Aufsatz

Väterliche Fürsorge in der Coronakrise – Eine unterschätzte Ressource

Ein Vater hat seinen Sohn, der Pappflügel trägt, auf dem Arm und beide tragen Sonnenbrillen und lachen.
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In seinem Aufsatz „Väterliche Fürsorge in der Coronakrise: eine unterschätzte Ressource“ nimmt der Diplom-Pädagoge Wolfgang Nacken die Rolle der Väter innerhalb der Familie in den Blick. Eine Entlastung und Stärkung der Väter bedeute eine Entlastung der Kinder und Jugendlichen in einer belastenden Situation. Unter anderem wird deshalb der Ausbau von spezifischen Hilfsangeboten für Väter gefordert.

Nachfolgend der Aufsatz im Wortlaut:

Väterliche Fürsorge in der Coronakrise: eine unterschätzte Ressource

Unzweifelhaft stehen Familien im Zuge der Corona-Pandemie und der dadurch verhängten Lockdowns unter enormen Belastungen. Zum einen sind sowohl Kinderbetreuung und schulische Bildung fast völlig in die Verantwortung der Eltern übergegangen, zum anderen nimmt der ökonomische Druck angesichts von Kündigungen, Kurzarbeit und Insolvenzen zu. Hinzu kommen teilweise beengte Wohnverhältnisse und die stark eingeschränkten soziale Kontakte.

Dass innerfamiliäre Gewalt zunimmt ist ebenso wenig verwunderlich wie die enorme Zunahme psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen (UKE 2021).

Nun wäre es an dieser Stelle anmaßend, die Maßnahmen zum Infektionsschutz zu kritisieren und Forderungen an die Gesundheitspolitik zu stellen. Aus Sicht eines Pädagogen und Elternberaters möchte ich daher den Fokus auf Familien als Unterstützungssystem für Kinder und Jugendliche richten, um die Krise möglichst unversehrt zu überstehen.

Familien als Unterstützungssysteme in der Krise

Eine Grundlage der systemischen Familientherapie ist die Erkenntnis, dass eine Störung auf der Eltern-Ebene zu Störungen in der Entwicklung der einzelnen Kinder führen kann. Es ist daher eine Binsenweisheit, dass eine Stärkung der Elterneben zugleich positive Auswirkungen auf die Kinder hat. Dabei muss die Elterneben immer als eigenes System betrachtet werden, in dem in der Regel beide Partner*innen gleichermaßen dazu beitragen, wie sie ihren Herausforderungen und Aufgaben im Familiensystem gerecht werden (von Schlippe 2016).

Neben der direkten Interaktion mit den Kindern gehören zur Elternschaft noch sehr viel mehr Aufgaben, die in den einschlägigen Erhebungen allerdings häufig vergessen werden. Der Familienforscher Wassilios Fthenakis (2002; in Anlehnung an Dollahite, Hawkins und Brotherson) zählt dazu u.a. die „Verwalterarbeit“ – also dafür zu sorgen, dass ausreichend Ressourcen vorhanden sind, die „Beziehungsarbeit“ mit Personen außerhalb der Familie sowie die „entwicklungsbezogene Arbeit“, die auch die Beschäftigung mit Erziehungsthemen einschließt.

Angesichts knapper werdender Ressourcen in der Krise kommt damit auch der väterliche Erwerbsarbeit eine besondere Bedeutung zu. Und in der Tat ist diese Aufgabe für viele Väter alles andere als zufriedenstellend – immerhin haben schon vor der Coronakrise rund 80% der Väter angegeben, dass sie gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten (BMFSFJ 2018), was in der Coronakrise noch einmal zugenommen hat (DIW (I) 2021).

Väter als Ressourcen

Angesichts dieser Herausforderungen ist also im Sinne der Stärkung des Unterstützungssystems für Kinder und Jugendliche völlig kontraproduktiv, den Beitrag der Väter zu ignorieren bzw. lediglich appellativ zu mehr direkter Care-Arbeit aufzurufen. Dadurch wird, nebenbei, ein traditionell-patriarchales Genderbild reproduziert, das der Wirklichkeit nicht unbedingt entspricht: tatsächlich hat sich bei den Elternpaaren, die sich die Kinderbetreuung schon bisher paritätisch geteilt haben, auch während der Coronakrise nichts geändert. Die Zahl dieser Paare hat sogar leicht zugenommen. Ebenso zugenommen hat die Anzahl der Väter, die nun alleine bzw. überwiegend die Kinder betreuen – und zwar mehr als verdoppelt. Auf der anderen Seite hat sich aber auch der Anteil der Frauen, die bisher überwiegend für die Kinderbetreuung zuständig war, verschoben auf deren alleinige Zuständigkeit. Man kann also von einer leichten Steigerung in paritätischen Modellen bei gleichzeitiger Polarisierung von traditionellen Modellen der Kinderbetreuung sprechen (DIW (II) 2021). Betrachtet man die geschlechterspezifische Aufteilung der Hausarbeit, ergibt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen den Genderkonzept der Mütter und der Beteiligung der Väter (BMFSFJ 2018) – was darauf schließen lässt, dass die gegenwärtig zu beklagende Retraditionalisierung sowohl von den Vätern, als auch von den Müttern ausgeht.

Väterliches Engagement

In der Beratungsarbeit mit Vätern ist mir seit längerem aufgefallen, dass väterliches Engagement in der Kinderbetreuung mittlerweile der Normalfall ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der Väterbericht der Bundesregierung. Ein Indiz für diese Beobachtung ist zudem, dass jetzt die erste Generation erwachsen wurde, bei denen praktisch jeder Vater von Geburt an anwesend war. Wir haben in unserer Gesellschaft mittlerweile eine Entwicklung vollzogen, in der die intensive Beteiligung der Väter an der Kindererziehung - von Beginn an – selbstverständlich ist.

In der realen Zeitaufteilung verbrachten Väter schon vor der Coronakrise zwar weniger, allerdings nur graduell weniger Zeit als die Mütter für die Care-Arbeit in der Familie. Väter arbeiten größtenteils Vollzeit und tragen damit auch größtenteils zum Familieneinkommen bei, während Mütter eher in Teilzeit gehen. Ursache dafür ist in erster Linie der Gender Pay Gap – der beim Großteil der Familien schlicht aus ökonomischen Gründen nur diese Aufteilung zulässt, da sonst das Familieneinkommen nicht ausreichen würde (DIW (II) 2021). Hinzu kommen zudem Hürden auf dem Arbeitsmarkt, die eine längere Elternzeit bzw. Teilzeit bei Vätern weniger toleriert als bei Müttern.

Erfreulicherweise werden diese Zusammenhänge im aktuellen Familienbericht der Bundesregierung deutlich benannt und vom Sachverständigenrat daher auf Appelle an Väter verzichtet. Anstatt dessen werden Forderungen formuliert, die v.a. eine stärkere ökonomische Entlastung der Familien in unteren und mittleren Einkommensgruppen zum Ziel haben, um überhaupt einen Handlungsspielraum für paritätische Betreuungsmodelle zu ermöglichen (BMFSFJ 2021).

Väter unterstützen

Insgesamt stehen in der Coronakrise nicht nur Mütter, sondern auch Väter unter einem enormen Druck, der sich auch auf die Lebensbedingungen ihrer Kinder auswirkt. Eine Entlastung und Stärkung der Väter bedeutet damit eine Entlastung der Kinder und Jugendlichen in einer extrem schwierigen und psychisch belastenden Situation. Noch mehr: ein stabiles Familiensystem ist vermutlich die einzige und wichtigste Ressource, die Kinder und Jugendliche derzeit haben, um die Defizite in den anderen Bereichen – weggebrochene Peerbeziehungen und Bildungsdefizit – zu kompensieren.

Es müsste jetzt darum gehen, die Rolle der Väter innerhalb der Familie sichtbar zu machen, zu stärken und damit als Ressource für Kinder mehr zu nutzen. Da es an Studien mangelt, die auf subjektorientierter Basis Problemlagen, Bedarfe und Unterstützungsmöglichkeiten von Vätern analysieren, müssten diese ausgeweitet bzw. vertieft werden.

Was sich bereits jetzt konstatieren lässt, ist, dass die Leistungen der Väter in den Familien, zumal in der Coronakrise, weitaus mehr Beachtung und Würdigung erfahren müssten. Der Vorwurf, die Care-Arbeit habe sich einseitig zulasten der Mütter verschoben, ist empirisch so nicht haltbar - zumindest nicht in dieser stereotypen Vereinfachung. Solche Statements, ebenso wie das Appellieren an Väter, sich mehr in den Familien zu engagieren, wirken angesichts der schwierigen Situation von Vätern eher demotivierend.

Ein weiterer wichtiger Bereich wäre der Ausbau von spezifischen Hilfsangebote für Väter. Dass Männer im Allgemeinen und Väter im Besonderen kaum Hilfsangebote wahrnehmen, liegt m.E. zum Großteil daran, dass diese entweder kaum existieren, kaum beworben werden oder kaum zielgruppenspezifische Ansprache stattfindet. Zudem gibt es zu den Zugangsbarrieren von Männern zu Hilfsangeboten keine aktuellen und aussagekräftigen Untersuchungen, die den ersten Schritt darstellen könnten, diese abzubauen.

Beispiel häusliche Gewalt: Obwohl selbst im Hellfeld der Anteil betroffener Männer bei 20 - 25 % liegt (BKA 2020 sowie Berliner Charité 2021), zudem die Dunkelziffer sicherlich wesentlich höher ist, gibt es auch in der Coronakrise kaum vernehmbare Aussagen zu diesem Missstand, geschweige denn öffentlichen Hinweise auf Hilfsangebote. Hilfsangebote für männliche Opfer häuslicher Gewalt sind im Zusammenhang mit Familienförderung und Jugendhilfe aber von großer Bedeutung, wenn man die traumatisierenden Folgen für die Kinder, die u.U. Zeug*innen der Übergriffe werden, mit in Betracht zieht. Schutzeinrichtungen für männliche Opfer häuslicher Gewalt sind kaum vorhanden, solche für Väter mit ihren Kindern sind mir nicht bekannt. Die Quote der Frauenhausplätze im Verhältnis zu den weiblichen Opfern häuslicher Gewalt beträgt 1:17 – eindeutig zu wenig. Doch die Quote für die männlichen Opfer beträgt 1: 996. Für die betroffenen Väter und ihre Kinder ist dieses Defizit verheerend – denn es bleibt ihnen kaum anderes übrig, als die Gewalt zu erdulden (Geißler 2020).

Hilfsangebote ausweiten

Männern wird es im Verlauf ihrer Sozialisation schwer gemacht, sich anderen Menschen anzuvertrauen und Hilfe zu suchen. Meine Erfahrungen in der Beratungsarbeit bei Väter e.V. in Hamburg zeigt, dass die Nachfrage sehr groß ist, sobald sich ein Angebot etabliert hat. Nach anfänglichem Zögern wird die Unterstützung durch ausgebildete Berater*innen gerne angenommen und in den Gesprächen eine ungeahnte Bedürftigkeit sichtbar. Ich gehe davon aus, dass es anderen Beratungsstellen ähnlich geht, sobald sie Kontakt zu den Vätern bekommen haben.

Fazit: Was wäre also zu tun, um Kinder und Jugendliche in der Coronakrise zu unterstützen? Familien stärken, die Väter in den Blick nehmen, Hilfsangebote ausbauen.

Literatur

  • BMFSFJ: Väterbericht 2018. Berlin 2018
  • BMFSFJ: Familienbericht 2020. Berlin 2021
  • Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) I: FamilienMonitor_Corona (2) 2021
  • Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) II: DIW-Wochenbericht 9.2021
  • Bundeskriminalamt (BKA): Partnerschaftsgewalt. Kriminalistische Auswertung Berichtsjahr 2019. Wiesbaden 2020
  • Fthenakis W.: Mehr als Geld? Zur (Neu-) Konzeptualisierung väterlichen Engagements. In: Fthenakis, W.; Textor, M. (Hg.): Mutterschaft, Vaterschaft. Weinheim, Basel 2002
  • Geißler, A.: Weibliche Gewalt in intimen Paarbeziehungen. Baden-Baden 2020
  • Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): COPSY-Studie. Kinder und Jugendliche leiden psychisch weiterhin stark unter Corona-Pandemie. Pressemitteilung 10.02.2021
  • Von Schlippe, A.; Schweitzer, J.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Göttingen 2016
  • Zu den Zahlen der Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité 2020: Süddeutsche Zeitung 04.03.2021
  • Die Quoten bzgl. Frauenhausplätze und Männerschutzplätze wurden berechnet anhand des Hellfeldes (BKA 2020) sowie Statista: Anzahl der empfohlenen und zur Verfügung stehenden Plätze in Frauenhäusern im Jahr 2019 (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1120284/umfrage/empfohlenen-und-tatsaechlich-vorhandenen-betten-in-frauenhaeusern/; Zugriff 04.03.2021) und Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (https://www.maennergewaltschutz.de/maennerschutz-und-beratung/; Zugriff 04.03.2021)

Über den Autor

Wolfgang Nacken ist Diplom-Pädagoge und angehender Familientherapeut. Er berät hauptamtlich Väter und Mütter bei Väter e.V. in Hamburg.

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