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Musik im digitalen Raum

Blinde Keyboardschülerinnen und -schüler lernen digital

Kinder, die lachen und dazu sind Noten, ein Notenschlüssel und das englische Wort music zu sehen
Bild: rawpixel.com

Mara und Hamza lernen seit zweieinhalb Jahren Keyboard im Rahmen des Programms „Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen". Und auch während der Corona-Pandemie läuft die Kooperation der Musikschule Herten und der LWL-Förderschule online weiter.

Mara Hallay sitzt vor ihrem Keyboard, während im Hintergrund ihre Katze die Treppe hinunter huscht. Auf dem Kopf trägt die Zehnjährige rosa Kopfhörer. Gemeinsam mit Rainer Dittrich, Keyboardlehrer an der städtischen Musikschule in Herten, wartet sie auf ihren Mitschüler Hamza Binek. Die beiden blinden Grundschulkinder der Focus-Schule des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) mit dem Förderschwerpunkt Sehen in Gelsenkirchen haben heute Keyboardunterricht - wegen Corona digital.

Jedem Kind ein Instrument - auch an Förderschulen

„Schön, dass ihr heute da seid", eröffnet Dittrich den Unterricht, als Hamza zu der Videokonferenz dazu kommt. „Wir starten dann direkt mit unserer gewohnten Übung zum Einspielen." Er geht einige Schritte nach hinten an sein Keyboard und nach wenigen Tönen stimmen die Kinder mit ein. Dass sie blind sind, fällt nicht auf - jeder Ton sitzt und auch das vorgegebene Tempo halten beide problemlos ein. Bei seinem Lieblingslied „Freude schöner Götterfunken" zeigt Hamza, dass er es sogar noch schneller spielen kann. „Es ist eine Kunst, fließend und gleichmäßig zu spielen. Das gefällt mir besonders gut", erzählt er. Dass die Tasten keine Blindenschrift haben, ist dabei kein Problem für ihn: „Ich orientiere mich an der Position der weißen Tasten zwischen den höhergelegenen schwarzen Tasten."

Mara und Hamza lernen seit zweieinhalb Jahren Keyboard im Rahmen des Programms „Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen" (JeKits). Das Bildungsprogramm des Landes NRW bietet seit 2014 Kindern an Grund- und Förderschulen einen Einstieg zum gemeinsamen Musizieren und Tanzen. Zusammen mit außerschulischen Partnern und Partnerinnen wie der Musikschule Herten erhalten die Kinder im ersten JeKits-Jahr im regulären Schulunterricht Grundkenntnisse im Musizieren und lernen beispielsweise verschiedene Musikinstrumente kennen. Ab dem zweiten JeKits-Jahr vertiefen sie ihre Fähigkeiten in Gruppen je nach musikalischem Schwerpunkt.

Musik bereichert das Leben

Als erste LWL-Förderschule startete die Hertener Christy-Brown-Schule 2008 eine Kooperation mit der Musikschule Herten. 2015 kam das Angebot für die Focus-Schule Gelsenkirchen hinzu. „Sich mit Musik zu beschäftigen, bereichert das Leben", sagt Sabine Fiebig-Fechtner, Leiterin der Musikschule in Herten. „Musik schafft einen neuen Zugang zu den Menschen, indem sie Emotionen weckt. Diese Erfahrung möchten wir auch Kindern mit Behinderung ermöglichen."

Aktuell schränken die Unterrichtsausfälle während der Corona-Pandemie die Erfahrungen der Kinder im ersten und zweiten JeKits-Jahr stark ein: „Neue Instrumente ausprobieren, die eigenen Kenntnisse erweitern oder gemeinsam in der Gruppe musizieren, können die Kinder während der Pandemie nicht", erzählt Patricia Streppelhoff, JeKits-Beauftragte an der Focus-Schule. Auch der digitale Unterricht ist je nach Instrument und Grad der Behinderung nicht immer umsetzbar. Umso mehr freut es Streppelhoff, dass Mara und Hamza mit ihrem Lehrer regelmäßig online üben können.

Neue Lieder lernen können die beiden digital aber nicht: „Eigentlich würde ich die Kinder dabei an die Hand nehmen, um mit ihnen die richtigen Tasten und Griffe zu lernen. Das geht jetzt natürlich nicht", erklärt Dittrich. „In der aktuellen Situation ist es aber wichtiger, dass die Kinder weiterhin üben können und den Spaß am Keyboardspielen behalten." Das ist auch den Kindern wichtig. „Ich finde Musik sehr schön. Es ist toll, dass ich die Möglichkeit habe, selbst ein Instrument zu lernen", stimmt Mara zu.

Der LWL im Überblick

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 18.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe vom 26.02.2021

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