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Digitalisierung

Bildungsferne Bevölkerungsgruppen abgehängt

Ein Arbeitslaptop steht auf einem Schreibtisch in einem Büro
Bild: rawpixel - pixabay.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Lesen, Rechnen und Schreiben gehören für eine klare Mehrheit der Bevölkerung zu den wichtigsten Kompetenzen – auch dann, wenn sie selber keine formal hohe Bildung haben. Das ergab eine repräsentative Bevölkerungsbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Stiftung Lesen zur Halbzeit der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016-2026 (AlphaDekade). Die Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Die Untersuchung zeigt, dass bildungs- und leseferne Bevölkerungsgruppen mit zunehmender Digitalisierung benachteiligt sind, weil sie sich Anforderungen gegenübersehen, denen sie faktisch nicht gewachsen sind.

Man kann davon ausgehen, dass die Einschränkungen besonders gravierend für Erwachsene sind, die nicht gut lesen und schreiben können. Das betrifft laut LEO Grundbildungsstudie 2018 hochgerechnet 6,2 Millionen Menschen in Deutschland.

Selbst einfache Alltagsaufgaben verlangen seit Beginn der Pandemie nun meist Lese- und Schreibkompetenzen

Im vergangenen Jahr wurden zahlreiche Anforderungen, die bis dahin auch persönlich erfolgen konnten, digitalisiert, z. B. Behördengänge, Bestellungen im Restaurant, Terminvereinbarungen oder Einkäufe. Selbst einfache Alltagsaufgaben verlangen nun meist Lese- und Schreibkompetenzen. Diese fast ausschließliche Verlagerung in den digitalen Raum hat zur Folge, dass sich die Ungleichheit und unterschiedlichen Zugangschancen in der Bevölkerung verschärfen. So sehen 40 Prozent der Befragten mit einfacher Bildung der Digitalisierung und ihrer Auswirkung auf den persönlichen Alltag stärker mit Befürchtungen als mit Hoffnungen entgegen (vs. 28 Prozent der Hochgebildeten). Auch die sich rasant verändernde Informationslage zu Pandemieverlauf und Eindämmungsmaßnahmen lassen sich ohne eigenständiges Lesen kaum erfassen. 31 Prozent der Befragten mit einfacher Bildung fällt es schwer oder sehr schwer, im Zusammenhang mit Corona die Information zu erhalten, die sie suchen und brauchen. Unter den höher Gebildeten sagen das nur 15 Prozent. Hauptprobleme sind Fülle, Länge und Komplexität von Information, die nahezu ausschließlich digital verfügbar ist.

Infektionsrisiko höher für Menschen mit einfacher Bildung

„Die Dynamik der durch Digitalisierung beförderten Veränderungen hat sich coronabedingt verstärkt und beschleunigt. Während ein großer Teil der höher gebildeten Bevölkerungsgruppen im Homeoffice arbeitet und die Kinder im Homeschooling betreuen kann, zeigt sich für einfach Gebildete eine ganz andere Situation“, stellt Prof. Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen fest. „Menschen mit einfacher Bildung müssen häufiger vor Ort und im Team arbeiten und sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Die Kombination aus Lebensbedingungen und der eingeschränkten Möglichkeit, sich zu aktuellen Regeln zu informieren, erhöht für diese Bevölkerungsgruppe auch das Infektionsrisiko.“

Digitaler Ungleichheit muss begegnet werden

Prof. Dr. Josef Schrader, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) und Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats der AlphaDekade betonte: „Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten dürfen aufgrund der zunehmenden Digitalisierung im Alltag nicht abgehängt werden. Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie schnell sich Alltagsaktivitäten wie Einkaufen, Familientreffen, Lernen oder Fitnesstraining in den digitalen Raum verschieben können. Um der Gefahr von digitaler Ungleichheit zu begegnen, ist es mehr denn je erforderlich, Lese- und Schreibkompetenzen gerade für die Nutzung digitaler Medien zu verbessern. Nur so können wir die Menschen noch zielgenauer als bisher für konkrete Lese- und Schreib-Anforderungen im Alltag vorbereiten, der mehr und mehr digitalen Raum stattfindet. Genau hier setzt die AlphaDekade an, indem sie Zugangswege und Lernangebote konzipiert und erprobt mit dem Ziel, die Betroffenen in ihrer Arbeits- und Lebenswelt zu erreichen.“

Zur Bevölkerungsumfrage

Für die repräsentative Bevölkerungsbefragung hat das Institut für Demoskopie Allensbach vom 28. November bis 10. Dezember 2020 insgesamt 1022 Personen ab 16 Jahren befragt. Die Interviews wurden mündlich-persönlich (face-to-face) von 320 Interviewer/innen unter Beachtung aller coronabedingten Abstands- und Hygieneregeln geführt. Die Erhebung ist repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 16 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Teil der Fragen wurde bereits im Sommer 2018 einer vergleichbaren repräsentativen Stichprobe gestellt. Dies ermöglicht die Identifikation von Veränderungen in den Sichtweisen. Weitere Ergebnisse befinden sich auf der Seite der Kampagne Alphadekade.

Quelle: Stiftung Lesen vom 25.03.2021