Förderung der Erziehung in der Familie

Straffälligenhilfe: Die Kinder als Opfer in den Fokus nehmen

Gefängniszellen in Alcatraz
Bild: Colin Eaton   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0

Vom 23. bis 24. September tagt in Bonn der jährliche Kongress der Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe unter dem Titel „Wir sind Straffälligenhilfe! Besondere Hilfen für besondere Lebenslagen“.

Die Lebenslagen straffällig gewordener Menschen sind in der Regel mehrfach belastet. Die Freiheitsstrafe ist oft nur die Spitze des Eisberges, unter der sich soziale, materielle und andere Probleme verbergen. Daher bedarf es besonderer fachlicher Anstrengungen, vorhandene Potentiale zu aktivieren, um gemeinsam mit den Betroffenen Wege zu einem gelingenden, straffreien Leben zu finden. Vor diesem Hintergrund beleuchtet der Bundeskongress einige Dimensionen der Lebenswirklichkeit Straffälliger und ihrer Familien.

In einem Workshop am Nachmittag des ersten Kongresstages werden besonders die Kinder von Inhaftierten als sogenannte tertiäre Opfer einer Straftat in den Fokus genommen. Ohne eigenes Verschulden werden sie zu Leidtragenden einer Inhaftierung und tragen nicht selten lebenslange Folgen in Bezug auf den Aufbau von Bindungsqualität davon. Rund 100.000 Kinder sind in Deutschland aktuell davon betroffen, dass Vater oder Mutter im Gefängnis sind. Erst in den letzten Jahren wächst jedoch ein Bewusstsein dafür, dass diese Kinder besondere Unterstützung brauchen. Der Workshop thematisiert zwei spannende Ansätze.

Cornelius Wichmann vom Deutschen Caritasverband stellt ein Online-Angebot für Kinder vor, dass diese auf den Besuch im Gefängnis vorbereitet. Unter http://www.besuch-im-gefaengnis.de/ (das Fachkräfteportal berichtete) können sich Töchter und Söhne kindgerecht darüber informieren, was sie in der Justizvollzugsanstalt erwartet und wie ein Besuch dort abläuft. Das Angebot ist bewusst responsiv gestaltet, weil Kinder dieser Altersgruppe am häufigsten über das Smartphone aufs Internet zugreifen. Wenig Text, dafür Bilder, Audiodateien und Videos geben ein lebendiges Bild vom Alltag im „Knast“.

Der Besuch im Gefängnis ist auch Gegenstand des zweiten Projektes, das an diesem Nachmittag vorgestellt wird. Lehrende und Studierende der Alanus-Hochschule in Alfter berichten davon, wie sie die Besuchsräume der JVA-Köln umgestalten. Prof. Dr. Janne Fengler, Professorin für Kindheitspädagogik und Pädagogische Psychologie, erläutert einführend, dass Kinder anregende Räumlichkeiten brauchen, um in ihrer Fähigkeit zur Beziehungsaufnahme stimuliert zu werden. Die gezeigten Besuchsräume der JVA-Köln lassen wenig Zweifel daran, dass diese Stimulation dort bisher nicht stattfindet. In einer weit über den normalen Semesterrahmen hinaus gehenden Projektarbeit entwickelten Studierende – zum Teil unter Beteiligung der Inhaftierten - ganz unterschiedliche künstlerische Gestaltungselemente für Räume und Flure der JVA. Trotz der eng gesteckten Rahmenbedingungen – wirklich viel darf nicht verändert werden – entstehen so expressive Vorhänge mit Motiven aus der Kunsttherapie für die Warteräume,  anregende Farbkonzepte mit Naturmotiven für die Besuchszimmer und anregende Graffitikunst im direkten Umfeld des Gefängnisses.

Aus Zeitgründen kann nur eine Studentin an der Tagung teilnehmen. Diese erobert sich jedoch schnell die Herzen der Teilnehmenden. Sie berichtet von ihrem Projekt „Buddy“. Ein von ihr entworfenes Bilderbuch erzählt die Geschichte des Bären Buddy, der einen Besuch im Gefängnis abstattet. In der JVA-Köln werden nun in der Schneiderei entsprechende Bären genäht, die die Inhaftierten ihren Kindern schenken können. So nehmen sie einen Buddy aus dem Gefängnis mit nach Hause, der die Beziehung stabilisieren kann. Geplant ist die Gestaltung der Wände auf dem Weg zu den Besuchsräumen in der JVA Köln mit Bildern von Buddy und seinen Fußstapfen auf der Treppe. Die Studentin sucht noch nach Finanzierungsmöglichkeiten für das Verlegen des Bilderbuches. Der Applaus des Plenums machte die ideelle Unterstützung schon sehr deutlich.