Andere Aufgaben / Jugendforschung

Jahresbericht 2009 zur Jugendkriminalität und Jugendgefährdung in Baden-Württemberg veröffentlicht

„Die im Jahr 2009 in Baden-Württemberg registrierte Jugendkriminalität ist zum wiederholten Mal rückläufig und hat den niedrigsten Stand seit zehn Jahren." Das sagte Innenminister Heribert Rech heute zum Jahresbericht 2009 zur Jugendkriminalität und Jugendgefährdung des Landeskriminalamts in Stuttgart.

„Diese positive Tendenz darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jugendgewalt und Alkoholmissbrauch auf zu hohem Niveau sind. Dieser Entwicklung werden wir weiterhin konsequent entgegentreten. Alle gesellschaftlichen Kräfte sind gefordert, nicht nur die Polizei", so Heribert Rech. 

Die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren sei im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2008 um 2,8 Prozent von 67.800 auf 65.876 gesunken. Dies sei im Zehnjahresvergleich ein Rückgang um 4,4 Prozent (2000: 68.906). Nach wie vor besorgniserregend sei aber, dass die jungen Täter im Jahr 2009 mit 65.876 begangenen Straftaten für 28,4 Prozent der Gesamtkriminalität im Land verantwortlich gewesen seien.

Die Tatverdächtigenbelastungszahl (Anzahl der Tatverdächtigen bezogen auf 100.000 Einwohner ohne Kinder unter acht Jahren) der unter 21-Jährigen sei mit 4.207 im Vergleich zum Jahr 2008 um 1,9 Prozent, im Zehnjahresvergleich um 5,3 Prozent gesunken. Sie liege bei ausländischen mit 7.896 um fast das Doppelte über der Zahl der deutschen jungen Täter (3.612). Daneben seien männliche Tatverdächtige unter 21 Jahren mehr als zweimal so häufig auffällig geworden wie ihre weiblichen Altersgenossinnen (2.231).

Der Rückgang der Jugendkriminalität spiegle sich auch in der Entwicklung jugendtypischer Delikte wie Diebstahl, Sachbeschädigung, einfache Körperverletzung oder Gewaltkriminalität wider. Dennoch sei gerade bei der Körperverletzung trotz eines Minus von drei Prozent auf 8.519 Tatverdächtige im Vergleich zum Jahr 2008 nach wie vor eine Steigerung von 62,8 Prozent (2000: 5.233) im Zehnjahresvergleich zu verzeichnen. 

Auffallend gestiegen sei die Anzahl der Tatverdächtigen bei den Betrugsdelikten. Besonders das Schwarzfahren (Erschleichen von Leistungen) schlage zu Buche (um 22 Prozent auf 6.697 Tatverdächtige). Dieser Anstieg resultiere aus einem veränderten Anzeigeverhalten der Deutschen Bahn AG. Seit März 2009 erfolge eine Anzeige bei der Polizei bereits nach jedem dritten Antreffen ohne gültigen Fahrschein - bis zu diesem Zeitpunkt erst ab dem zehnten Verstoß. 

Entgegen der Entwicklung im Jahr 2008 gebe es auch eine Zunahme bei den Raubdelikten (um 10,3 Prozent auf 1.269 Tatverdächtige). Der Anstieg dieser Delikte, die meist auf offener Straße begangen würden, gehe einher mit Fällen von Gewalt im öffentlichen Raum. Um solchen von hohem Aggressionspotenzial gekennzeichneten Vorfällen entgegenzuwirken, lege die Polizei in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf die Bekämpfung der Gewalt im öffentlichen Raum. 

Positive Entwicklungen gebe es auch bei der Gewaltkriminalität. Die Anzahl der Verdächtigen unter 21 Jahren sei gegenüber dem Jahr 2008 um 5,2 Prozent auf 8.719 Tatverdächtige gesunken. Im Zehnjahresvergleich sei jedoch immer noch eine Steigerung um 17,6 Prozent (2000: 7.414 Tatverdächtige) festzustellen.

Rech: „Das mangelnde Unrechtsbewusstsein und die gesunkene Hemmschwelle bei Gewaltdelikten signalisieren eine zunehmende Verrohung der Jugend. Dies können und dürfen wir so nicht hinnehmen. Hier sind alle gefordert.“ Vor allem der exzessive Alkoholkonsum und das hohe Aggressionspotenzial seien ein Dauerthema für die Polizei. Im Jahr 2009 sei nahezu jeder dritte Jugendliche (29,9 Prozent) bei der Begehung einer Gewalttat unter Alkohol gestanden. „Alkohol ist unbestritten ein Brandbeschleuniger, der bereits den kleinsten aggressiven Funken zu einem Flächenbrand entfachen kann. Die Polizei ist keine Feuerwehr für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Hier fordere ich ein klares Bekenntnis einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkoholkonsum. Mit dem Finger nur auf die Jugend zu zeigen, ist falsch“, so Rech.

Bei der Entwicklung der Gewaltdelikte an Schulen habe der furchtbare Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden und Wendlingen am 11. März 2009 alles andere überschattet. Die Anzahl der Gewaltdelikte an Schulen im Vergleich zum Vorjahr (2008: 1.618) mit 1.342 registrierten Fällen sei aber stark rückläufig. Innenminister Heribert Rech: „Die in Kooperation mit dem Kultusbereich und daraus resultierende Maßnahmen zur Gewaltprävention zeigen Wirkung. Es müsste in unserer Gesellschaft aber dennoch zur Normalität gehören, dass wir in unserem sozialen Umfeld gegenseitig aufeinander achten, um Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Mein Wunsch ist es, dass Eltern, Lehrer und Mitschüler, aber auch jeder Einzelne, der mit jungen Menschen zu tun hat, für ihre Probleme sensibler wird. Wenn wir dies erreichen, gibt es nur noch Gewinner.“

Sehr wichtig sei auch konsequente Reaktion auf Fehlverhalten. „Jungen Menschen kann man vor allem dann wirksam Grenzen setzen, wenn Sanktionen in direktem Zusammenhang mit dem Verstoß gegen Regeln ergriffen werden. Deshalb muss die staatliche Reaktion der Tat auf dem Fuß folgen“, sagte Rech. Jugendkriminalität sei oft spontan und episodenhaft. Bei ungefähr zehn der auffälligen jungen Täter sei jedoch eine Verfestigung hin zu einer kriminellen Karriere zu befürchten. Dies belegten auch die Zahlen aus dem Jahr 2009, wonach 65,9 Prozent der Delikte von Wiederholungstätern begangen worden seien. Für diese Zielgruppen seien spezielle Programme unter den Begriffen „Jugendliche Intensivtäter“ oder in einem früheren Stadium der „Schwellentäter“ geschaffen worden. Im Jahr 2009 seien 421 Intensivtäter und mit 457 fast ebenso viele Schwellentäter betreut worden. Während bei den Schwellentätern noch große Hoffnung bestehe, ein Abgleiten in die kriminelle Karriere zu verhindern, gebe es bei den jugendlichen Intensivtätern ein gemischtes Ergebnis. So hätten von den im Jahr 2009 aus dem Programm entlassenen Intensivtätern knapp 40 Prozent eine deutliche positive Änderung ihres Verhaltens gezeigt. Allerdings seien auch 17 Prozent aus dem Programm entlassen worden, weil sie längere Haftstrafen hätten antreten müssen.

„Wie wichtig uns die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Lande ist, zeigt sich auch an der Aufmerksamkeit, die wir ihnen entgegenbringen“, bilanziert Rech. Deshalb seien sie Hauptschwerpunkt bei Projekten und Aktivitäten der polizeilichen und kommunalen Kriminalprävention in Baden-Württemberg. Von aktuell 177 laufenden Projekten widmeten sich fast zwei Drittel jungen Menschen. Schwerpunktthema sei hier die Gewaltprävention.

Quelle: Innenministerium Baden-Württemberg

ik

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