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Medienkompetenz / Kinder- und Jugendarbeit

Unter dem Alu-Hut denkt es sich freier

Teilnehmerinnen mit "abhörsicherem Alu-Hut"
Bild: Christian Herrmann   Lizenz: BY-NC-ND Teilnehmerinnen mit "abhörsicherem Alu-Hut"

Im "Jahr 1 nach Snowden" stehen Medienpädagogik und Online-Partizipation von Jugendlichen vor neuen Herausforderungen. Das wurde während des 15. Gautinger Internetreffens deutlich, das am 25. und 26. März mit über Hundert Teilnehmer/-innen in der Nähe von München stattfand und bei dem das IJAB-Projekt Youthpart Mitveranstalter war. Welche online-gestützten Medienprojekte kann man überhaupt noch angesichts des massiven Sammelns und Verarbeitens privater Daten durch Geheimdienste guten Gewissens durchführen? Und: Wollen wir uns und die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, individuell schützen oder wollen wir doch lieber die Welt gestalten?

Es ist das Jahr der Jubiläen: Seit 25 Jahren gibt es das World Wide Web, seit 20 Jahren vernetzt die AG Interaktiv Medienbildung und Medienpädagogik im Raum München, zum fünfzehnten Mal findet das Gautinger Internettreffen statt. Aber es ist auch das Jahr 1 nach Snowden. Seine Enthüllungen, die einen Einblick in das flächendeckende Sammeln privater Daten durch Geheimdienste gaben, verderben den meisten der mehr als Hundert Teilnehmer/-innen des 15. Gautinger Internettreffens die Feierlaune. Als „Ende eines naiven Optimismus“ und als „Zäsur“ beschreibt Albert Fußmann vom Institut für Jugendarbeit Gauting die Stimmung nach Snowdens Enthüllungen. Das Internet als Raum für Bildung, Identität und Politik steht infrage, wenn die Identität der Nutzer/-innen gläsern geworden ist.

Michael Seemann – auch bekannt als @mspro – schließt mit seinem Impulsreferat nahtlos an diese düstere Stimmung an. 700 Gigabyte Speicherplatz seien im neuen Datenspeicher der NSA, der gerade im US-amerikanischen Bundesstaat Utah errichtet wird, für jeden Menschen vorgesehen. Die Wanze, mit deren Hilfe die Daten gesammelt werden, trage jeder mit sich, sagt Seemann und meint das Handy. Die Software der Geheimdienste sei inzwischen in der Lage, die ungeheuren Datenmengen zu verarbeiten und Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen und auszuwerten. Der Albtraum jeden Datenschützers. An Datenschutz, Urheberrecht, Privatsphäre oder gar Staatsgeheimnisse glaubt Seemann nicht mehr. Auch nicht an politische Instanzen und staatliche Institutionen, die den Kontrollverlust rückgängig machen könnten. Die Zivilgesellschaft müsse sich jenseits der Institutionen neu organisieren.

Ritt auf auf einem verkehrt herum gesattelten Esel

Jürgen Ertelt, Koordinator des IJAB-Projektes Youthpart, teilt viele von Seemanns Beobachtungen, hält aber seine Schlussfolgerungen für fatalistisch. Ertelt hilft seinem Publikum durch die niedergeschlagene Stimmung: Er teilt Alufolie aus, jeder möge sich doch bitte einen Hut basteln und ihn aufsetzen. „Der ist hundertprozentig abhörsicher“, sagt Ertelt, „vorausgesetzt man beachtet die Bastelanleitung und verzwirbelt die Enden sachgerecht“. Ertelt fragt nach Handlungsoptionen gegen die Sammelwut der Geheimdienste und der damit verbundenen massiven Verletzung der Privatsphäre. Datensparsamkeit und Verschlüsselung sind Stichworte, die aus dem Publikum zu hören sind. Ertelt wundert sich über diese Lösungsvorschläge, er hält sie für individualistisch. „Warum fordert niemand politischen Protest?“ fragt er in die Runde. Das ist sicher auch aus der Perspektive seines Projekts Youthpart gedacht, das Jugendlichen Wege zur Online-Partizipation eröffnen möchte.

Ertelt verharrt jedoch nicht in Platitüden. Die Erkenntnisse aus Snowdens Enthüllungen seien zwar ein Rückschlag für die Medienpädagogik, sie gleiche gegenwärtig dem „Ritt auf auf einem verkehrt herum gesattelten Esel“, aber es gäbe durchaus Perspektiven. So müsse die Beziehung von Medienpädagogik zu politischer Bildung neu überdacht werden oder Beziehungen zu Programmierer/-innen neu gestaltet werden, um Gewissheit über die Integrität des Codes medienpädagogischer Projekte sicherzustellen. Schließlich sei auch über Alternativen zu bestehenden Social Networks nachzudenken oder über die öffentliche Kontrolle der Netze.

Tatsächlich denkt es sich unter dem Alu-Hut freier und auch selbstbewusster. „Gesellschaften, in denen der Staat alle Daten besitzt, sterben“ sagt Hans-Jürgen Palme, ein Urgestein der medienpädagogischen Szene in der anschließenden Diskussion und meint damit die DDR. Und Kerstin Heinemann vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis findet „Medienpädagogik hat immer einen gesellschaftspolitischen Auftrag und der heißt, ich gestalte die Welt“.

Das Internet im Jahr nach Snowden begegnet den Teilnehmer(inne)n im Beitrag des Journalisten und Bloggers Richard Gutjahr am Ende der Tagung erneut. Gutjahrs Beitrag ist kurzweilig und hat hohen Unterhaltungswert – als Commedy könnte er mühelos Hallen mit seinen Ausführungen füllen. Er knüpft an Angela Merkels berühmtes Zitat an, wonach „das Internet für viele von uns noch Neuland ist“. Für Gutjahr ist das Internet natürlich keineswegs Neuland und es gelingt ihm den neuen Kontinent mit vielen kleinen Beispielen und Anekdoten als etwas zu beschreiben, das die Gesellschaft tiefgreifend und unumkehrbar verändert. Allerdings hat Gutjahr seine Zuhörer/-innen wohl unterschätzt, denn auch für sie ist das Internet keineswegs Neuland, im Gegenteil, es ist etwas, das sie seit Jahren in der pädagogischen Praxis nutzen und gestalten.

Ort des Wissenstransfers

Dennoch ist Gutjahrs Feststellung, dass der Prozess der Veränderung der Gesellschaft durch das Internet unumkehrbar ist, ein guter Ansatzpunkt, um das 15. Gautinger Internettreffen jenseits der zentralen Gastbeiträge zu charakterisieren. Die Veranstaltung ist gespickt mit Good-Practice-Beispielen, Projekte, in denen die Welt gestaltet wird, um es mit Kerstin Heinemann zu sagen. Da ist das Projekt „Jugend hackt“ von Maria Schröder von der Open Knowledge Foundation Deutschland, in dem junge Programmier/-innen gefördert werden, ein freies WLAN in Bürgerhand, das von Christian Steinherr vom Freifunk Augsburg präsentiert wurde oder „Deine Zeit, meine Zeit“, ein intergenerationelles Videoprojekt der Pädagoginnen Vera Lohmöller und Sophie Stroedel.

Nicht zuletzt ist das Gautinger Internettreffen ein Ort, an dem wissenschaftliche Erkenntnisse an die pädagogische Praxis weitergegeben werden. Neues gab es aus dem Deutschen Jugendinstitut zu berichten, das sich mit dem Suchverhalten von Kindern im Internet beschäftigt hat und dabei unter anderem die Kindersuchmaschinen Blinde Kuh und Frag Finn unter die Lupe genommen hat. Prof. Dr. Ulrich Deinet von der Fachhochschule referierte über die Weiterentwicklung des Aneignungskonzepts hin zur Activity Theory und plädierte für einen Bildungsbegriff, der nicht beständig durch Leistung gekennzeichnet ist.

Deinets „Aneignung der Welt“ und Heinemanns „Gestaltung der Welt“, sie sind im Jahr 1 nach Snowden schwieriger geworden, aber sie bleiben als Auftrag für Medienpädagogik und die Online-Partizipation von Jugendlichen bestehen.

Weitere Informationen: http://sin-net.de/index.php?id=358

Das 15. Gautinger Internettreffen bei Twitter: https://twitter.com/hashtag/git14

Quelle: IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland



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