Internationale Impulse

„Jungen Menschen auch künftig attraktive Angebote ermöglichen“

Lachende Jugendliche verschiedener Hautfarbe sitzen zusammen auf einer Wiese
Bild: rawpixel.com   Lizenz: CC0 / Public Domain eigene Arbeiten

Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie findet der 17. Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag unter besonderen Bedingungen statt – digital und mit Blick auf die aktuellen Belange junger Menschen. IJAB und die Fach- und Förderstellen der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit werden mit einem gemeinsamen Messestand präsent sein und zahlreiche Fachveranstaltungen anbieten. Die Redaktion von ijab.de hat IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber gefragt, welche Impulse und politischen Botschaften sie für die Internationale Jugendarbeit erwartet.

ijab.de: Beim 17. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag wird auch IJAB wieder mit einem Messestand präsent sein. Wer sollte den Messestand besuchen?

Marie-Luise Dreber: Die Chancen des Kinder- und Jugendhilfetags liegen vor allem in dem breiten Spektrum der Besucher/-innen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern und Berufsgruppen, die wir mit unseren Angeboten ansprechen wollen. Dies betrifft neben den Gästen aus Deutschland auch die internationalen Teilnehmenden. Im Handlungsfeld der Jugendarbeit sind internationaler Austausch und Begegnung ja schon relativ gut verankert, aber wir wünschen uns, dass sich auch andere Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe für Europäisches und Internationales öffnen und von den Chancen, die daraus für die eigene Arbeit entstehen, profitieren können. Der Kinder- und Jugendhilfetag ist eine gute Gelegenheit, darüber ins Gespräch zu kommen.
Die internationalen Gäste sind dabei potenzielle Partner, mit denen wir uns austauschen und mit denen wir gemeinsam Neues lernen können. Wie wichtig gute Praxis aus der ganzen Welt ist, hat die Corona-Pandemie erneut bewiesen. Gerade was digitale Formate von Jugendarbeit betrifft, war der internationale Austausch in den letzten Monaten sehr inspirierend. Das hat mit dazu geführt, dass wir in diesem Bereich heute viel besser aufgestellt sind, als noch vor einem Jahr.

Nonformale Bildungsangebote stehen nicht im Fokus von Politik und Medien

ijab.de: Bleiben wir einen Moment beim Digitalen. Der Kinder- und Jugendhilfetag findet in diesem Jahr ausschließlich digital statt. Welche Hoffnungen verbinden Sie damit und wo sehen sie Nachteile?

Marie-Luise Dreber: Der Kinder- und Jugendhilfetag ist immer ein Ort des Zusammentreffens und des Austauschs gewesen. Damit meine ich nicht nur die zahlreichen Fachveranstaltungen, sondern auch den informellen Austausch. So, wie wir ihn in der Vergangenheit kannten, wird das in diesem Jahr nicht möglich sein. Besucher/-innen werden sich beim digitalen Kinder- und Jugendhilfetag viel gezielter aussuchen müssen, welchen Messestand und welche Fachveranstaltung sie besuchen wollen. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen das digitale Format auf die Besuchszahlen hat. Möglicherweise gewinnen wir durch das digitale Format sogar mehr Teilnehmende als zuvor. In jedem Fall ist das digitale Format ein spannender Prozess. Er wird hoffentlich auch Anregungen geben, wie das Verhältnis von Digital und Analog künftig weiter ausgestaltet werden kann, um jungen Menschen auch künftig attraktive und zielgruppengerechte Angebote zu ermöglichen.

ijab.de: Der Kinder- und Jugendhilfetag hat auch immer eine politische Rahmung. Er gibt vor allem bei Eröffnung und Abschluss Politik auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene Gelegenheit, sich öffentlich sehr grundsätzlich zu jugendpolitischen Themen zu positionieren. Gibt es in diesem Jahr Botschaften, die sie erwarten?

Marie-Luise Dreber: Natürlich! Die jüngsten wissenschaftlichen Studien haben gezeigt, wie sehr die Corona-Pandemie das Leben von Kindern und Jugendlichen in den letzten 14 Monaten beeinträchtigt hat. Ihr ganzer Lebensradius ist eingeschränkt: der Kontakt zu Freund/-innen, das Wahrnehmen von Freizeitangeboten und Bewegung genauso wie die Möglichkeiten am Unterricht teilzunehmen. Das alles hat Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit. Schule, Kindertagesbetreuung und Jugendarbeit sind – je nach Infektionsgeschehen – teilweise oder in manchen Fällen sogar ganz zum Stillstand gekommen. Der Fokus der öffentlichen Wahrnehmung und auch der Politik lag dabei meistens auf den formalen und weniger auf den nonformalen Bildungsangeboten. Da erwarte ich deutliche Signale der Politik.
Ein erster Lichtblick ist das „Corona-Aufholprogramm“ der Bundesregierung, mit dem u. a. zusätzliche Mittel für die Kinder- und Jugendhilfe und auch für die Internationale Jugendarbeit bereitgestellt werden. Die Bundesjugendministerin hat sich hier klar positioniert.

Die Digitalisierung könnte ein gemeinsamer Aufbruch werden

ijab.de: Das bezieht sich jetzt hauptsächlich auf die nationale Jugendpolitik. Erwarten sie auch internationale Impulse?

Marie-Luise Dreber: Wie gesagt, das „Corona-Aufholprogramm“ bezieht die Internationale Jugendarbeit ausdrücklich mit ein. Das wird uns hoffentlich die Möglichkeit geben, vieles wieder anzuschieben, was in den letzten 14 Monaten verlorengegangen ist. Wann physischer Austausch in der bekannten Form wieder möglich sein wird, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Selbst wenn in Europa die Infektionszahlen sinken, wird der Austausch aufgrund der jeweils geltenden Bestimmungen für Einreise und Aufenthalt in den einzelnen Ländern schwierig bleiben. Sicher ist, dass die Erfahrungen der Pandemie in die künftige Ausgestaltung von Austausch und Begegnung eingehen werden. Das hat auch mit Nachhaltigkeit zu tun und wie wir mit knapper werdenden Ressourcen künftig umgehen wollen. Mehr digitale und hybride Formate sind nicht nur eine Perspektive für die Internationale Jugendarbeit, sie bieten der gesamten Kinder- und Jugendhilfe Chancen. Das könnte ein gemeinsamer Aufbruch werden.

Was mich für die Zukunft optimistisch stimmt, ist der enge Austausch, den wir mit vielen internationalen Partnern während der Coronakrise haben. Wir haben dabei feststellen können, dass ihre Erfahrungen ähnlich sind. Das betrifft sowohl den Umgang der Politik mit der Situation – also beispielsweise die Priorisierung von formaler gegenüber nonformaler Bildung – als auch das Experimentieren mit digitalen und hybriden Formaten in der Jugendarbeit. Das hat uns näher zusammengebracht und bietet gute Voraussetzungen für künftige Kooperationen.

Zum Schluss möchte ich noch die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Gruppe junger Menschen richten – diejenigen, die sich im Übergang zwischen Schule und Beruf befinden. Die Suche nach einer Ausbildungsstelle oder der Einstieg ins Studium ist für sie schwieriger, als in den vergangenen Jahren. Auch können sie die Zeit zwischen Schule und Beruf aufgrund der Corona-Beschränkungen weniger als Orientierungsphase nutzen, in der sie außerhalb ihres gewohnten Umfeldes Erfahrungen sammeln. Eine häufige Form der Orientierung war es, an die Schulzeit einen (internationalen) Freiwilligendienst, ein Praktikum oder eine Zeit im Ausland anzuhängen. Das ist heute nicht ohne weiteres möglich und die Folge ist oft, dass jungen Menschen Entscheidungen schwerer fallen, sie zuhause bleiben und auf die Rückkehr der Normalität warten. Ihre Situation muss von der Politik viel stärker in den Blick genommen werden. Ebenso braucht es eine Senkung des Wahlalters, um jungen Menschen eine größere politische Teilhabe zu ermöglichen.

Messestand und Fachveranstaltungen von IJAB und seinen Partnern

Quelle: Christian Herrmann für IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. vom 18.05.2021

Dieser Artikel wurde von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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