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Coronavirus / Kinder- und Jugendschutz

Hinweise zum Kinder- und Jugendschutz: Auch in Krisenzeiten haben Kinder Rechte

Ein melancholisches Mädchen
Bild: © pojoslaw - Fotolia

Die Coronavirus SARS-CoV-2-Pandemie ist für Gesellschaft und Familien, Wirtschaft, Staat und ganz besonders Kinder einer enormer Stresstest. Aus Sicht der AJS NRW ist es wichtig, dass auch in Krisenzeiten die Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention nicht aus dem Blick geraten. Entsprechend sollten diese bei allen in Zusammenhang mit der Pandemie erlassenen Gesetzen, Verordnungen und Maßnahmen sowie deren Auswirkungen angemessen beachtet und gewichtet werden.

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Entwicklung und Entfaltung ihrer Persönlichkeit, auf gewaltfreie Erziehung und den Schutz vor Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung. Staat und Gesellschaft schützen sie vor Gefahren für ihr körperliches, geistiges und seelisches Wohl. Sie achten und sichern ihre Rechte, tragen für altersgerechte Lebensbedingungen Sorge und fördern sie nach ihren Anlagen und Fähigkeiten.
Artikel 6 Abs. 2 der Landesverfassung Nordrhein-Westfalen

Angesichts der aktuellen Lage hat sich die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Nordrhein-Westfalen e.V. (AJS NRW) als landesweite Fachstelle für den Kinder- und Jugendschutz einige Gedanken zum Umgang der Jugendhilfe mit der Corona-Krise zusammengefasst.

Stress führt zu Verunsicherung

Aufgrund der Corona-Maßnahmen wie Betretungs- und Kontaktverboten findet soziales Miteinander derzeit überwiegend zu Hause und in geschlossenen Räumen statt. Verlässliche und wichtige Strukturen wie sie Kita, Schule, Angebote der Kinder-und Jugendarbeit sowie berufliche Einbindungen bieten, sind abrupt weggebrochen, Sportvereine, Jugendfreizeiteinrichtungen, Kinderhäuser, Freizeitparks sowie Spiel-und Sportplätze gesperrt.

Dieser Umstand verursacht bei Kindern und Familien Stress, Verunsicherung und Ohnmachtsgefühle. Alle neuen Situationen versetzen Menschen grundsätzlich erst einmal in Alarmbereitschaft. Sich dies bewusst zu machen, schützt vor unnötigem Druck, direkt und schnell alles wieder unter Kontrolle bekommen zu müssen. ALLE stehen derzeit unter Stress.

Pädagogische Unterstützung ist wichtiger denn je

Fachkräfte, die sonst unmittelbar mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, versuchen, digital in Kontakt zu bleiben, und müssen feststellen, dass Telefon- und Online-Beratung persönliche Begegnungen längst nicht in jedem Fall ersetzen können. Gerade jetzt ist eine pädagogische Begleitung und Unterstützung wichtiger denn je, da die meisten Kinder und Jugendlichen derzeit oft länger jenseits elterlicher oder erwachsener Beobachtung im Internet sind.

Gefragt sind Aufklärung, Resilienz und Schutz von Kindern, etwa wenn sich Kinder und Jugendliche auf Online-Plattformen mit Erwachsenen vernetzen, die ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Hier steht zu befürchten, dass neben den vielen integren Angeboten auch solche zu finden sind, die gezielt Kinder und junge Menschen zur Anbahnung sexueller Kontakte ansprechen.

Darüber hinaus ist gerade in Krisenzeiten Aufklärung darüber nötig, welche Informationen und Quellen als belastbar und glaubwürdig einzustufen sind. Im Zuge der Covid-19-Pandemie häufen sich zudem rassistische und diskriminierende Übergriffe auf Menschen dieser Gesellschaft. Sei es, weil ihnen eine vermeintlich asiatische Herkunft zugeschrieben wird oder – anknüpfend an rassistisch-biologistische Vorstellungen – äußerliche Merkmale einen Krankheitsverlauf des Corona-Virus angeblich vorbedingen würden. Gerade Kinder und Jugendliche sehen sich oft hilflos rassistischen Übergriffen ausgesetzt. Es ist wichtig, die Erfahrungen von Betroffenen ernst zu nehmen und solidarisch Stellung zu beziehen.

Bedürfnisse werden beschränkt

Die derzeitige Situation birgt das Risiko, dass vulnerable Gruppen zusätzlich benachteiligt werden. Maßnahmen der sozialen Distanzierung, Kontaktsperren und der Rückzug ins Private können sehr unterschiedliche Folgen haben, Ungleichgewichte können sich durchaus manifestieren oder gar verstärken. Eltern müssen nicht nur ihre Kinder bei den Schulaufgaben unterstützen, sie versorgen, bei Laune halten, Ängste nehmen, trösten und ihnen die Lage erklären. Sie müssen auch arbeiten, eigene Ängste und Sorgen sortieren und aushalten. Hinzu kommt für Familien oft beengter Raum mit entsprechend geringen Ausweichmöglichkeiten.

Die Bedürfnisse Einzelner werden stark beschränkt, Geld- und Existenzsorgen aufgrund der wirtschaftlichen Lage erhöhen das Stresslevel und senken gleichzeitig die Frustrationstoleranz. Familien, die bereits vor der Corona-Pandemie in prekären Verhältnissen lebten, treffen die neuartigen Lebensbedingungen besonders drastisch.

Agieren statt reagieren

Je nach Persönlichkeit reagieren Menschen sehr unterschiedlich auf diesen Stress. Eltern können sich der Situation nicht entziehen, aber sie können agieren und neue Strukturen schaffen, um für Sicherheit und Orientierung zu sorgen, für sich und damit auch für ihre Kinder. Dies geht nur schrittweise und prozesshaft. Im besten Fall erfolgt der Prozess partizipativ, das heißt berücksichtigt werden die Bedürfnisse aller Beteiligten. Sich auf solche Weise neu zu organisieren braucht Zeit, Flexibilität, Zuversicht und Solidarität.

Menschen, die sich jedoch überfordert fühlen und wenige Strategien haben, mit Stress umzugehen, laufen Gefahr, mit Aggression, Gewalt oder auch Rückzug zu reagieren. Unter diesen Umständen haben besonders Kinder und Jugendliche, aber auch Frauen ein erhöhtes Risiko, innerfamiliäre Gewalt zu erleben. Dabei kann Gewalt von den Eltern, aber auch durch Kinder ausgeübt werden. Um Kinder und Jugendliche zu schützen, sind alle gefragt. Dazu gehört es, sich gegenseitig zu unterstützen und auch Hilfe einzufordern für diejenigen, die in Notlagen wie etwa häuslicher Gewalt sind. Bleiben wir alle aufmerksam und scheuen wir uns nicht, im Zweifelsfall die Polizei um Unterstützung zu bitten.

Tipps der AJS NRW für weniger Stress und mehr Zusammenhalt

Alle Aktivitäten, die gegen die Ohnmachtsgefühle unternommen werden und die Selbstwirksamkeit stärken, sind jetzt enorm hilfreich und steigern die Chance, psychisch stabil zu bleiben.

  • Versorgen Sie sich gut
    Regelmäßig essen, ausreichend trinken, genügend schlafen. So viel bewegen wie möglich, an der frischen Luft (offenes Fenster). Nutzen Sie die YouTube-Sportkanäle.
     
  • Richten Sie sich zu Hause wohlig ein
    Wie viele es schon machen: Kümmern Sie sich um Ihre Wohnung. Machen Sie es sich gemütlich, sorgen Sie dafür, dass Sie sich sicher und entspannt fühlen.
     
  • Halten Sie soziale Kontakte
    Der Austausch mit anderen über Ihre Gefühle, Sorgen, Ängste und Nöte ist sehr wichtig. Nutzen Sie technische Möglichkeiten wie Telefon, Videotelefonie etc., um sich mit anderen verbunden zu fühlen.
     
  • Begrenzen Sie die Informationsflut
    Informieren Sie sich gut über die aktuellen Entwicklungen, aber begrenzen Sie ihre Beschäftigung damit.
     
  • Benennen Sie Ihre Bedürfnisse
    Schauen Sie, was Sie brauchen, um sich wohl zu fühlen, und kommunizieren Sie das mit all ihren Mitbewohner/-innen (auch mit den Partner/-innen).
     
  • Lassen Sie Aggressionen und Wut als Wegweiser für Lösungen zu
    Wut und Aggressionen sind Gefühlsregungen, die zum Leben gehören, solange Sie dabei nicht gewalttätig werden. Wenn Sie merken, dass bestimmte Situationen Sie wütend machen, verlassen Sie die Situation. Überlegen Sie in Ruhe und mit zeitlichem Abstand, welche Bedürfnisse hinter den Gefühlen standen und kommunizieren Sie dies sozialverträglich.
     
  • Tun Sie Dinge, die Freude bringen
    Werden Sie aktiv und kreativ, unterstützen Sie andere, soweit es möglich ist, schreiben Sie Tagebuch, holen Sie die Brettspiele raus, etc.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Nordrhein-Westfalen e.V. vom 08.04.2020

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