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Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben

Junge Frauen aus türkischstämmigen Familien in Deutschland begehen etwa doppelt so oft einen Suizidversuch wie Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Die Psychiatrie der Charité (Campus Mitte) untersucht nun die genaueren Zusammenhänge. Vor allem geht es um spezifische Hilfsangebote.

Am 22. Juni findet die Auftaktveranstaltung des Projektes "Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben" statt.

Generell sind in Deutschland die Suizidraten bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund niedriger als bei Einheimischen. Internationale Statistiken zeigen, dass die Rate auch nach Auswanderung der des Herkunftslandes entspricht. Fachleute gehen davon aus, dass der größere Zusammenhalt in der türkischen Gesellschaft sowie religiöse Verbote für die dort geringere Selbsttötungs-Gefahr ursächlich sind.

Erschreckenderweise ist dies bei Mädchen und jungen Frauen in Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund aber anders: Die Häufigkeit von versuchten und vollendeten Suiziden ist bei ihnen annähernd doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen aus deutschen Familien. Die Verzweiflungstat passiert zudem durchschnittlich in einem früheren Lebensalter. 

Unbestritten ist, dass neben biologischen auch seelische und soziale Faktoren bei der "Anfälligkeit" für Suizide eine Rolle spielen. Migration kann dies verstärken, und zwar auch bei Frauen der 2. und 3. Einwanderergeneration. Gerade für junge Frauen aus türkischstämmigen Familien ist der Konflikt zwischen traditioneller Rollenerwartung und moderner Lebensform im Aufnahmeland eine oft nur schwer lösbare Belastung. Ein Beispiel ist eine von Eltern und männlichen Familienmitgliedern nicht akzeptierte Liebesbeziehung. Hinzu kommt oft die Erfahrung von familiärer Gewalt sowie von Stigmatisierung und Ausgrenzung durch die deutsche Gesellschaft.

Ferner sind die Vorstellungen und Erklärungsmodelle zu seelischen Krankheiten zwischen den verschiedenen Gesellschaften oft sehr unterschiedlich. Womöglich ist dies - neben sprachlichen und sozialen Barrieren - eine Erklärung dafür, dass Menschen mit Migrationshintergrund Angebote des Gesundheitssystems weniger wahrnehmen, und das betrifft ganz besonders psychotherapeutische Einrichtungen.

Insgesamt aber sind die Daten zur Suizidalität von türkischen Migrantinnen in Deutschland und anderen europäischen Ländern recht lückenhaft. In einer ersten Phase des Forschungsprojektes werden deshalb Erkenntnisse gesammelt. Unter anderem haben dazu Studienmitarbeiter sämtliche Notaufnahmen in Berlin und Hamburg aufgesucht, um dort nicht personenbezogene Daten zu den Suizidversuchen und den Beweggründen der Frauen zusammenzutragen. Dies erfolgt selbstverständlich in anonymisierter Form. Zudem werden statistische Daten über die Gruppe junger türkischstämmiger Frauen in beiden Städten erhoben. Um vergleichen zu können, welche Maßnahmen den betroffenen Frauen helfen können, wird der "Interventionsteil" des Vorhabens ausschließlich in Berlin durchgeführt, die entsprechende Gruppe in Hamburg dient als Kontrolleinheit.

In Berlin werden sowohl Multiplikatoren mit gutem Zugang zur Zielgruppe (erwachsene Frauen mit türkischem Migrationshintergrund) als auch Mitarbeiterinnen aus Medizin, Pflege, Psychologie und Sozialpädagogik als Ansprechpartnerinnen für suizidgefährdete Mädchen und junge Frauen trainiert. Ferner wird eine Hotline für Hilfesuchende eingerichtet, und zwar beim Berliner Krisendienst (Region Mitte). In dringenden Fällen wird auf eine spezielle Sprechstunde der Psychiatrischen Uniklinik der Charite hingewiesen, die im St. Hedwig-Krankenhaus angesiedelt ist.

Am 22.06.2010 beginnt - als fester Bestandteil des Forschungsprojektes - eine sechs Monate dauernde Medienkampagne, zu der auch Pressedienste gehören. Damit sollen zum einen türkischstämmige Berliner Frauen mit Suizidgedanken ermutigt werden, die Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen und sich beispielsweise an die Telefonhotline zu wenden. Zum anderen soll die allgemeine Öffentlichkeit - insbesondere aber Familien mit türkischem Migrationshintergrund - für das Problem sensibilisiert und darüber informiert werden, dass es Hilfsmöglichkeiten gibt.

In einer anschließenden Phase werden die beteiligten Wissenschaftler auswerten, wie weit solche Interventionen die Häufigkeit von Suizidversuchen bei jungen Frauen aus türkischstämmigen Familien verringern können. Die Projektverantwortlichen hoffen, dass sich diese Erfahrungen und Erkenntnisse auch auf andere Gruppen und Regionen übertragen lassen und wollen schließlich ein entsprechendes Handbuch herausgeben.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

ik

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