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Hochschule Fresenius: Mehr offensive Kinder- und Jugendhilfe gefordert

Ein Junge mit Superheld-Umgang läuft auf einem Feldweg entlang.
Bild: © Bzahar2000 - fotolia.com

Sozialpädagogische Angebote verlieren ihren originären Inhalt – und vielleicht sogar ihren Auftrag, wenn deren Adressaten nur noch auf eine Empfängerrolle reduziert sind. Das sagt Prof. Dr. Frank Gusinde von der Hochschule Fresenius Köln in seiner Antrittsvorlesung. Er wünscht sich eine Weiterentwicklung der offensiven Kinder- und Jugendhilfe, die sich stärker für die Interessen von Kindern, Jugendlichen und Familien einsetzt.

Prof. Dr. Frank Gusinde von der Hochschule Fresenius Köln sieht aktuell eine Tendenz, in der die Frage der Nützlichkeit für das ökonomische System wichtiger ist als die freie Entfaltung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Der Mensch selbst und die Wiederherstellung seiner Handlungsfähigkeit stehen nicht mehr primär im Fokus der Betrachtung. „Wir brauchen Empathie und die Fähigkeit, Kongruenz herzustellen“, sagt Professor Gusinde, der die zunehmende Standardisierung in der täglichen Arbeit als einen wesentlichen Problemfaktor ansieht: „Nehmen wir als Beispiel die Analyse so genannter auffälliger Merkmale bei einer Klientin oder einem Klienten. Wenn wir diese einfach zählen und linear quantifizierbar machen, verfehlen wir die entscheidenden Kernelemente des Hilfeprozesses, es kommt zu dem, was ich Entprofessionalisierung der Sozialen Arbeit nenne.“

Zusammendenken von Subjekt und Struktur

Es sei in der Praxis schon vorgekommen, dass Einschätzungen nur anhand von Checklisten zustande gekommen seien und in Fallbesprechungen nur diesen Ergebnissen gefolgt worden sei. „Gerade wenn es um die Gefährdungsbeurteilung geht, ist das eine fatale Vorgehensweise“, so Gusinde. Der Professor, Studiendekan des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit an der Hochschule Fresenius in Köln, fordert daher ein „Zusammendenken von Subjekt und Struktur“, das heißt eine stärkere Berücksichtigung der Rahmenbedingungen, in denen sich ein Mensch bewegt. „Beide bilden ein System wechselseitiger Beeinflussung und Abhängigkeiten. Wir müssen das Wechselspiel zwischen objektiven, in der Struktur vorhandenen Verwirklichungsgelegenheiten und subjektiven Fähigkeiten des Einzelnen beobachten und daraus Beurteilungen und Handlungsempfehlungen ableiten.“

Fachkräftemangel hat Auswirkungen: Standardisierungen sind häufig die Folge fehlender Ressourcen

Eine Problematik, die wie in vielen anderen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens mit einem wachsenden Fachkräftemangel zu tun hat: „Standardisierungen sind häufig die Folge fehlender Ressourcen“, sagt Gusinde und rechnet: „Bis 2030 brauchen wir ca. 350.000 Fachkräfte zusätzlich im Sozialwesen. Der Branche wird die zweithöchste Wachstumsrate prognostiziert. Viele dieser Fachkräfte benötigen wir in der Kinder- und Jugendhilfe.“ Angesichts wachsender Herausforderungen, wie sie durch Zuzug und Digitalisierung entstehen, sei auch die Qualitätssicherung in der Kindertagesbetreuung ein Thema, dem künftig eine höhere Bedeutung beigemessen werden wird.

Weitere Informationen stehen auf dem Wissenschaftsblog der Hochschule Fresenius zur Verfügung.

Quelle: Hochschule Fresenius vom 26.06.2019

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