EU-Jugendstrategie / Jugendsozialarbeit

Grenzüberschreitende Angebote haben für benachteiligte junge Menschen erhebliche Lerneffekte – Broschüre zum Thema erschienen

Fünf Menschen legen ihre Hände übereinander
Bild: © rawpixel.com

Hans Brandtner, Projektkoordinator bei der Servicestelle zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland, hat zusammen mit seiner Kollegin Ulrike Wisser die Broschüre "Grenzüberschreitungen – Europäische Mobilitätsangebote für sozial benachteiligte junge Menschen" erstellt. JUGEND für Europa fragte nach den Hintergründen.

JfE: Herr Brandtner, Sie haben zusammen mit Ulrike Wisser aktuelle Initiativen zur Förderung grenzüberschreitender Mobilität von sozial benachteiligten jungen Menschen bewertet. Was war der Anlass?

Brandtner: Wir entwickeln Orientierungshilfen für die Bund-Länder Arbeitsgruppe zur Umsetzung der Europäischen Jugendstrategie. Die Bund-Länder Arbeitsgruppe hat es sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die grenzüberschreitenden Angebote für sozial benachteiligte Jugendliche im Übergangsfeld Schule/Beruf stärker als bisher zu unterstützen. Die Expertise „Grenzüberschreitungen - Europäische Mobilitätsangebote für sozial benachteiligte junge Menschen“ soll das vorhandene Wissen zum Thema systematisch aufbereiten. Sie soll eine Hilfe für die weiteren Überlegungen der Bund-Länder AG zur Verbesserung von grenzüberschreitenden Angeboten im Übergangsfeld sein. Wir haben dafür Evaluationen, Dokumentationen und Berichte aus Programmen wie JUGEND in Aktion, dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, Leonardo da Vinci und aus dem Bereich der Beschäftigungspolitik, zum Beispiel das Programm IDA - Integration durch Austausch, sowie Ergebnisse von Experten-Workshops im Rahmen der Jugendsozialarbeit ausgewertet.

JfE: Was sind die zentralen Ergebnisse Ihrer Untersuchung?

Brandtner: Das wichtigste Ergebnis ist, dass grenzüberschreitende Angebote im Übergangsfeld für benachteiligte junge Menschen ganz erhebliche Lerneffekte haben. Sie tragen deutlich zur sozialen Integration und zur persönlichen Entwicklung bei. Beide Lernergebnisse stehen selbst in der Evaluation des IDA-Programms im Fokus. Diese Effekte können sicherlich auch zur Beschäftigungsfähigkeit beitragen, die steht aber erst einmal nicht im Vordergrund bei den grenzüberschreitenden Lernprozessen. Eine zweite Erkenntnis ist, dass es im Feld umfangreiche Erfahrungen mit der Ausgestaltung grenzüberschreitender Angebote im Übergangsfeld gibt. Es gibt also in konzeptioneller Hinsicht eigentlich kein Erkenntnisdefizit. Hindernisse gibt es in Bezug auf eine breite Nutzung dieser Erkenntnisse für die Praxis im Übergangsfeld.

JfE: Warum gibt es Defizite bei der Umsetzung entsprechender Maßnahmen?

Brandtner: Es treffen die sehr unterschiedliche Handlungslogiken der beteiligten Arbeitsfelder und verschiedene Rechtskreise aufeinander. Wenn man im Bereich der Arbeitsmarktpolitik grenzüberschreitende Angebote macht, ist es schwierig, das mit Angeboten der Jugendhilfe zu verknüpfen und andersherum. Die sehr unterschiedlichen Zielsetzungen – einerseits Integration in den Arbeitsmarkt, andererseits Persönlichkeitsentwicklung – sind offenbar schwer zu vereinbaren. Außerdem schränken rechtliche Vorgaben oft den Kreis der Teilnehmenden ein, zum Beispiel wenn Programme nur auf SGB-II-Empfänger zielen.

JfE: Wie gehen Träger damit um?

Brandtner: Internationale Angebote sind meist nicht im Selbstverständnis der Träger und in ihren Handlungskonzepten verankert und resultieren sehr oft aus einem zusätzlichen Engagement von Mitarbeitern. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Träger im Übergangsfeld in einem sehr engen finanziellen Rahmen agieren. Sie müssen sich an Ausschreibungen beteiligen, sind häufig unterfinanziert und haben dann nur befristet eingestellte Mitarbeiter. Für europäische Maßnahmen, die langfristige Konzeptionen und Netzwerkarbeit benötigen, ist das fatal. Als weiterer Punkt sind die Fachkräfte zu nennen. Die sind häufig nicht dafür qualifiziert, internationale Maßnahmen durchzuführen. Und es ist ein großer Aufwand, sich in das internationale Arbeitsfeld einzuarbeiten. Ein weiterer gravierender Punkt ist die Sprache. Die meisten Kolleginnen und Kollegen glauben, dass ihnen die erforderlichen Sprachkenntnisse fehlen. Und was vielleicht am wichtigsten ist: In der Regel haben sie selbst noch an keinen internationalen Maßnahmen teilgenommen und keine eigenen Erfahrungen mit grenzüberschreitenden Lernprozessen gemacht.

JfE: Wie können diese Hindernisse überwunden werden?

Brandtner: Träger der Jugendsozialarbeit müssten darin unterstützt werden, sich gezielt ein europäisches oder internationales Profil zu erarbeiten – vor allem, weil internationale Maßnahmen eben eine großartige Wirkung für die Jugendlichen und damit auf die Qualität der Jugendsozialarbeit haben. Ein internationales Profil würde sich in allen Projekten, in der Mitarbeiterauswahl und in der Kommunikation des Trägers widerspiegeln. Förderrichtlinien müssten für europäische Angebote geöffnet und im Detail angepasst werden. Es gibt zu viele Förderbestimmungen, die von Maßnahmen mit benachteiligten Jugendlichen im Übergangssystem überhaupt nicht realisiert werden können. Sehr wichtig ist auch die Stärkung des allgemeinen jugendpolitischen Bewusstseins zum Thema grenzüberschreitende Angebote als zentrale, querschnittliche Aufgabe von Jugendhilfeangeboten.

JfE: Was motiviert Träger der Jugendsozialarbeit, die sich international orientieren?

Brandtner: Zuallerst motiviert die fachliche Einsicht, dass grenzüberschreitende Maßnahmen für ihre Zielgruppe von besonderer Bedeutung sind und dass sie damit die eigene Arbeit qualifizieren und auch für neue und motivierte Mitarbeiter attraktiver werden können. Und natürlich gibt es Träger mit internationaler Tradition, Verbände wie das Deutsche Rote Kreuz, der Internationale Bund oder das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands verfügen über viele internationale Beziehungen. Auf kommunaler Ebene tragen auch oft kleinere Jugendhilfeträger durch internationale Maßnahmen zu den Städtepartnerschaften ihrer Kommunen bei.

JfE: Wie nutzt die Bund-Länder Arbeitsgruppe Ihre Ergebnisse?

Brandtner: Im Rahmen der Bund-Länder Zusammenarbeit haben wir verschiedene konkrete Anknüpfungspunkte identifiziert, die dazu dienen, dass Hindernisse bei der Durchführung von grenzüberschreitenden Angeboten abgebaut werden. Momentan entwickeln wir Orientierungshilfen zum Thema Information und Beratung für grenzüberschreitende Mobilität im Übergang. Wir verfolgen auch das Thema rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit auf der kommunalen Ebene im Rahmen von sogenannten Werkstattgesprächen. Wir werden uns des Weiteren um das Thema Fachkräfte kümmern. Wir erarbeiten Orientierungshilfen und sammeln praktische Beispiele, die dann der Bund-Länder Arbeitsgruppe und der Fachöffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. All das ist als Anregung für Handlungsoptionen von Bund und Ländern gedacht.

Download der Broschüre

"Grenzüberschreitungen – Europäische Mobilitätsangebote für sozial benachteiligte junge Menschen" (PDF, 2,2 MB). Zusammenfassung und fachliche Bewertung der Ergebnisse aktueller Initiativen zur Förderung der grenzüberschreitenden Mobilität von sozial benachteiligten jungen Menschen unter besonderer Berücksichtigung der kommunalen Ebene (92 Seiten)

Quelle: JUGEND für Europa



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