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Gesundheitsförderung in der Pandemie – Potenziale der Kinder- und Jugendhilfe

Illustration einer Person, die sich gegen Viren wehrt.
Bild: Alexandra Koch - pixabay.com

Gemeinsam mit Prof. Dr. Anna Lena Rademaker veröffentlicht das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe eine Reihe zum Thema Gesundheitsförderung in der Pandemie. Ziel ist, Begriff und Bedeutung der Gesundheitsförderung vorzustellen und insbesondere anhand von Praxisbeispielen konkret zu zeigen, wie Gesundheitsförderung als eine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe bereits umgesetzt wird und welche Ressourcen es dafür braucht oder genutzt werden können.

Anna Lena Rademaker ist Professorin für das Lehrgebiet „Soziale Arbeit im Gesundheitswesen“ an der FH Bielefeld und zudem Sprecherin der Fachgruppe „Gesundheitsförderung und Prävention“ der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V. (DVSG). Lesen Sie hier ihren Einführungsartikel zu unserer Reihe „Gesundheitsförderung in der Pandemie – Potenziale der Kinder- und Jugendhilfe“.

Gesundheitsförderung und Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe

Gesundheitsförderung und Prävention sind keine neuen Themen in der Kinder- und Jugendhilfe. Spätestens seit dem 2009 veröffentlichten 13. Kinder- und Jugendbericht sind Entwicklungen in diese fachliche Ausrichtung deutlich zu vernehmen (Liel & Rademaker, 2020). Angefangen von dem 2007 gegründeten Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH), über die Strategie zur Förderung der Kindergesundheit, Aktualisierung des nationalen Gesundheitsziels „Gesund Aufwachsen“, das Bundeskinderschutzgesetz und parallel verlaufenden modellhaften Präventionsprogrammen wie „Kein Kind zurücklassen“, wurde 2015 das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention und jüngst der 2019 veröffentlichte „Wegeweiser zum gemeinsamen Verständnis von Gesundheitsförderung und Prävention bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (BMG, 2019; Rademaker, 2021) auf den Weg gebracht. Allen ist gemein, Gesundheitsförderung lebensweltlich zu verankern und als Sektorengrenzen überwindende Gemeinschaftsaufgabe zu betrachten. Für ein besseres Verständnis von Gesundheitsförderung ist zunächst eine Begriffsbestimmung vorzunehmen und der Unterschied zur Prävention herzustellen.

Was ist Gesundheitsförderung, was ist Prävention?


Prävention ist, aus Perspektive der Gesundheitswissenschaft, die historisch betrachtet ältere Strategie, pathogenetisch, also an der Entstehung und Entwicklung einer Krankheit, ausgerichtet und orientiert sich an einem Risikofaktorenmodell (Leppin, 2014). Bei der Prävention handelt es sich um Maßnahmen, um das Auftreten negativer Zustände oder Ereignisse zu verzögern, verhindern oder weniger wahrscheinlich zu machen (Leppin, 2014). Auch aus Perspektive der Kinder- und Jugendhilfe liegen der Prävention Konzepte der medizinischen und sozialen Hygiene zugrunde (Scherr, 2018). Prävention gilt hier seit dem 8. Kinder- und Jugendbericht als Strukturmaxime und damit zentrales handlungsleitendes Prinzip.

Die Kinder- und Jugendhilfe solle „nicht abwarten, bis es zu einem Problem gekommen ist, sondern rechtzeitig dafür Sorge tragen, dass das Problem erst gar nicht entsteht.“ (Scherr, 2018, p. 1013) Präventionskonzepte in der Kinder- und Jugendhilfe beziehen sich häufig auf die Gewaltprävention, Prävention vor sexuellen Übergriffen, Kindeswohlvernachlässigung, Rassismus oder Kriminalität. Explizit auf die Gesundheit ausgerichtete Strategien bilden die Minderheit, was sich z.B. an der geringen Anzahl von Präventionsprojekten aus der Kinder- und Jugendhilfe nach SGB V, § 20a zur Gesundheitsförderung in den Lebenswelten zeigt (Rademaker & Altenhöner, 2019).

Mit einem salutogen-ressourcenfördernden Ansatz ist unter Gesundheit jedoch nicht allein das Fehlen von Krankheit zu verstehen, sie ist ein biopsychosoziales und subjektives Wohlbefinden (WHO, 1948). Gesundheitsförderung versteht sich demnach als Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie dadurch zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen (WHO, 1986). Gesundheitsförderung fragt danach, wie Gesundheit im Alltag entsteht (salus = gesund; genese = Entstehung), wie Menschen trotz Risiken und Stressoren gesund bleiben und wie wir ihre Gesundheit fördern können (Antonovsky, 1997). Sie ist ressourcenorientiert, partizipativ, adressiert einen Empowermentansatz und setzt im unmittelbaren Alltag an – dort wo die Menschen Gesundheit aufrechthalten und herstellen.

Es wird deutlich, dass Prävention und Gesundheitsförderung zwar ganz ähnliche Ziele verfolgen, dies aber auf unterschiedlichen Wegen vornehmen. Hierbei ist zu konstatieren, dass sich insbesondere auf Basis Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit die Gesundheitsförderung als äußerst anschlussfähig an die Kinder- und Jugendhilfe erweist und so auch bereits im 13. KJB thematisiert wird.

Lebensweltorientiere Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendhilfe

Strategien von Gesundheitsförderung haben sich regelmäßig an die Gegebenheiten in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen anzupassen. Mit Blick auf die Berichtslage zur sozial bedingten gesundheitlichen Ungleichheit Heranwachsender (Erhard et al., 2008; Hölling et al., 2014; Ravens-Sieberer et al., 2021) steht die Kinder- und Jugendhilfe nicht erst seit der Pandemie vor der Herausforderung die Förderung von Gesundheit ihrer Adressat/-innen als ihre Aufgabe im Rahmen lebensweltbezogener Konzepte und Maßnahmen zu etablieren (Rademaker, 2020). 

Das besondere an der lebensweltorientierten Gesundheitsförderung ist, dass sie die Vorstellungen der Zielgruppe besonders konsequent zum Mittelpunkt ihres gesundheitsfördernden Handelns macht, gesundheitsbezogene (Be)Grenz-(ung)en persönlicher Handlungsmöglichkeiten in der Lebenswelt kritisch analysiert und sich an Expertenkriterien nur unter Berücksichtigung der Verwirklichung zu einem guten Leben orientiert (Rademaker & Altenhöner, 2019, p. 157).

Ziel ist es Befähigungsgerechtigkeit und gesundheitliche Chancengerechtigkeit durch niedrigschwellige Hilfen im Sozialraum für alle jungen Menschen einer Kommune zu erreichen. Hierbei sollen insbesondere die Sozialisationsorte, an denen sich Kinder und Jugendliche im Alltag aufhalten adressiert werden, wie z.B. Kita, Schule, Jugendarbeit, Quartiersarbeit, Heime oder Freizeiteinrichtungen. Dies kann durch eine nachhaltige Weiterentwicklung über die Schaffung gesundheitsförderlicher Verhältnisse gelingen. Gesundheitsförderung sollte langfristig als fester Bestandteil eines integrierten Gesamtkonzeptes verankert, durch eine interdisziplinäre, kommunale Steuerungsgruppen koordiniert und stätig in der Ausrichtung aktualisiert und dem Bedarf junger Menschen entsprechend ausgerichtet werden. Zugrunde liegt einer derart kommunal verankerten Strategie die gemeinsame Definition von Gesundheitszielen und Maßnahmen, die sich an den Potenzialen, den Gesundheitsbedürfnissen und dem Wohlbefinden im Lebenslauf (salutogenetischer Ansatz) orientiert (BMG, 2019).

Aber bis heute bleibt noch immer viel zu tun! Und spätestens seit Beginn der Pandemie fallen uns die Versäumnisse, insbesondere bezüglich der skizziert lebensweltlichen Ausrichtung von Gesundheitsförderung, dem zentralen Wert der Förderung von Bildung und Teilhabe, Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut sowie einer Orientierung an den Sozialisationsorten Heranwachsender, sprichwörtlich auf die Füße. In der Förderung von Gesundheit, im Sinne einer gesundheitsbezogenen Chancengerechtigkeit, ist die Orientierung an der Lebenswelt und Stärkung von Kindern und Jugendlichen in Armuts- und prekären Lebenslagen noch immer prioritär.

Kinder- und Jugendhilfe – Was ist passiert in der Pandemie? 

Innerhalb weniger Tage veränderte sich der Alltag junger Menschen drastisch. Sie wurden beinahe ausschließlich im Privaten betreut (Langmeyer et al., 2020), fast nur noch als Schüler/-innen im Home-Schooling wahrgenommen (Andresen et al., 2020) und ihre Eltern ins Homeoffice, die Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit geschickt. Familien aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen waren damit gleichzeitig mit erhöhten Existenzsorgen und einem „geballten Zusammentreffen im häuslichen Bereich“ konfrontiert (AGJ, 2020).

Bedingungen für eine förderliche Umgebung junger Menschen sind nicht in allen Lebenswelten gegeben, wie das Beispiel des Home-Schoolings in Sammelunterkünften für geflüchtete Menschen zeigt (DBSH, 2020). Die psychosozialen Folgen von Isolations- und Quarantänemaßnahmen können insbesondere für ‚vulnerable‘ Kinder und Jugendliche weitreichend sein. Das zeigt sich bereits in der aktuellen Gesundheitsberichterstattung für den Zeitraum in der Pandemie. Beispielsweise stieg die Prävalenz für psychische Auffälligkeiten von 17,6% vor der COVID-19-Pandemie auf 30,4% während der Krise (Ravens-Sieberer et al., 2021). Damit wurden während der Pandemie für fast jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten berichtet, während vor der Pandemie etwa jedes fünfte Kind betroffen war. Weiterhin berichteten 24,1% während der Pandemie Symptome einer generalisierten Angststörung, wohingegen dies vor der Krise nur bei 14,9% der Fall war (Ravens-Sieberer et al., 2021). Als besonders belastet werden Kinder und Jugendliche aus Familien beschrieben, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss aufweisen, mit Migrationshintergrund und/ oder in beengten räumlichen Verhältnissen leben (Ravens-Sieberer et al., 2021).

Deutlich wird, dass sich gesundheitliche Folgen gleichsam wie soziale, worunter u.a. Armut und Bildungsungleichheit zu fassen sind, in der Krise verschärfen. Die Zusammenhänge sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit zeigen sich klar und deutlich in der Pandemie, wie ein Brennglas auf bestehende Versäumnisse und kommende Herausforderungen auf die jetzt Antworten zu finden sind.

Chancen aus der Krise

In dem interministeriellen Bericht zur Gesundheitsförderung in und nach der Pandemie heißt es u.a. „Sport- und Bewegungsmöglichkeiten sowie Angebote der außerschulischen Bildung und Jugendarbeit sollten für alle Kinder und Jugendlichen auch unter den Bedingungen einer Pandemie zugänglich bleiben.“ (BMFSFJ & BMG, 2021) Weiter wird angeführt „Präventive Angebote der Gesundheitsförderung sollten allen Kindern und Jugendlichen verstärkt zugänglich gemacht werden, um sie bei der Bewältigung der gesundheitlichen Belastungen durch die Pandemie zu unterstützen.“ Im zweiten Handlungsfeld werden „Primäre Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten Schule, Kindertageseinrichtungen, Kommune, Vereine und außerschulische Jugendbildung“ hervorgehoben (BMFSFJ & BMG, 2021). Mit diesem (fach)politisch klar formulierten Appell müssen nun Taten resp. Konzepte, Methoden und finanzielle Ressourcen zur Gesundheitsförderung in den Lebenswelten aus der Kinder- und Jugendhilfe folgen. Die Corona-Pandemie kann als Chance genutzt werden – aber wie?

Gesundheitsförderung als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe explizieren

Zunächst ist das gesundheitsfördernde Potenzial der Kinder- und Jugendhilfe zu explizieren.

  • Auf der Strukturebene ist Gesundheitsförderung die Bekämpfung von Armut, Bildungsförderung, Förderung gesellschaftlicher Teilhabe; Verminderung sozialrechtlicher Barrieren für z.B. Kinder- und Jugendliche mit Behinderungen, Sucht- oder psychischen sowie chronischen Erkrankungen.
  • Institutionell bedeutet Gesundheitsförderung Empowerment im Sozialraum; Förderung von Community Resilience; den Sozialraum als Ausgangspunkt für Gesundheit zu nehmen sowie Kooperationen und Vernetzung im lokalen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen zu fördern.
  • Auf der Ebene des Individuums richtet sich Gesundheitsförderung an die Stärkung von Ressourcen und Resilienz, Partizipation und Teilhabe in der Lebenswelt durch z.B. informelle Bildung, Freizeit, Sport, kulturelle Angebote, u.v.m. mit dem Ziel die gesundheitsbezogene Handlungsmacht (Agency) junger Menschen zu stärken.

Eine Möglichkeit dafür stellt die Gesetzgebung zur Gesundheitsförderung in Lebenswelten (SGB V, §20a) dar. Dafür fehlen aber noch Projektanträge aus der Kinder- und Jugendhilfe. Auch ist die Nahtstelle zwischen dem sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Verständnis von Gesundheitsförderung noch auszuloten. Wohlgleich sich beide Verständnisse in vielerlei Hinsicht bereits überschneiden, braucht es vielerorts noch tragfähige Kooperationen zwischen lokalen Anbietern sozialer und gesundheitlicher Leistungen für junge Menschen, die sich einem gemeinsamen Ziel verpflichten und durch vernetzte Angebote die Gesundheit ihrer Adressat/-innen fördern. Auch dürfen weitere Akteure nicht außer Acht gelassen werden: z.B. Bildung und Ausbildung, Wirtschaft, Ökologie und Infrastruktur, um nur einige wesentliche zu nennen.

Partizipation stärken!

Angebote der Gesundheitsförderung sind insbesondere partizipativ zu gestalten. Partizipation als bewusste Beteiligung, um Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung zu fördern, sie in ihrem Streben nach Integration zu unterstützen und bei der Überwindung von Belastungen und Krisen zu helfen, kann eine gesundheitsfördernde Wirksamkeit zugerechnet werden. Entscheidungsteilhabe nimmt in zweierlei Hinsicht einen positiven Einfluss auf die Gesundheit (Hartung, 2012):

  • über den Prozess bzw. Weg, sich als selbstwirksam wahrzunehmen
  • und über die Ergebnisse, die durch die Beteiligung Betroffener erreicht werden und näher an ihrem Alltag orientiert sind.

Gesundheitsrelevante Veränderungen können leichter eingeleitet werden, wenn sie von Adressat/-innen als sinnvoll erlebt werden. Daher wird auch explizit von partizipativer Gesundheitsförderung gesprochen (Wright, 2010). Zentral bei der partizipativen Gesundheitsförderung ist die Orientierung an der Lebenswelt. Das lokale Wissen und lokale Theorien bilden die Grundlage zur Beschreibung der Merkmale und Erläuterung der lokalen Ursachen des Gesundheitsproblems vor Ort (Wright, 2010, p. 17). Daraus ergeben sich konkrete Schlussfolgerungen für die Entwicklung von lokal angemessenen Maßnahmen, die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe umgesetzt werden können.

Verhältnisorientierung

Die Förderung von Gesundheit bedarf einer Mehrebenenstrategie (Kaba-Schönstein, 2018), damit junge Menschen ihre Fähigkeiten und Potenziale zu Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit auch entfalten können. Dies kann gelingen durch die Schaffung gesundheitsfördernder Verhältnisse. Eine Orientierung an der Verbesserung von Gesundheitsverhalten alleine reicht nicht aus (Rademaker & Altenhöner, 2019). Die Verhaltens- und Verhältnisprävention hängen dementsprechend unmittelbar miteinander zusammen. Über die Modifikation von Verhältnissen können Änderungen des Verhaltens erzielt werden. Versuche, das Verhalten der Menschen zu verändern ohne die Verhältnisebene einzubeziehen, sind problematisch. Vielmehr können sie möglicherweise auch zur Vergrößerung gesundheitlicher Ungleichheit beitragen, wenn sich dadurch bspw. Betroffene unter einen ‚Generalverdacht’ des ungesund-Seins gestellt fühlen. Eine ausschließliche Orientierung an Expertenstandards übergeht nicht nur die Individualität junger Menschen, sondern kann u.U. zur Verschärfung von Stigmatisierungs- und Ausgrenzungserfahrungen beitragen.

Dass das Leben in sozial benachteiligten Lebenswelten schlechtere Möglichkeiten eröffnet als ein sozial und materiell gut abgesichertes Leben, ist unumstritten. Dennoch findet diese Erkenntnis in der aktuellen Präventionspolitik noch immer nicht hinreichend Beachtung, sodass nach wie vor zu häufig bzw. dominant der Fokus auf Verhaltensprävention liegt. Zugespitzt formulieren dies Sterner und Altgeld im Rekurs auf David Gordon (Sterner & Altgeld, 2021, p. 2): „Gordon empfahl unter anderem:

  • Don’t be poor. If you can, stop. If you can’t, try not to be poor for long.
  • Don’t live in a deprived area. If you do, move.
  • Don’t be a lone parent.
  • Don’t live in damp, low-quality housing or be homeless.
  • Don’t work in a stressful, low-paid manual job.
  • Use education to improve your socio-economic position.”

Die Dramatik dieses Zitates zeigt deutlich die Relevanz verhältnisorientierter Maßnahmen und verdeutlicht an welchen Stellen die Kinder- und Jugendhilfe konkret ihre Potenziale entfalten und explizieren kann und muss.

Vorhandene Strukturen nutzen

Partizipation und Verhältnisorientierung stellen zwei der zwölf Good Practice-Kriterien des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit (1) dar, der mit den Kriterien die Qualitätsentwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung zu stärken ersucht. In zwölf „Steckbriefen“ wird die Umsetzung jedes Kriteriums anhand einer Stufenleiter dargestellt und erläutert, wie diese in der Praxis umgesetzt werden können. Die Kriterien wurden 2021 aktualisiert und bieten eine praxisnahe Orientierung zur Konzeption von Projekten und Strategien zur Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendhilfe. Zudem hält der Kooperationsverbund eine Praxisdatenbank (2) bereit, in der Projekte recherchiert und Inspirationen für eigene Aktivitäten, auf Basis der o.g. Kriterien, eingeholt werden können.

Neue Wege gehen!

Die Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen sowie das Fernbleiben von vertrauten Bildungs- und Begegnungsorten sind für Kinder und Jugendliche bereits jetzt spürbar – mit den Folgen werden sich die für das Aufwachsen von jungen Menschen verantwortlichen Akteure noch lange befassen (müssen). Daher werden die Betreuungs- und Unterstützungsaufgaben für die Träger der Kinder- und Jugendhilfe (weiter) zunehmen. Gleichzeitig sehen sich Leitungen sowie Kolleginnen und Kollegen mit den Fachkräftemangel konfrontiert. Wie kann Gesundheitsförderung als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe unter diesen Bedingungen gelingen? Welche Ressourcen brauchen Träger der Kinder- und Jugendhilfe konkret dafür? Und, was leisten Sie bereits im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention ohne dies explizit zu benennen?

Das Fachkräfteportal stellt in den kommenden Wochen das Thema Gesundheitsförderung in den Fokus
In unserer Reihe „Gesundheitsförderung in der Pandemie – Potenziale der Kinder- und Jugendhilfe“ des Fachkräfteportals der Kinder- und Jugendhilfe stellen wir vor, wie Träger sich bereits auf den Weg gemacht haben und Gesundheitsförderung in ihrem Praxisalltag umsetzen. In den kommenden Wochen werden wir Ihnen innovative Projektideen und Strategien vorstellen, die in der Pandemie entstanden sind oder eine Antwort auf sich aus der Pandemie ergebene Fragestellungen und Problemkonstellationen bieten. Mit den „Praxisbeispielen“ erhalten Sie einen Überblick über die Art und Umfang der Vorhaben, welche Mittel und Ressourcen dafür notwendig waren und wie Unterstützung dafür geleistet wurde. Allen gemeinsam ist, dass sie Gesundheitsförderung als festen Bestandteil in ihren beruflichen Alltag mit den Kindern und Jugendlichen umsetzen konnten und damit einen wesentlichen Beitrag in der Begleitung und Unterstützung der jungen Menschen leisten. 

(1) Die Kriterien inkl. Steckbriefe können auf der Homepage des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit heruntergeladen werden: www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/good-practice/
(2) Die Praxisdatenbank bietet eine bundesweite Übersicht über Angebote der Gesundheitsförderung für Menschen in besonderen Lebenslagen: www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/praxisdatenbank/

Bringen Sie das Thema Gesundheitsförderung weiter in die Kinder- und Jugendhilfe

Wenn Sie zu den Jugendhilfeträgern gehören, die Gesundheitsförderung in ihren beruflichen Alltag mit den Kindern und Jugendlichen umsetzen, würden wir Ihre Erfahrungen gerne der Fachcommunity zur Verfügung stellen. Füllen Sie einfach dieses PDF-Formular mit Ihrem Projekt oder Strategie zur Gesundheitsförderung aus und lassen es uns ab sofort und bis zum 29.11.2021 wieder zukommen.

Wir möchten Ihre Projektumsetzung oder Strategie auf unserer Corona-Sonderseite des Fachkräfteportals der Kinder- und Jugendhilfe vorstellen und damit Anregung und Inspiration bieten. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen, Trägern die Möglichkeit zu bieten, ihre Arbeit zu präsentieren und andere Träger der Kinder- und Jugendhilfe bei der Umsetzung eigener Vorhaben zu unterstützen.

Falls Sie von anderen Trägern wissen, die Gesundheitsförderung im Praxisalltag der Jugendhilfe verankert haben, leiten Sie unsere Anfrage gerne weiter! Die Erfahrungen Ihrer Fachkolleginnen und -kollegen vor Ort sind wichtige Meilensteine, um Gesundheitsförderung weiter in der Kinder- und Jugendhilfe zu fördern und insbesondere nach der Pandemie in ihren Tätigkeitsfeldern explizit zu etablieren!

Literatur

  • Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ (2020): Wenn Kümmerer*innen selbst Hilfe brauchen… Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Kinder- und Jugendhilfe. Zwischenruf der AGJ.
  • Andresen, S., Lips, A., Möller, R., Rusack, T., Schröer, W., Thomas, S., & Wilmes, J. (2020): Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen Erste Ergebnisse der bundesweiten Studie JuCo. Universitätsverlag Hildesheim.
  • Antonovsky, A. (1997): Salutogenese: zur Entmystifizierung der Gesundheit (Dt. erw. H). dgtv-Verlag.
  • BMFSFJ & BMG (2021): Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe „Gesundheitliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Corona“
  • BMG (2019): Wegeweiser zum gemeinsamen Verständnis von Gesundheitsförderung und Prävention bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland.
  • DBSH (2020): Soziale Arbeit in Sammelunterkünften für geflüchtete Menschen im Umgang mit der Corona-Pandemie
  • Erhard, M., Wille, N., & Ravens-Sieberer, U. (2008): In die Wiege gelegt? Gesundheit im Kindes- und Jugendalter als Beginn einer lebenslangen Problematik. In U. Bauer, U. H. Bittlingmayer, & M. Richter (Eds.), Health Inequalities. Determinanten und Mechansimen gesundheitlicher Ungleichheit. (pp. 331–358). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Hartung, S. (2012): Partizipation - wichtig für die individuelle Gesundheit? Auf der Suche nach Erklärungsmodellen. In S. Rosenbrock, Rolf / Hartung (Ed.), Handbuch Partizipation und Gesundheit (p. 57 ff). Verlag Hans Huber, Hogrefe.
  • Hölling, H., Schlack, R., Petermann, F., Ravens-Sieberer, U., & Mauz, E. (2014): Psychische Auffälligkeiten und psychosoziale Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren in Deutschland – Prävalenz und zeitliche Trends zu 2 Erhebungszeitpunkten (2003–2006 und 2009–2012). Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 57(7), 807–819. https://doi.org/10.1007/s00103-014-1979-3
  • Kaba-Schönstein, L. (2018): Gesundheitsförderung 1– Grundlagen. In Leitbegriffe der Gesundheitsförderung [online]. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. https://doi.org/10.17623/BZGA
  • Langmeyer, A., Guglhör-Rudan, A., Naab, T., Urlen, M., & Winklhofer, U. (2020): Kindsein in Zeiten von Corona Erste Ergebnisse zum veränderten Alltag und zum Wohlbefinden von Kindern
  • Leppin, A. (2014): Konzepte und Strategien der Prävention. In K. Hurrelmann, T. Klotz, & J. Haisch (Eds.), Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung (4., vollst, pp. 36–44). Verlag Hans Huber.
  • Liel, K., & Rademaker, A. L. (2020): Gesundheitsförderung und Prävention – quo vadis Kinder- und Jugendhilfe? Eine Bilanz 10 Jahre nach dem 13. Kinder- und Jugendbericht (K. Liel & A. L. Rademaker (eds.)). Beltz Juventa Verlag.
  • Rademaker, A. L. (2020): Potentiale der Kinder- und Jugendhilfe für Gesundheitsförderung im Setting Schule. In A. L. Liel, Katrin/ Rademaker (Ed.), Gesundheitsförderung und Prävention – quo vadis Kinder- und Jugendhilfe? Eine Bilanz 10 Jahre nach dem 13. Kinder- und Jugendbericht (pp. 131–136). Beltz Juventa Verlag.
  • Rademaker, A. L. (2021): Der Wegeweiser. Gesundheit von Jugendlichen nachhaltig stärken und gesundheitliche Chancengleichheit fördern. Standpunkte THEMA, 12–15.
  • Rademaker, A. L., & Altenhöner, T. (2019): Gesundheitsförderung und Prävention in der Sozialen Arbeit. In S. Dettmers & J. Bischkopf (Eds.), Handbuch gesundheitsbezogene Soziale Arbeit (pp. 147–162). Ernst Reinhard Verlag.
  • Ravens-Sieberer, U., Kaman, A., Otto, C., Adedeji, A., Napp, A.-K., Becker, M., Blank-Stellmacher, U., Löffler, C., Schlack, R., Hölling, H., Devine, J., Erhart, M., & Hurrelmann, K. (2021): Seelische Gesundheit und psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der ersten Welle der COVID-19- Pandemie – Ergebnisse der COPSY-Studie. Bundesgesundheitsblatt, 03/ 2021. https://doi.org/10.1007/s00103-021-03291-3
  • Scherr, A. (2018): Prävention. In K. Böllert (Ed.), Kompendium Kinder- und Jugendhilfe. Band 2 (pp. 1013–1027). Springer Fachmedien, VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Sterner, J., & Altgeld, T. (2021): Sei einfach nicht arm! Warum Chancengleichheit eigentlich ein Euphemismus ist. Impu!Se Für Gesundhietsförderung, 112(3), 2–3.
  • WHO (1948): Constitution of the World Health Organization.
  • WHO (1986): Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung (Issue November 1986).
  • Wright, M. T. (2010): Partizipative Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderungen und Prävention. Verlag Hans Huber.

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