Sie sind hier: Startseite  Im Fokus  Coronavirus

Coronavirus / Kinder- und Jugendarbeit

Münchner Trichter: Die Rolle der Kinder- und Jugendarbeit in der Krise und darüber hinaus

Zwei Jugendliche sitzen in einem Park mit Skateboard und schauen auf ein Smartphone
Bild: © Anton 01 - fotolia.com

Der Münchner Trichter e.V., ein Zusammenschluss von 22 Münchner Trägern der Kinder- und Jugendhilfe, fordert bei dem sich abzeichnenden Ausstieg aus dem Shutdown die Bedürfnisse und Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen gleichberechtigt mit anderen Anliegen zu berücksichtigen. Gerade in der aktuellen Krise muss alles dafür getan werden, Angebote der offenen und kulturellen Kinder- und Jugendarbeit für alle zugänglich zu machen; dabei brauchen die Träger die Rückendeckung und Unterstützung von Politik und Verwaltung, um kreative Lösungen für Corona-sichere Angebotsformen entwickeln zu können.

Die Stellungnahme des Münchner Trichters zur Rolle der offenen und kulturellen Kinder- und Jugendarbeit in Zeiten der Corona-Krise und darüber hinaus im Wortlaut:

Maßnahmen an der Frage der Kinderrechte und der kulturellen Teilhabe ausrichten

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona Pandemie haben in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens massive Auswirkungen. Besonders betroffen von den seit Wochen geltenden Einschränkungen sind Kinder und Jugendliche, da die beschlossenen Maßnahmen tief in ihren Alltag und ihre Lebenswelten eingreifen. Kinder und Jugendliche wurden in der Diskussion über die bestehenden Regelungen und deren Lockerungen bisher kaum berücksichtigt. Dieser Umstand wird in verschiedenen Stellungnahmen der letzten Zeit zu Recht kritisiert.

Der Deutsche Bundesjugendring stellt in seiner Stellungnahme „Förderung und Teilhabe im Sinne der Kinderrechte garantieren“ (1) fest, dass die die Bedarfe und Sorgen von Kindern und Jugendlichen in den derzeitigen Debatten kaum eine Rolle spielen und fordert, dass wenn in den kommenden Wochen weitere Schritte aus dem Shutdown gemacht werden, zuerst Kinder und Jugendliche in den Blick genommen werden müssen. Sie sollen vor allem ihre außerschulischen Freiräume bald wieder nutzen können.

Das Deutsche Kinderhilfswerk mahnt, dass es vielen Kindern inzwischen an Bewegung und Begegnung mit anderen Kindern, an Möglichkeiten zum Stressabbau, aber auch an frischer Luft und natürlichen Lichtverhältnissen mangelt. (2)

Die deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin sieht in der Schließung von Kindertagesstätten, Kinderspielplätzen, Schulen und Sportstätten den Entzug wesentlicher Voraussetzungen für eine gesunde körperliche, psychische und soziale Entwicklung und kritisiert, dass Kinder und Jugendliche in den bisherigen Entscheidungsprozessen nicht als Personen mit ebenbürtigen Rechten gesehen wurden, sondern lediglich als potentielle Virusträger. Eine solche Betrachtung von Kindern nicht aus ihrer eigenen Perspektive sondern als „Mittel zum Zweck“ widerspricht ihrer persönlichen Würde. (3)

Unseres Erachtens stellt der Wegfall von Angeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit und der Kulturellen Bildung und das damit einhergehende Fehlen von Freiräumen und Möglichkeiten sich gemeinsam mit anderen kulturell zu betätigen eine Gefährdung der Persönlichkeitsentwicklung und der Entfaltung individueller Fähigkeiten dar.

Es ist wichtig, an dieser Stelle zu betonen, dass die getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie von uns grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden. Wir halten es jedoch für gleichermaßen wichtig, den Blick auf die Folgen des Shutdowns für Kinder und Jugendliche und das Feld der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu lenken und darüber nachzudenken, wie diese teilweise gravierenden Auswirkungen durch entsprechende Anpassungen abgemildert werden können.

Vor diesem Hintergrund verfolgt der Münchner Trichter zwei zentrale Anliegen:

  1. Bei der Umsetzung der von Bund und Land vorgegebenen Einschränkungen und dem sich abzeichnenden schrittweisen Ausstieg aus dem Shutdown müssen auf kommunaler Ebene die Bedürfnisse und Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen gleichberechtigt mit allen anderen Anliegen berücksichtigt werden.
  2. Kinder und Jugendliche brauchen für ein gelingendes Aufwachsen und ihr persönliches Wohlbefinden neben der schulischen Bildung vor allem Möglichkeiten der Selbstentfaltung und der Beziehungsgestaltung, des kulturellen Ausdrucks und der körperlichen Betätigung sowie Räume, die sie jenseits von Schule und Elternhaus selbst gestalten können. Deshalb muss gerade in der Krise alles dafür getan werden, Angebote der offenen und kulturellen Kinder- und Jugendarbeit Corona sicher für alle zugänglich zu machen. Die Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit und der Kulturellen Bildung brauchen die Rückendeckung und Unterstützung von Politik und Verwaltung, um in der aktuellen Situation kreative Lösungen für Corona sichere Angebotsformen entwickeln zu können.

Rahmenbedingungen für die Entwicklung und Durchführung von kulturellen Angeboten in Zeiten von Corona schaffen sowie Ressourcen und Infrastrukturen für die Zeit nach der Krise sichern

Unbestritten sind die schrittweise Öffnung der Schulen und die Gewährleistung von Abschlüssen und Übergängen in weiterführende Schulen und Ausbildung wichtig. Dabei darf jedoch das besondere Potential von Angeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit auf keinen Fall aus dem Blick geraten.

Die kulturpolitische Gesellschaft ist der festen Überzeugung, dass die Rolle der Kultur und Kultureinrichtungen, der soziokulturellen Zentren, der freien Theater, der Stadtteilkultur sowie der Kunst im öffentlichen Raum usw. bei der Wiederherstellung von Normalität nicht zu unterschätzen ist, weil sich die Menschen nach Monaten der Verunsicherung und der Isolation nach Gemeinschaftserfahrungen sehnen werden. (4)

Je länger diese Krise und die starke Veränderung des Alltags andauern, umso wichtiger ist es, die offene und kulturelle Kinder- und Jugendarbeit während der Krise in die Lage zu versetzen, ihre Angebote umsetzen zu können und ihre Strukturen für die Zeit nach der Krise zu stärken und abzusichern. Eine hohe Qualität in diesem Feld ist auf sichere Strukturen und qualifizierte Handelnde angewiesen, die jedoch aufgrund teils prekärer Strukturen, kurzfristigen Finanzierungsmodellen und Honorarvereinbarungen wegzubrechen drohen.

Dass Bundesjugendkuratorium fordert diesbezüglich, dass die Infrastruktur der Kinder- und Jugendhilfe erhalten bleibt und freie Träger finanziell gesichert bleiben. Sie sollten gerade jetzt – wenn sie in dieser Krise innovative Wege mit jungen Menschen suchen – schnell und unkompliziert finanziell unterstützt werden.“ (5)

Gerade die offene und kulturelle Kinder- und Jugendbildung hat das Potential Räume zu kreieren, in denen Kinder und Jugendliche mit den individuellen und systemischen Auswirkungen der Krise und den durch sie verursachten Einschränkungen konstruktiv und kreativ umgehen können. Deshalb sind Zugänge zu offener Kinder- und Jugendarbeit und Kultureller Bildung sowie eine Sicherstellung der Angebote existentiell notwendig. In dieser Krise zeigt sich, was wir als Gesellschaft für ein gelingendes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen als relevant erachten und welche Wichtigkeit wir allem Lernen über die formale Bildung hinaus zugestehen.

In seinem Positionspapier „Kulturelle Bildung und Corona“ schreib der Rat für Kulturelle Bildung, dass es kein Zufall ist, dass die Entzugserscheinungen gemeinsamen Erlebens in neue Kreativität umgeleitet und Distanzen über ästhetische Praxen – wie dem Musizieren von Balkonen – überbrückt werden. Diese bereits sinnbildhaften Bewältigungsstrategien mit ästhetischen Mitteln machen auf die elementare Bedeutung leiblich-präsenter kultureller Praxis nachdrücklich aufmerksam. (6)

Die Einrichtungen der offenen und kulturellen Kinder- und Jugendarbeit tragen in erheblichem Maße zu einem gelingendem Aufwachsen und zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen, zu einer familienfreundlichen Stadt, zum Zusammenhalt der Stadtgesellschaft und zur Verwirklichung von kultureller Teilhabe und Chancengerechtigkeit bei.

Deshalb müssen jetzt schnell Konzepte und Strukturen für kulturelle Teilhabe während der Corona Pandemie entwickelt werden und Maßnahmen ergriffen werden, um diesen wichtigen gesellschaftliche Teil krisensicher zu machen. Dafür braucht es einen gemeinsamen Abstimmungs- und Entwicklungsprozess zwischen politischen Entscheidungsträgern, Verwaltung und den Institutionen und Akteuren der Jugendhilfe und der Kulturellen Bildung sowie die Sicherstellung entsprechender rechtlicher, organisatorischer und finanzieller Rahmenbedingungen.

Quellen:
(1) Deutscher Bundesjugendring: Förderung und Teilhabe im Sinne der Kinderrechte garantieren (24.04.2020)
(2) Deutsches Kinderhilfswerk: Bei Diskussionen über Exit-Strategie zur Beendigung des Shutdown die Interessen von Kindern besonders in den Blick nehmen (10.04.2020)
(3) Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V. zu weiteren Einschränkungen der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie mit dem neuen Coronavirus (SARS-CoV-2)
(4) Kulturpolitische Gesellschaft: Kulturpolitik muss nachhaltig wirken – 10 Punkte für eine Kulturpolitik nach der Corona-Pandemie“
(5) Bundesjugendkuratorium: Zwischenruf des Bundesjugendkuratoriums – Unterstützung von jungen Menschen in Zeiten von Corona gestalten! Kinder- und Jugendpolitik ist gefordert!; 24.03.2020
(6) Rat für Kulturelle Bildung: Kulturelle Bildung und Corona: Was uns die Krise lehrt; 24.04.2020)

Quelle: Münchner Trichter e.V.

Info-Pool