EU-Jugendstrategie / Freiwilliges Engagement

"Wir sollten den EFD im Hinblick auf seine europäische Dimension noch stärker profilieren"

Hans-Georg Wicke, Leiter von JUGEND für Europa
Bild: Bettina Ausserhofer, Berlin

In einem Interview äußert sich Hans-Georg Wicke, Leiter von JUGEND für Europa, zum Europäischen Freiwilligendienst und zum von Juncker geplanten "Solidaritätskorps".

JfE: Herr Wicke, was bringt der Europäische Freiwilligendienst jungen Menschen?

Hans-Georg Wicke: Sämtliche Untersuchungen zeigen, welch tiefgreifenden Spuren der Europäische Freiwilligendienst hinterlässt. Fast alle Freiwilligen fühlen sich durch den EFD selbstsicherer, selbständiger, selbstbewusster. Sie sehen sich für ihren weiteren Bildungsweg und ihre beruflichen Laufbahn besser gerüstet. Sie haben gelernt, besser mit Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund auszukommen. Für sie ist das Thema Toleranz und Solidarität wichtiger geworden, sie wollen sich gegen Diskriminierung, Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus einzusetzen.

JfE: Und was bringt der Europäische Freiwilligendienst für Europa und die EU?

Der EFD ist auch Ausdruck eines gelebten europäischen Engagements. 90% der Freiwilligen können sich nach dem EFD vorstellen, im Ausland zu studieren, zu arbeiten oder zu leben. Über die Hälfte fühlt sich mehr als Europäer und Europäerin und wollen sich auch weiterhin für Europa engagieren. Insofern ist es an der Zeit, dass der EFD als das anerkannt wird, was er ist: Der Freiwilligendienst für Europa und in Europa. Und er verdient es, dass er in den Mittelpunkt einer Debatte über die Zukunft Europas gerückt wird.

JfE: Welche Rolle kann denn der Europäische Freiwilligendienst für die Zukunft Europas spielen?

Zunächst einmal hat der EFD die Idee von Freiwilligendiensten erstmals für ganz Europa realisiert, und zwar in 33 Ländern. Mit dem EFD wurden erstmals gemeinsame Standards, Verfahren und Strukturen für Freiwilligendienste entwickelt. Das war angesichts der völlig unterschiedlichen Kulturen freiwilligen Engagements in Europa nicht unbedingt zu erwarten.

Der EFD ist zum Vorbild geworden und hat die Gestaltung von nationalen und internationalen Freiwilligendiensten in Europa wesentlich befördert. Auch in Deutschland hat der EFD die traditionelle Perspektive 'Wir entsenden deutsche Freiwillige ins Ausland' verändert und um die Aufnahme von Freiwilligen in Deutschland bereichert.

Und dann hat der EFD ganz allgemein eine wichtige Funktion. Europa braucht das Engagement junger Menschen, wenn es um die Bewahrung eines offenen und solidarischen Europas, um die Erneuerung der europäischen Idee geht. Und dann kommt man sehr schnell auf den Europäischen Freiwilligendienst.

Wir stellen nun über viele Jahre fest, dass der Dienst das Interesse an Europa und Europapolitik und eine aktive europäische Bürgerschaft fördert. Wir sollten allerdings den EFD im Hinblick auf seine europäische Dimension noch stärker profilieren, als einen Freiwilligendienst für Europa und in Europa.

Bei 'Weltwärts' z.B. ist völlig klar, dass dies ein entwicklungspolitischer Freiwilligendienst ist. Wenn man das FSJ nimmt, ist völlig klar, dass es ein freiwilliges Soziales Jahr ist. Wir haben den EFD vielleicht bisher zu wenig als Freiwilligendienst für Europa wahrgenommen und gestaltet.

JfE: Was hieße das konkret?

Von den 10.000 jungen Menschen, die jährlich einen Europäischen Freiwilligendienst leisten, bleiben schon jetzt viele nach ihrem Dienst Botschafter der europäischen Idee. Das können wir gezielter fördern. Man müsste in den Vorbereitungsseminaren, während des Dienstes und im Nachgang das Thema Europa stärker berücksichtigen, entsprechende Reflexionsebenen einziehen. Das hätte möglicherweise Folgen für die Gestaltung, vielleicht auch für die Auswahl der Projekte. Man könnte auch innerhalb dieser europäischeren Ausrichtung noch mehr die solidarische Komponente herausarbeiten. Das ist uns teilweise schon ganz gut gelungen.

JfE: Sagen Sie das auch im Hinblick auf die aktuelle Idee eines Europäischen Solidaritätskorps?

Ich finde es gut, dass das Thema Freiwilligendienste bzw. Solidarität durch Freiwilligendienste auf die politische Agenda gekommen ist. Die Schwierigkeit dabei ist aber, dass mit dem Begriff 'Solidaritätskorps' etwas Neues assoziiert wird, ein neues Label kreiert wird.

Wir haben mit dem Europäischen Freiwilligendienst schon einen Solidaritätsdienst. Der EFD hat in vielerlei Hinsicht mit Solidarität in Europa zu tun, Solidarität mit denen, denen es nicht so gut geht, mit Regionen, die in Schwierigkeiten sind, mit benachteiligten Menschen, mit Ausgegrenzten in schwierigen Lebenssituationen. Auch in Katastrophenfällen gibt es bereits jetzt EFD-Einsätze, ebenso Einsätze zugunsten geflüchteter Menschen. Nichts davon ist im EFD ausgeschlossen.

Das, was Europa braucht, ist die Erweiterung des Europäischen Freiwilligendienstes zu einem solidarischen Freiwilligendienst für alle jungen Menschen, in Europa und für Europa.

JfE: Was müsste sich dafür verändern?

Anstatt ein neues Solidaritätskorps einzurichten sollte man den EFD gezielt ausbauen, damit er für Krisensituationen, für soziales Engagement, für solidarischen Einsatz noch praktischer und einsatzfähiger ist als bisher. Dazu braucht es nicht mehr viel. Denn wir haben sämtliche Standards, die für den Freiwilligendienst in Europa notwendig sind. Wir haben die Verfahren, wir haben Strukturen - sei es auf der Trägerebene oder anderer koordinierender Einrichtungen. Wir haben die Finanzierungsmechanismen.

Der EFD und das Gesamtprogramm Erasmus+ haben in der gegenwärtigen Situation mit geflüchteten Menschen gezeigt, dass sie in der Lage sind, sich innerhalb relativ kurzer Zeit sich auf aktuelle Anforderungen einzustellen und eine Reihe von Projekten auf den Weg zu bringen. Das Potenzial ist sicherlich noch nicht ausgeschöpft, da geht noch mehr.

Ich hätte mir daher gewünscht, dass Juncker sagt, wir weiten den EFD aus, weil er ein besonderer Beitrag zur europäischen Zukunft und zur Solidarität in Europa ist.

JfE: Weiß man schon, wie der Solidaritätskorps aussehen wird und wie er finanziert wird?

Die Entscheidungsfindung ist noch sehr offen. Im mehrjährigen Finanzrahmen ist zusätzliches Geld für Erasmus+ und auch für den EFD eingestellt. Aber ob das jetzt vielleicht für den Solidaritätskorps gedacht ist, gilt es noch herauszufinden. Vor allen Dingen wird es notwendig sein, mit den nationalen Behörden, den politisch Verantwortlichen, den Trägern und Nationalagenturen eine Diskussion darüber zu führen, wie das denn praktisch umzusetzen wäre.

Ich hoffe, dass der EFD gestärkt wird, dass das Dach für alle Aktivitäten Erasmus+ bleibt und nicht plötzlich ein neuer Freiwilligendienst erfunden wird.

Quelle: JUGEND für Europa, Foto: Bettina Ausserhofer, Berlin

INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell CC BY-NC 3.0

EU-Jugendstrategie: Informationen zur Umsetzung

  • EU-Jugendstrategie 2019 - 2027
    Europaflagge vor blauen Himmel
    © moonrun - fotolia.com

    Mit der EU-Jugendstrategie legen die Mitgliedsstaaten der EU die Eckpunkte ihrer jugendpolitischen Zusammenarbeit bis zum Jahr 2027 fest. Der Rat hat die EU-Jugendstrategie am 26. November 2018 unter dem Titel „Entschließung des Rates der Europäischen Union und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedsstaaten über einen Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa: Die Jugendstrategie der Europäischen Union 2019-2027“ beschlossen.

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  • Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland
    Wehende Deutschlandfahne vor blauem Himmel
    mwillms - flickr.com

    Gemäß der föderalen Struktur der Bundesrepublik Deutschland sind sowohl der Bund als auch die Länder für die Umsetzung der EU-Jugendstrategie zuständig. Hierfür ergreifen Bund und Länder in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen Maßnahmen unter Einbezug der Akteure der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes sowie junger Menschen selbst.

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  • EU-Jugenddialog
    Logo des EU-Jugenddialogs
    © DBJR

    Junge Menschen haben das Recht, bei Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, gefragt und einbezogen zu werden. Das gilt auch für die europäische Ebene. Die Beteiligung Jugendlicher an der Umsetzung der EU-Jugendstrategie geschah bis Ende 2018 im Rahmen des sogenannten Strukturierten Dialogs mit der Jugend. Seit 2019 heißt der Strukturierte Dialog nun EU-Jugenddialog.

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  • Youth Goals – Europäische Jugendziele
    Gelbes Logo der Youth Goals mit schwarzer Schrift
    Mireille van Bremen

    Die Youth Goals sind in die EU-Jugendstrategie 2019-2027 eingeflossen und damit in den Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa. Verantwortliche aus Politik und Verwaltung auf allen Ebenen sollen die Ziele als Anregung nutzen, um Politik im Sinne junger Menschen zu gestalten.

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  • Mehr Europa in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe
    fünf Hände formen einen Stern
    © tbel - Fotolia.com

    Eine der vorrangigen Zielsetzungen der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland ist es, mehr Europa in die Kinder- und Jugendhilfe zu bringen. Mehr Europa bedeutet, die alltägliche Arbeit in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe europäisch zu denken, zu verstehen und auszugestalten. In der Praxis gibt es bereits vielfältige europäische und internationale Projekte sowie transnationale Arbeitsansätze. Die Erfahrungen zeigen, dass dies eine Bereicherung für die Jugendhilfe darstellt. Der fachliche Mehrwert einer stärkeren europäischen Ausrichtung soll daher kommuniziert und beispielhaft vermittelt werden.

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