Förderung der Erziehung in der Familie / Digitalisierung und Medien

Familien brauchen mehr Unterstützung bei der Medienerziehung

Kleines Kind steht unmittelbar vor einem Fernsehbildschirm
Bild: rawpixel.com

Mehr als jedes sechste Kind in der vierten Klasse verbringt mehr als vier Stunden am Tag mit Fernsehen, Computer- oder Videospielen. Bei Kindern, deren Mütter über keinen berufsqualifizierenden Abschluss verfügen, sind es sogar 28,3 Prozent. Dabei begleiten bildungsferne Eltern ihre Kinder in anderen Bereichen zum Teil sogar stärker als bildungsnahe Eltern. Dies erläutert Dr. Wido Geis, zuständig für Bildung, Zuwanderung und Innovation am Institut der deutschen Wirtschaft Köln in Ausgabe 39/2018 der IW-Kurzberichte.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt und des täglichen Lebens wird es immer wichtiger, dass junge Menschen bereits im Kindesalter den Umgang mit den modernen Medien einüben. Gleichzeitig kann sich ein übermäßiger Medienkonsum allerdings auch sehr negativ auf ihre Entwicklung auswirken. So drohen auf körperlicher Ebene etwa krankhaftes Übergewicht, Augenbeschwerden und Schlafstörungen. Zudem können das Sozialverhalten aggressiver werden, das Selbstwertgefühl Beeinträchtigungen erfahren und die sprachliche und schulische Entwicklung leiden (van Egmont-Fröhlich et al., 2007). Daher ist es wichtig, dass die Mediennutzung von jüngeren Kindern in den Familien begleitet und zeitlich begrenzt wird.

Hierzu liefert eine eigene Auswertung des Nationalen Bildungspanels (Blossfeld et al., 2011) interessante neue Erkenntnisse. In seinem Rahmen wurden im Jahr 2016 unter anderem Viertklässler dazu befragt, wie stark ihnen ihre Eltern beim Fernsehen (einschließlich Videos, DVDs und Youtube) und bei Computer- und Videospielen Vorgaben machen und wie viel Zeit sie an einem normalen Schultag außerhalb der Schule hiermit verbringen.

Kinder sitzen oft vor dem Bildschirm

Betrachtet man beide Bereiche zusammen, gab mit 17,4 Prozent mehr als jedes sechste Kind eine überlange Nutzungsdauer von vier und mehr Stunden an (siehe Abbildung). Allerdings bestehen sehr große Unterschiede je nach Bildungshintergrund. So liegt der Anteil bei Kindern, deren Mütter keine berufsqualifizierenden Abschlüsse haben, mit 28,0 Prozent mehr als dreimal so hoch wie bei Kindern von Müttern mit Hochschulabschluss mit 8,8 Prozent. Dabei ist beachtlich, dass mit 8,8 Prozent etwa jedes zehnte Kind mit einer Mutter ohne Abschluss allein mit Computer- und Videospielen auf diesen hohen Wert kommt.

Dass der überlange Medienkonsum häufig tatsächlich mit Entwicklungsdefiziten einhergeht, macht die auch im Rahmen der Befragungen zum Nationalen Bildungspanel erhobene Einschätzung der Klassenlehrer zu den Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder deutlich. So schätzen diese die sozialen Fähigkeiten bei 30,5 Prozent der Kinder mit vier und mehr Stunden Medienkonsum schlechter ein als bei anderen Kindern im selben Alter im Vergleich zu 15,4 Prozent bei allen Kindern. Für die Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit liegt der entsprechende Wert bei 39,9 Prozent für die betroffenen Kinder und bei 21,2 Prozent für alle Kinder und bei den sprachlichen Fähigkeiten sind es 32,1 Prozent bei den betroffenen und 15,9 Prozent bei allen Kindern. Dabei dürfte allerdings insbesondere in letzterem Fall auch der ungünstigere Bildungshintergrund der betroffenen Kinder eine Rolle spielen.

Bildungshintergrund der Eltern hat Auswirkungen auf Mediennutzung

Viele der Kinder mit überlanger Mediennutzung leben in Familien, in denen wenig auf die Nutzungsdauer geachtet wird. So geben nur 51,8 Prozent der betroffenen Kinder an, dass ihre Eltern sehr darauf achten, wie viel Zeit sie vor dem Fernseher und am Computer verbringen, im Vergleich zu 73,0 Prozent bei allen Kindern. 42,4 Prozent bekommen die maximale Fernsehzeit von den Eltern festgelegt. Bei allen Kindern sind es 69,9 Prozent. Differenziert man statt nach der Mediennutzungsdauer nach dem Bildungshintergrund der Eltern, zeigen sich auch hier große Unterschiede. So geben nur 66,4 Prozent der Kinder mit Müttern ohne berufsqualifizierenden Abschluss, aber 72,1 Prozent der Kinder mit beruflich qualifizierten Müttern und 78,1 Prozent der Kinder mit Akademikermüttern an, dass ihre Eltern sehr auf die Gesamtzeit vor dem Fernseher und am Computer achten. 77,8 Prozent der Kinder von Akademikermüttern, aber nur 61,4 Prozent der Kinder von Müttern ohne berufsqualifizierenden und 67,8 Prozent der Kindern von Müttern mit beruflichem Abschluss bekommen die maximale Fernsehzeit festgelegt.

Auch wird in bildungsfernen Familien etwas weniger darauf geachtet, was sich die Kinder im Fernsehen ansehen. So geben 57,8 Prozent der Kinder mit Müttern ohne berufsqualifizierenden Abschluss an, dass die Eltern hierauf sehr achten, im Vergleich zu 65,0 Prozent der Kinder mit Müttern mit beruflichen Abschluss und 66,1 Prozent der Kinder mit Akademikermüttern. Bei den Kindern mit einer Mediennutzungsdauer von über vier Stunden liegt der Anteil sogar nur bei 41,9 Prozent. Etwas anders stellt sich die Lage bei der Computernutzung dar. Hier geben 60,2 Prozent der Kinder mit Müttern ohne berufsqualifizierenden Abschluss und 66,1 Prozent der Kinder mit Müttern mit beruflichem Abschluss, aber nur 58,8 Prozent der Kinder mit Akademikermüttern an, dass ihre Eltern stark auf die Art der Nutzung achten. Bei den Kindern mit überlangen Nutzungszeiten sind es mit 44,3 Prozent erneut deutlich weniger. Allerdings kann es in diesem Fall eine Rolle spielen, dass Kinder in bildungsfernen Familien häufiger den Computer ihrer Eltern mitnutzen.

Unterstützung bei den Hausaufgaben und Leseförderung

Obschon die Ergebnisse zur Mediennutzung die Vermutung nahelegen, dass in bildungsfernen Familien besonders häufig eine Laissez-Faire-Erziehung praktiziert wird, lässt sich das insgesamt nicht sagen. So gaben 37,8 Prozent der Kinder mit Müttern ohne berufsqualifizierenden Abschluss, aber nur 20,6 Prozent der Kinder mit beruflichem Abschluss und 24,9 Prozent der Kinder mit Akademikermüttern an, dass ihre Eltern Wert darauf legen, dass sie die Hausaufgaben immer zur selben Zeit machen. Auch bei den Kindern mit überlanger Mediennutzung findet sich mit 30,5 Prozent ein relativ hoher Wert. Diese Ergebnisse passen zu den Befunden von Geis (2017) auf Basis anderer Daten, dass niedrigqualifizierte Mütter ihren Kindern sogar häufiger bei den Hausaufgaben begleiten. Auch sagen 41,8 Prozent der Kinder von Müttern ohne berufsqualifizierenden Abschluss, dass ihre Eltern darauf achten, dass sie täglich eine gewisse Zeit mit Lesen verbringen, im Vergleich zu nur 33,3 Prozent der Kinder mit beruflich qualifizierten Müttern und 25,0 Prozent der Kinder mit Akademikermüttern. Bei den Kindern mit überlanger Mediennutzung sind es 31,2 Prozent.

Mangelndes Bewusstsein für Gefahren starken Medienkonsums

Das Problem dürfte also insbesondere bei den bildungsfernen Familien zumeist nicht in einem allgemeinen Desinteresse für die Kinder, sondern in einem mangelnden Bewusstsein für die Gefahren eines zu starken Medienkonsums liegen. Hier können gezielte Elternschulungen Abhilfe schaffen, die etwa im Rahmen von Elternabenden an den Schulen angeboten werden können. Dabei ist es wichtig, dass neben den Risiken auch die Chancen einer altersgerechten Mediennutzung thematisiert werden und aufgezeigt wird, wie Eltern ihre Kinder bei der Aneignung digitaler Kompetenzen begleiten können.

Download des IW-Kurzberichts Nr. 39, 2018 (PDF, 217 KB)

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW) , Autor: Dr. Wido Geis

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