17. DJHT

Fachkongress war Besuchermagnet – Digitalisierung und Internationalisierung wichtige Themen

Eine junge Frau liegt auf einer sonnenbeschienenen Holzbank vor einer Holzscheitwand und arbeitet am Laptop.
Bild: Matthias Zeitler – pixabay.com

Der DJHTdigital war ein Meilenstein auf dem Weg zur Digitalisierung der Kinder- und Jugendhilfe. Für die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB) und seine Partner außerdem ein wichtiges Thema: Wie können mehr Kolleg/-innen in allen Arbeitsfeldern für mehr europäische und internationale Erfahrungen gewonnen werden. Ein Veranstaltungsrückblick.

Es hätte alles ganz anders kommen sollen: Lange hatte die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ, der Veranstalter des Kinder- und Jugendhilfetags (DJHT), an einer analogen Ausrichtung von Messe und Fachkongress festgehalten. Als absehbar wurde, dass das Pandemiegeschehen dies unmöglich machen würde, wurde das Ruder herumgerissen. In Rekordzeit stellten Veranstalter und Teilnehmer/-innen auf den DJHTdigital um – virtuelle Messe, Videostreams für die zentralen Veranstaltungen und Zoom für die Fachveranstaltungen.

Ungewollt reihte sich der 17. Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag in einen Trend ein, der durch die Corona-Pandemie beschleunigt wurde: die Digitalisierung der Kinder- und Jugendhilfe. Mit IJAB, JUGEND für Europa und dem Marktplatz Europa sowie den bilateralen Fach- und Förderstellen war das Arbeitsfeld der Internationalen Jugendarbeit in Messe und Fachkongress stark vertreten. Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe, das von IJAB und AGJ gemeinsam betrieben wird, war zudem erneut Medienpartner des DJHT.

Mehr Teilnehmende bei Online-Formaten

Es liegt in der Natur der Internationalen Jugendarbeit, dass sie – anders als Beispielsweise die Kindertagesbetreuung oder die Jugendsozialarbeit – räumliche Distanzen zu überbrücken hat. Das trifft auf Jugendaustausche ebenso zu, wie auf die Kooperation von Trägern in unterschiedlichen Ländern. Vielleicht liegt es an diesem Umstand, dass sich die Internationale Jugendarbeit in den letzten Monaten schneller für digitale Formate öffnete als andere Arbeitsfelder und warum Träger und Förderer in diesem Bereich zahlreiche Beiträge zur Digitalisierung im Fachkongress anbieten konnten. Die Reichweite dieser Veranstaltungen war durch die Bank gut und ging weit über das eigentliche Arbeitsfeld und die gewohnten Besucherzahlen auf analogen Veranstaltungen hinaus. Damit spiegelte der DJHTdigital zugleich auch eine Chance der Digitalisierung: Virtuelle Veranstaltungen erreichen auch ein Publikum, das sich nicht zu einer Fahrt zum Fachkongress entschieden hätte. Nicht ganz so glücklich waren die Betreiber der virtuellen Messestände: Hier hätten sich viele eine höhere Besucherresonanz gewünscht.

Kinder und Jugendliche keine verlorene Generation

Der 17. Kinder- und Jugendhilfetag startete mit Reden des Veranstalters, der zuständigen Jugendministerin und Repräsentanten der gastgebenden Stadt Essen und ihres Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Kinder- und Jugendliche sind keine verlorene Generation – diesem in der Coronakrise häufig geäußerten Narrativ widersprachen Bundesjugendministerin Franziska Giffey und die AGJ-Vorsitzende Prof. Dr. Karin Böllert, die auch die vielen europäischen Themen und internationalen Gäste benannte, während der Eröffnung ganz ausdrücklich. Im Gegenteil! Es sei ein Verdienst der Kinder- und Jugendhilfe, während der Pandemie nicht auf Tauchstation gegangen zu sein und einen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass die „Generation Corona" stark aus der Krise hervorgehe.

Naturgemäß stand die nationale Jugendpolitik im Zentrum der Eröffnungsveranstaltung. Ministerin Giffey verwies auf die zahlreichen Gesetzesinitiativen der Bundesregierung und ihres Hauses in den vergangenen drei Jahren. Dass dies ihre letzte Rede als Jugendministerin sein würde, konnte im Publikum zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen. Als streitbarer Gesprächspartner erwies sich NRW-Jugendminister Dr. Joachim Stamp, der auf die steigende finanzielle Belastung der Länder hinwies.

Die Zukunft ist digital

Ist die Zukunft der Internationalen Jugendarbeit digital? Die Expert/-innen im Fachforum „Digitale Zukunft?" glaubten, dass hybride und digitale Formate auch über die Corona-Pandemie hinaus Bestand haben werden. Allerdings wissen wir noch wenig darüber, wie die Ziele der Internationalen Jugendarbeit mit neuen Mitteln erreicht werden können. Was sind gelungene Online-Settings? Wie kann eine digitale Methodik entwickelt werden? Welche Qualitätskriterien brauchen wir? Das IJAB-Projekt Internationale Jugendarbeit.digital versucht darüber etwas herauszufinden. IJAB-Kollegin Natali Petala-Weber stellte das Forschungsprojekt Internationale Jugendarbeit.digital im Fachforum vor.

Wie wirkt die Digitalisierung auf die Kinder- und Jugendhilfe und was brauchen Fachkräfte für die digitale Arbeit? In einem Fachforum des Fachkräfteportals der Kinder- und Jugendhilfe wurde diesen Fragen nachgegangen. Haben wir es mit „digitalem Dilettantismus" bei Verbänden und Organisationen zu tun, wie Prof. Dr. Martin Klein von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen es formulierte, oder haben moderne Technologien längst begonnen, die unterschiedlichen Arbeitsfelder zu durchdringen und zu verändern? Sabine Humpf und Jürgen Ertelt vom IJAB-Projekt Jugendverstärker präsentierten die Architektur einer Software, die schon ab Juni erste Erkenntnisse darüber liefern wird, was jungen Menschen wichtig ist – ohne, dass dies bisher Gegenstand von Jugendpolitik ist.

Europa ist schön und vielfältig - und manchmal auch komplex. Jugendpolitik und Jugendarbeit sind in den Mitgliedsstaaten unterschiedlich aufgestellt. Wer wissen möchte, wie freiwilliges Engagement bei unseren Nachbarn unterstützt wird, wie hoch das Wahlalter in den einzelnen Ländern ist oder welche Gesetze junge Menschen schützen und fördern, ist beim Youth Wiki richtig. Das gibt es gleich zweimal: als www.youthwiki.eu und www.youthwiki.de – das eine auf Englisch und das andere auf Deutsch mit zusätzlichen Dossiers. Die IJAB-Kolleginnen Kathrin Klein-Zimmer und Kerstin Wondratschek stellten das Projekt vor.

Die Zukunft ist international

Mehr Internationales und mehr Europa in der Kinder- und Jugendhilfe, das war ein wichtiges Anliegen von IJAB auf dem DJHTdigital. Er ist eine gute Plattform, denn hier kommen Menschen aus allen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe zusammen. Im Workshop „Coaching als Instrument zur Internationalisierung von Trägern der Kinder- & Jugendhilfe (unter COVID 19-Bedingungen)“ wurde beleuchtet, was Internationalisierung für Organisations-, Personal- und Qualitätsentwicklung von Trägern bedeutet. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbarg sich eine höchst lebendige Veranstaltung von IJAB, der Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung und der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Baden-Württemberg, die Einblicke in Internationalisierungsprozesse erlaubte. Ausgangspunkt des Coachings: Das Lesen einer Broschüre zur Internationalisierung reicht nicht. Viele Träger wollen „an die Hand genommen werden".

Europäische und Internationale Jugendarbeit vor Ort – wie kann das gehen? Von ihren Erfahrungen berichtete im Workshop auf dem DJHTdigital Susann Mannel von VILLA Leipzig. Es folgten weitere Praxiseinblicke aus Hamburg und Köln. Spannend waren die positiven Wirkungen für alle Beteiligten. Insbesondere auch auf Jugendliche aus einem eher rechtsgerichteten Umfeld. Vorab hatten IJAB und JUGEND für Europa mit Kommune goes International und EuropaLokal zwei Projekte für eine nachhaltige Verankerung Europäischer und Internationaler Jugendarbeit auf kommunaler Ebene vorgestellt.

Was zeichnet die „Generation global" eigentlich aus, was sind Hürden für den Jugendaustausch und wie ist das mit dem Anliegen zusammenzubringen, mehr Jugendlichen einen internationalen Austausch zu ermöglichen? Dazu wurde im Fachforum auf dem DJHTdigital sehr lebendig und abwechslungsreich diskutiert. Sehr inspirierend waren die Vorträge von Zukunftsforscher Tristan Horx (Zukunftsinstitut Wien) und Heike Abt (Institut für Kooperationsmanagement) sowie die Statements aus der Praxis. Das Lösen vom althergebrachten Blick auf „klassische" Lebensphasen, persönliche Bereiche beraten, Kooperation und Netzwerke stärken, das sind nur einige der Stichworte, die festzuhalten sind. Alle Vortragsfolien und Links sind noch auf einem Padlet zu sehen.

Und schließlich: Internationale Jugendarbeit wirkt! Über 140 Aktive aus der Internationalen Jugendarbeit informierten sich auf dem DJHTdigital über den Stand der Wirkungsforschung. Teilnehmer/-innen an durch Erasmus+ geförderten Programmen erleben eine gesteigerte Wertschätzung kultureller Vielfalt, sagte Andreas Karsten vom europäischen Forschungsverbund Ray. Dr. Jörn Fischer von der Uni Köln diagnostizierte Zuwächse bei Wissen, Kompetenzen und Einstellungen. Das von Prof. Wolfgang Ilg vorgestellte Evaluations-Tool i-EVAL ermöglicht Trägern und Forschung Einblicke in internationale Begegnungen. Am 2. Juni geht eine neue Version online und IJAB ist stolz darauf, hierzu einen Beitrag geleistet zu haben. Andreas Rosellen von Transfer e.V. stellte den neuen Reader zur Wirkungsforschung vor, der bald über den IJAB-Bestellservice verfügbar sein wird.

Der erste digitale Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag schloss nach drei reich gefüllten Tagen mit einem hochrangig besetzten Event: Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutierten Levi Camatta (Fridays for Future Essen), Karolina Deutinger (Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens), Ana-Maria Gheorghe (Landesheimrat Bayern) und Havere Morina (Jugendliche ohne Grenzen). Themen waren Jugendbeteiligung, Politische Bildung, Wahlalter und Wahlrecht, Diskriminierung, Klimawandel und Einwanderungsrecht. Fazit: Junge Menschen wollen gehört werden. Dafür steht auch die Internationale Jugendarbeit.

Quelle: Christian Herrmann für IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. vom 26.05.2021

Dieser Artikel wurde von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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