat zwei zentrale Befunde ergeben: Zum einen haben sich bereits vor der Pandemie bestehenden Stärken und Schwächen in der Infrastruktur für junge Menschen in ihrer Wirkung potenziert. Dies zeigte sich in einem Digitalisierungsdefizit, durch das junge Menschen in Bildung und Freizeit sehr starke Einschränkungen in ihren Zugängen zu Angeboten erfahren haben. Zum anderen hat sich gezeigt, dass die Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen über die Gestaltung der Infektionsschutzmaßnahmen und ihrer Lockerungen nicht stattgefunden hat. Wie ist Ihre Einschätzung zur Situation in Wolfsburg? Ist die Digitalisierung so weit fortgeschritten, dass die Jugendlichen weitgehend erreicht werden konnten? 

Digitalisierung ist das Top-Thema vor, während und nach der Corona-Pandemie. Wir befinden uns hier in Wolfsburg aber auf einem guten Weg. Die Corona-Pandemie hat die Kinder und Jugendlichen vermehrt in ihre Wohnverhältnisse gedrängt und so im ersten Schritt den Kontakt zu ihnen deutlich erschwert, da gerade die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen oftmals in physischen Projekten oder Veranstaltungen stattfindet. Aus schulischer Sicht kann konstatiert werden, dass über It'sLearning, BigBlueButton und weiteren Tools über die Wolfsburger Bildungslandschaft (WOBILA) die Schüler/-innen gut erreicht werden konnten und eine Kommunikation zwischen den Kindern und Lehrkräften ermöglicht wird. Durch das Bereitstellen von Leih-Geräten haben wir Schüler/-innen mit weniger technischer Ausstattung die Teilhabe an digitalen Angeboten ermöglicht. 

Mit dem Stadt-Schüler-Rat und dem Kinderbeirat standen wir per Videokonferenz im Kontakt, um so Vertreter/-innen der Wolfsburger Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit zum Austausch zu geben. Die Kinder- und Jugendeinrichtungen arbeiten gerade daran immer wieder digitale Formate zu ermöglich, um im Austausch mit Kindern und Jugendlichen zu stehen. Diese Formate sind neu und müssen immer wieder evaluiert und neu bewertet werden. Die Messbarkeit solcher Formate und der Erfolg werden sich über die Zeit zeigen.

Die Pandemie beeinträchtigt auch die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen 

Die Stadt Wolfsburg legt einen großen Schwerpunkt auf die Beteilung von Bürgerinnen und Bürgern. Auch Jugendliche haben verschiedene Möglichkeiten, sich einzubringen. Hatten und haben Sie in der Pandemie die Möglichkeit, mit Jugendlichen im Dialog Maßnahmen zu entwickeln und Entscheidungen vorzubereiten oder haben die Vorgaben des Infektionsschutzes die Beteiligung erschwert? 

Mit dem Kinderbeirat und dem Stadt-Schüler-Rat konnte ein Austausch stattfinden und im gemeinsamen Diskurs Ideen, Befürchtungen und Bedürfnisse besprochen werden. Die Beteiligung, die in Wolfsburg angestrebt wird, ist unter der pandemischen Lage deutlich erschwert und hat uns bspw. dazu gebracht, unsere Spielraumrahmenkonzept zu verschieben, da eine adäquate Planung unter Beteiligung von Kindern nicht möglich gewesen ist. Im Laufe des Jahres konnten dennoch kleinere Beteiligungsaktionen stattfinden, unter anderem wurden Spielplätze in Beteiligung mit Kinder auf ihre Tauglichkeit überprüft und gemeinsame Handlungsmaßnahmen abgeleitet.   

Konzept: Jugendbeteiligung in Wolfsburg 

In der vom Rat der Stadt Wolfsburg beschlossenen Rahmenkonzeption der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) ist die Kinder- und Jugendbeteiligung ein wesentliches Handlungsfeld. 
Ziel ist es, Jugendliche zur politischen Teilhabe zu motivieren und sie dabei zu unterstützen. 

Projektinhalt:
Durch vielfältige Methoden der Partizipation sollen die Jugendlichen an politische Teilhabe herangeführt werden und so demokratische Werte vermittelt bekommen. Die Teilhabe kann sich dabei in unterschiedlicher Form ausdifferenzieren: 
Zum einen geht es darum, jungen Menschen in die Gestaltung der Einrichtung und das Programm bzw. in die Maßnahmenplanung zu integrieren und sie dabei zu begleiten auch eigene Verantwortung zu übernehmen. Diese Verantwortungsübernahme äußert sich beispielsweise in der Teilnahme eines Theken-Teams oder der Ausgestaltung bzw. mit der pädagogischen Fachkraft gemeinsamen Gestaltung einer Maßnahme. Jugendliche werden so ein aktiver Teil ihrer Einrichtung und erfahren Wertschätzung und Selbstwirksamkeit und wechseln dabei die Rolle vom Teilnehmenden zum Gestaltenden. Die Identifikation mit der Einrichtung, aber auch der Kompetenzbereich der jungen Menschen nimmt zu.

Dies erfolgt unter Supervision der Kolleg(inn)en in den Einrichtungen, von denen mindestens in jeder Einrichtung eine Kollege/Kollegin mit der Partizipationsbegleiter/-in-Ausbildung vorhanden ist, um den Prozess qualifiziert zu begleiten. Aus diesen Strukturen entwickeln sich oftmals Teamer/-innen, die eine JULEICA-Ausbildung absolvieren, um dann bspw. selbstständig eine Einrichtung öffnen zu dürfen oder einen Schlüssel für die Einrichtung erhalten. 

Das Motto "JugendRaumgeben" ist somit nicht nur ein Slogan, sondern auch Programm. Da wo eine Vielzahl von engagierten jungen Menschen aufeinandertrifft, kann eine Selbstverwaltung eines Jugendzentrums in Frage kommen, so wie es kürzlich mit dem Forsthaus Fallersleben auf den Weg gebracht worden ist. Die Fachkräfte der OKJA begleiten und begeistern die Kinder und Jugendlichen, ihre eigenen Interessen auf politischer Ebene zu äußern. Sie unterstützen den Meinungsbildungsprozess und begleiten – wenn nötig – das Herantreten an politische Entscheidungsträgerinnen und -träger. Damit erfahren sie gesellschaftliche Teilhabe sowie eine politische Wirksamkeit. 

Junge Menschen zu beteiligen heißt, ihnen den Raum zum Ausprobieren und zum Scheitern zu geben, sie dabei immer zu begleiten und zu unterstützen. Die digitale Beteiligung befindet sich derzeit noch im Ausbau und muss sich von Zeit zu Zeit entwickeln. Es gibt vereinzelt im Bereich der Ferienplanung über digitale Tools die Möglichkeit, Jugendliche zu beteiligen und ihre Interessen abzufragen. In einem konkreten Fall endet eine digitale Beteiligung in der Fahrt nach Hannover in das Jump-House. Diese Form der Beteiligung ermöglicht grundsätzlich auch Meinungsäußerung und demokratische Prinzipien in Form von Diskussionen und Abstimmungen, hat aber noch nicht die Qualität wie die Beteiligung aus einer Jugendeinrichtung heraus. 

Aktuell ist die Beteiligung der jungen Menschen eine große Herausforderung, da sie aufgrund der pandemischen Lage in ihrer Wohnverhältnisse gedrängt werden und die Jugendlichen gerade wenig Perspektiven für Beteiligungsprojekte aufgezeigt werden können. Der Fokus liegt auf Austausch und ansprechbar sein, bspw. über WhatsApp. 

Zielgruppe:
Basierend auf dem KJHG richten sich die Angebote der OKJA in Wolfsburg an alle jungen Menschen im Alter zwischen 6 und 27 Jahren.

Die Sorgen und Ängste der jungen Menschen werden die Fachkräfte nachhaltig beschäftigen

JuCo 2, der zweite Teil der Studie, kommt zu dem alarmierenden Ergebnis, dass Jugendliche sorgenvoll in die persönliche Zukunft blicken: 45 % der Befragten stimmen der Aussage eher oder voll zu, Angst vor der Zukunft zu haben, 23 % haben zum Teil Zukunftsängste. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Kinder- und Jugendhilfe? Wäre es hilfreich, wenn die Jugendämter und ihre Strukturen, aber auch die freien Träger hierzu überörtliche Unterstützung bekommen würden?

Die Sorgen und Ängste der jungen Menschen müssen sehr ernst genommen werden und werden uns nachhaltig beschäftigen. Die Herausforderung besteht darin, bei bestehendem Notprogramm und Notbetreuung die vollen Leistungen zu ermöglichen und den Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und aktuellem Leistungsvermögen ist nur schwer zu realisieren. Eine weitere Herausforderung wird es sein, sowohl Kinder als auch Jugendliche und Fachkräfte flächendeckend mit digitalen Kommunikationsmitteln auszustatten, um den Kontakt zu ermöglichen. Vor allem Jugendliche benötigen in ihrer Lebensphase den Kontakt zu ihrer Peer Group und die Möglichkeit von den Eltern aber auch Lehrkräften abzusetzen. Hier besteht die Herausforderung, solche Möglichkeiten zu schaffen.

Wir befinden uns in Wolfsburg schon auf einem guten Weg. Die aufgezeigten Maßnahmen orientieren sich am Bedarf und an den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. Die Kolleg(inn)en der Kinder- und Jugendarbeit vor Ort sind hier die Expertinnen und Experten und können die Bedürfnisse am besten einschätzen. Die Kinder- und Jugendarbeit hat sich durch die Pandemie stark verändert. Wir mussten ebenfalls Endgeräte und Technik für die Mitarbeitenden beschaffen. Hier wäre es schön, langfristig eine Unterstützung des Landes zu erhalten, um dauerhaft technisch bei den Anforderungen der Jugendlichen mithalten zu können.

Insbesondere Jugendliche, die sich in einer Übergangsphase wie Schulwechsel, Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums befinden, klagen über Belastungen durch die Einschränkungen. Sehen Sie Unterstützungsmöglichkeiten? Könnten z. B. Patenschaftsmodelle hilfreich sein?

Auch wenn digitale Angebote in vielen Fällen hilfreich sein können, ersetzen sie doch nicht vollständig persönliche Begegnungen und Austausche. Die Universitäten und Schulen bieten hier teilweise bereits individuelle Programme um den Einstieg zu erleichtern.

Ich befürchte, dass die Pandemie für einen Teil der Jugendlichen erhebliche Folgen hat. Das Ausmaß dessen können wir heute im Einzelnen noch gar nicht abschätzen. Allein das Distanzhalten zu Freund(inn)en oder Großeltern macht etwas aus. Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die diese Phase gut bewältigen und sogar neue Qualitäten daraus ziehen werden. Es wird aber auch solche geben, für die es eine Herausforderung ist, das Versäumte aufzuholen. Hier müssen die weiteren Entwicklungen kritisch beobachtet und passende Hilfsangebote und Konzepte entwickelt werden. 

Der Vorteil der Digitalisierung: Schnelle und direkte Information an Eltern  

Eltern haben in der ersten Phase der Pandemie häufig beklagt, dass Informationen zum Betrieb oder zur Schließung von Kindertagesstätten und Schulen nicht rechtzeitig zu ihnen gelangt sind. Welchen Weg hat die Stadt Wolfsburg hier gewählt? Konnten Sie auf gute Strukturen und Kooperationen, die eine Zusammenarbeit erleichterten, zurückgreifen?

Alle Eltern werden von uns regelmäßig über Elternbriefe informiert. Diese gelangen seit März 2020 fast jede Woche auf digitalem Weg – u. a. auch über WhatsApp- Gruppen – schnell und direkt an die Eltern.  Wir befinden uns in einem stetigen Austausch mit den Stadteltern- und Stadtschülervertretungen. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Nerven der Eltern inzwischen teilweise blank liegen. Wir bemühen uns, für alle Anliegen eine Lösung zu finden. Einen Notbetreuungsplatz können wir aber beispielsweise nicht für jeden Fall garantieren. Hier haben die Familien Vorrang, die in systemrelevanten Berufen arbeiten oder alleinerziehend und berufstätig sind.

„Jugend“ muss bei politischen Entscheidungen stärker in den Focus gerückt werden

Was wünschen Sie sich im Jahr 2021 zum Beispiel von Land und Bund? 

Es wäre wünschenswert, wenn die Lebensphase „Jugend“ eine stärkere Anerkennung bei politischen Entscheidungen erfahren würde und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Zuge der Corona-Beschränkung stärker in den Fokus gerückt werden könnten. Kinder und Jugendliche brauchen Orte, an denen sie sicher sind und ihre Zeit kinder- und jugendgerecht verbringen können. Den jungen Menschen muss langfristig wieder der Kontakt zu ihren Freund(inn)en und Familienmitgliedern ermöglicht werden.

Es müssen jetzt schon Ressourcen geschaffen werden, um Kinder und Jugendliche, die jetzt durch das System fallen und keine Unterstützung erfahren, nach der Corona-Pandemie wieder auffangen zu können.  

Frau Bothe, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch. 

Kontakt:
Stadt Wolfsburg
Sekretariat Stadträtin Iris Bothe
[email protected]

Das Gespräch führte Erste Stadträtin a. D. Christa Frenzel.

Praxisalltag und Corona