17. DJHT

Jugendarbeit im Spiegel rassistischer, populistischer und rechtsextremer Entwicklungen

Ein Mensch streckt den Arm aus und hält seine Hand vor sein Gesicht
Bild: Nadine Shaabana - Unsplash (CC0)   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Jugend(verbands)arbeit muss sich mit menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Einstellungen auseinandersetzen. Die Teilnehmenden am Fachforum des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt haben im Rahmen des 17. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages Möglichkeiten diskutiert, wie emanzipatorische und an Menschenrechten orientierte Jugend(verbands)arbeit reagieren kann.

Zu Beginn dieses Fachforums wurde durch eine Publikumsumfrage deutlich, wie relevant die Auseinandersetzung mit rassistischen Vorfällen im pädaogischen Bereich ist: die deutliche Mehrzahl der Teilnehmenden erfuhr selbst schon einmal rassitische Diskriminierung oder erlebte diese in unmittelbarer Nähe mit.

Input der Amadeo Antonio Stiftung

In ihrem Input skizzierte Judith Rahner von der Amadeu Antonio Stiftung die genannten Herausforderungen im Feld der Jugend(verbands)arbeit und legte Schlaglichter auf Auswirkungen anhand von Beispielen aus der Beratungspraxis. Dazu sei es zunächst nötig zu schauen, in welche gesellschaftlichen Verhältnisse Kinder- und Jugendverbandsarbeit eingebettet ist.

Gesellschaftliche Verhältnisse

In der deutschen Gesellschaft findet zunehmend ein Rechtsruck und ein Erstarken autoritärer, antiliberaler und vielfaltsfeindlicher Dynamiken in der Gesellschaft statt. Dabei nimmt ein Misstrauen gegenüber den demokratischen Institutionen zu. Durch extreme Rechte und Rechtsextremismus erhöht sich die Gefährdungslage innerhalb der Gesellschaft. Dabei wird in rechten Szenen oft die Gleichwertigkeit von Menschen infragegestellt. Dies begünstige, so Rahner, eine Ablehnung der modernen Gesellschaft und der gleichberechtigten Teilhabe von Minderheiten. Dabei findet eine Diffamierung der Emanzipation gesellschaftlicher Gruppen unter der Bezeichnung „Political Correctness“ statt, welche ursprünglich aus der amerikanischen rechten Szene in den deutschen Mainstream getragen wurde.

Sechs Punkte zu Rechtsextremismus und Ungleichwertigkeitsideologien im Handlungsfeld der Kinder- und Jugend(verbands)arbeit

Laut Judith Rahner entstehen aus diesen gesellschaftlichen Verhältnissen einige Herausforderungen, die auch die Kinder- und Jugend(verbands)arbeit beeinflussen:

  1. Menschenrechte und Demokratie, vor allem das Recht auf Asyl, der Verfassungsauftrag Gleichstellung oder Kinderrechte (Recht auf ein Aufwachsen ohne Diskriminierung), werden zunehmend infragegestellt, unterminiert oder gar bekämpft.
  2. Ein hohes Mobilisierungspotenzial bei Themen wie Asyl, Vielfalt, Islam oder Gender führt dazu, dass Engagement oder Angebote der Sozialen Arbeit zurückgedrängt werden, weil Angriffe extrem rechter Akteure befürchtet werden oder diese bereits stattfinden.
  3. Abgeordnete der radikalen Rechten nehmen Einfluss auf konkrete politische Gestaltungsprozesse in der Kommunal- und Landespolitik und versuchen antirassistische, gendergerechte und menschenrechtsorientierte Maßnahmen, Gesetze und Maßnahmen rückgängig zu machen.
  4. Handlungsfelder der Sozialen Arbeit – vor allem die Kinder- und Jugendhilfe – stehen nach rechtsextremen und rassistischen Vorfällen stark im Fokus und sind aufgefordert, Gegenstrategien zu entwickeln.
  5. Die Auseinandersetzung mit Ablehnungshaltungen ist in der Sozialen Arbeit aber nicht erst bei rechtsextremen Vorfällen oder Haltungen geboten. Ansätze der Diversity-, Menschenrechts- und Demokratiepädagogik und antisemitismus- und rassismuskritischen Bildungsarbeit sind niedrigschwellig umsetzbar.
  6. Soziale Arbeit muss auch einen Umgang mit rechtsextremen Sozialarbeiter(inne)n finden, die zwar kein Massenphänomen sind, aber dort, wo sie als Professionelle im Arbeitsfeld auftreten, immensen Schaden verursachen können.

Podiumsdiskussion

Zur Podiumsdiskussion waren zusätzlich zu Judith Rahner drei Gäste geladen, welche die Diskussion mit folgenden Thesen einleiteten:

Tom Bruchholz, Landesjugendwerk der AWO Sachsen-Anhalt e. V.: „Jugendverbände und Angebote der Jugendarbeit sind Werkstätten der Demokratie und leisten mit ihrer Arbeit täglich einen unverzichtbaren Beitrag für ein gelingendes und respektvolles Zusammenleben in unserer Zivilgesellschaft. Sie sind damit ein wesentlicher Bestandteil in der Prävention gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.“

Laura Streitbürger, Referentin Kinder- und Jugendhilfe der AWO Württemberg: „Wer als Fachkraft mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, braucht Haltung. Dann schafft man es durchaus, auch kritische Themen mit Teenies anzugehen und sie in Auseinandersetzungsprozessen zu begleiten. Aber Haltung fällt nicht vom Himmel, sondern braucht sowohl Vorbilder als auch Zeit, um sich zu entwickeln. Hier kann die Jugendarbeit im Rahmen von Präventionsketten eine wichtige Rolle spielen!“

Jan Gutmann, stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundesjugendwerks der AWO: „Wertebasierte, antirassistische Kinder- und Jugendarbeit ist eine mit dem Rechtsstaat vereinbare Präventionsmaßnahme gegen das Problem des Rechtsterrorismus in Deutschland und damit eine wirksamere Alternative zu mehr staatlicher Überwachung.“

Unterwanderung der öffentlichen Jugend(verbands)arbeit durch rechte Strukturen

Anschließend an eine kurze Diskussion der Stellungnahmen wurden Fragen aus dem Publikum aufgegriffen. Mateusz Prawdzik fragte zuerst die Referenten nach bekannten Fällen, in denen neofaschistische Akteure und Akteurinnen bzw. Strukturen versuchen, den Status als Träger der freien Jugendhilfe zu erlangen, um an öffentliche Gelder zu gelangen und auch Jugendarbeit oder andere Sozialarbeit mit einem neofaschistischen Selbstverständnis zu gestalten. Rahner wies insbesondere auf die Intensiv- und Erlebnispädagogik hin, welche oft abgeschirmt von öffentlicher Wahrnehmung stattfindet. Somit wird nicht ersichtbar, wer an wen diese Angebote richtet und welche ideologischen Strukturen innerhalb dieser verbreitet werden können. Auch Tom Bruchholz kritisierte die fehlende Sichtbarkeit, Jugendarbeit sei in manchen Fällen erst auf den zweiten Blick von rassistischen Strukturen unterwandert. Er forderte ein genaueres Hinschauen von Politik und Leitungsstrukturen der Träger. Vor allem die Politik sei in die Verantwortung zu nehmen, da durch politisches Handeln in Form von Abbau der Fördermittel Arbeitsbedingungen verschlechtert werden.

Solidarität in der Jugend(verbands)arbeit

Nina Reip von der Deutschen Sportjugend bemerkte: „Neben dem Aufriss der Problemlage sei es auch spannend zu schauen, was wir machen können. Ich plädiere für eine starke Solidarität und Unterstützung innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit (und darüber hinaus). Ich habe aber den Eindruck, dass dies ein guter Wunsch ist, tatsächlich aber auch viele Organisationen der Zivilgesellschaft sich nicht klar solidarisieren und positionieren können oder wollen. Wie beobachten Sie, die Podiumsgäste, dies und welche Ideen haben Sie hier?

Jan Gutmann wies auf Zusammenhalt und bestehende Kooperationen hin, z. B. des Beethovenkreises oder des Deutschen Bundesjugendrings. Hier seien die Voraussetzungen für Solidarität gut, da Strukturen dieser Verbände aus linken Arbeiterverbänden entstanden sind. Laura Streitbürger stellte eine Diskrepanz zwischen solidarischem Verhalten auf verscheidenen Ebenen fest. Zum einen sei ein großer Unterschied zwischen der Jugendarbeit auf dem Land und in der Stadt festzustellen, zum anderen durch digitale und analoge Angebote. Netzwerkarbeit sei unerlässlich, Jugendliche müssten mitgenommen werden.

Aus dem Publikum wurde in diesem Zusammenhang auf eine sehr beeindruckende Dynamik in Mittelsachsen hingewiesen. Als ein Jugendhaus in die Kritik geriet und Fördermittel seitens der AfD in Frage gestellt wurden, solidarisierte sich das Gemeinwesen: Akteure aus Verwaltung, Schule, Kultur, Jugendhilfe, Wirtschaft und Privatpersonen. Rahner bemerkte, dass gerade im digitalen Raum Shitstorms Solidarität benötigten. Unterstützung müsse oft aktiv eingefordert werden, Fachkräfte dürften sich nicht einschüchtern lassen.

Einfluss von Corona

An Tom Bruchholz wurde die direkte Frage gestellt: Denken Sie, dass das Vakuum nach der Pandemie größer wird, weil Sparmaßnahmen umgesetzt werden, u. a. durch staatliche Einrichtungen? Oder das vielleicht das Vakuum schon größer geworden ist, weil die Coronaleugner/-innen ihre Angebote aufrecht erhalten haben im Gegensatz zum eingeschränkten Angebot der Jugendhilfe? Herr Bruchholz antwortete, dass Corona sichtbar mache, dass Politik sich zu wenig für Kinder und Jugendliche interessiere, vor allem außerhalb der Schule.

Unterstützung von Landesjugendringen

Petra Fliedner fragte, wie die Unterstützung von Landesjugendringen erlebt werde. Sei die Förderung durch das Bundesprogramm Zusammenhalt durch Teilhabe etwas, das ankommt? Streitbürger wies auf Kooperation zwischen den Akteuren auf Landesebene und der Servicestelle für Kinder- und Jugendbeteiligung der Landesarbeitgemeinschaft Jugendsozialarbeit hin. Akteure lassen sich über diese Servicestelle sensibilisieren. Außerdem bemerkte Streitbürger, dass politische Entscheidungsebenen in die Pflicht genommen werden müssten. Eine solche Servicestelle sei auch anderen Ländern zu empfehlen. Haltung komme oft über Kooperationen zustande und sei leichter über diese zu tragen, Offene Kinder und Jugendarbeit müsse mehr gefördert werden.   

Abschlusstatements

Judith Rahner: „Es ist wichtig, die Aufmerksamkeit auf den Themen des Fachforums zu legen! Dies bringt Fachkräfte in eine bessere Position und begünstigt die Zugangsvoraussetzung. Die Grundlegende Haltung der Sozialen Arbeit sollte sein, Vielfalt anzuerkennen und in den Fokus zu stellen."

Laura Streitbürger: „Fachkräfte müssen sich gegenseitig Mut machen! Es ist wichtig, sich Mitstreiter/-innen zu suchen. Kleine Schritte führen zu großem Ziel. Nicht warten, sondern handeln und Vorbild sein.“

Tom Bruchholz: „Zunächst müssen „coole“, bedarfsgerechte Angebote geplant und durchgeführt werden, außerdem sollte gegenüber der Politik eingefordert werden, dass offene Jugendarbeit dauerhaft gefördert werden muss.“

Jan Gutmann: „Erstens darf außerschulische Kinder- und Jugendarbeit nicht hinter der Schulbildung zurückgelassen werden, zweistens müssen Fachkräfte eigene Strukturen auf Barrieren überprüfen, um sie an die Kinder und Jugendlichen anzupassen. Barrieren abbauen, damit alle erreicht werden können!“

von Pia Kamratzki

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