Anzeige mit Folgen
Die 64-jährige Ulla Lang hat am 18. Juli bei der Staatsanwaltschaft Köln Anzeige gegen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) erstattet. Begründet wurde die Anzeige mit einer angeblichen "öffentlichen Aufforderung zum sexuellen Missbrauch von Kindern". Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe berichtete darüber. Stein des Anstoßes ist die Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele", die vom Dortmunder Institut für Sexualpädagogik im Auftrag der BzgA erstellt wurde.
Am 26. Juli berichtete das anonym erscheinende rechts-katholische Online-Magazin kreuz.net über die Anzeige, am 31. Juli griff der Kölner Express das Thema auf, Spiegel-Online und Focus folgten.
Der hier wiedergegebene Text ist ein Auszug aus der Stellungnahme des Instituts für Sozialpädagogik zu diesem Vorgan. In der vollständigen Fassung finden sich auch eine Passage über "Die sexuelle Entwicklung von Kindern und ihre pädagogische Begleitung aus fachlicher Sicht" und der Abgleich der Zitate aus dem Broschüren-Original und ihrer Wiedergabe in der Presse.
>> Download der vollständigen Stellungnahme im PDF-Format
Verfahren eingestellt
Spiegel-Online berichtet am 06.08., das Verfahren gegen die BzgA sei eingestellt worden. Es bestehe kein Tatverdacht bei der Kölner Staatsanwaltschaft. Im selben Artikel lässt der Spiegel ausführlich Experten zu den Vorwürfen gegen den Inhalt der Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele" zu Wort kommen. Tenor: Es gibt nichts zu beanstanden.
>> Artikel bei Spiegel-Online
Politisch motivierte Kampagne
Stellungnahme des Instituts für Sexualpädagogik (isp) zu den Angriffen auf die Broschüren „Körper, Liebe, Doktorspiele“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Verschiedene Zeitungen und Onlineausgaben von Magazinen berichten derzeit über Kritik an den beiden Broschüren „Körper, Liebe, Doktorspiele“. Diese werden seit nunmehr sechs Jahren kostenlos von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) herausgegeben. Zielgruppe der Ratgeber für das Alter 1 - 3 und 4 - 6 Jahre sind insbesondere Eltern und andere Erziehungspersonen. Ihnen soll der Umgang mit den verschiedenen Ausdrucksformen kindlicher Sexualität erleichtert werden. Bislang wurden über eine halbe Million Exemplare bestellt. Die von Seiten der BZgA durchgeführte Evaluation sowie die Erfahrungen vieler SexualpädagogInnen und auch gerade von Fachleuten aus dem Bereich des Kinderschutzes bestätigen, wie hilfreich die Broschüren von Eltern wie von ErzieherInnen empfunden werden. Die Autorin Ina-Maria Philipps, Dozentin des isp, ist erfahrene Sexualpädagogin, Paar- und Sexualtherapeutin und seit vielen Jahren mit dem Thema kindliche Sexualität / Sexualerziehung befasst. Gerade in den letzten Jahren wurde sie mehrfach als Referentin auf Kongresse der Kinderschutzzentren eingeladen, um die wissenschaftlichen Grundlagen und pädagogischen Konsequenzen für sinnvolle Prävention zu erläutern.
In den letzten Tagen erleben wir eine politisch motivierte Attacke, die sich gegen diese Broschüren, deren Herausgeber und gegen die Autorin richtet. Dieser Versuch, die Broschüre samt Autorin in die Nähe von Pädophilenfreunden zu stellen und eine Förderung von sexuellem Kindesmissbrauch zu konstruieren, ist eine böswillige Verleumdung, die deren Wirken für einen liebevollen, gewaltfreien Umgang mit Kindern ins Gegenteil verkehren will. Die Zielrichtung der in der Broschüre beschriebenen Sexualerziehung ist in keiner Weise fragwürdig oder zweideutig; der Text muss dazu nicht „gerade gerückt“ werden.
Die Hintergründe der Pressekampagne
Die Kritik an den Broschüren kommt weder von Seiten der vielen Eltern und ErzieherInnen, die diese Texte bislang mit großem Gewinn gelesen haben, noch hatte die Fachwelt etwas zu bemängeln. Ist das angeblich Kritikwürdige bisher einfach niemandem aufgefallen?
Es geht bei dieser Pressekampagne offensichtlich nicht um eine fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern um politische Agitation und mutwillige Beschädigung einer in vielen Jahren gewachsenen sexualpädagogischen Kultur, wozu die Inhalte der Broschüre in entstellender Absicht benutzt werden. Der Bereich kindliche Sexualität und Sexualerziehung, der nach wie vor mit vielen Tabus und Sensibilitäten behaftet ist, wird derzeit von rechtskonservativen, katholisch-fundamentalistischen Kreisen als lohnenswertes Kampffeld entdeckt – bieten doch Texte zu einem derart sensiblen Thema ein gefundenes Fressen für diejenigen, die einen differenzierten Umgang mit Sexualität untergraben wollen.
Diese Strategie einer aufhetzenden Pressekampagne im Sommerloch scheint aufgegangen zu sein und die berichtenden Medien geben vor, auf der Seite der Guten, nämlich der Missbrauchsverhinderer, zu stehen. Die Opfer der Kampagne stehen jetzt schon fest und auch das ist gewollt: Organisationen und engagierte PädagogInnen, die sich für eine sexualfreundliche, körper- und sinnesfrohe Erziehung von Kindern einsetzen, sollen es in Zukunft (noch) schwerer haben, ihren Standpunkt zu vertreten. Die Zukunft der Broschüre und auch die der ähnlich gelagerten Materialien der BZgA könnte gefährdet sein. Bereits jetzt wurde der Download der vergriffenen Broschüre unterbunden – sie steht daher bedauerlicherweise weder interessierten Eltern und PädagogInnen noch den um Recherche bemühten JournalistInnen zur Verfügung.
Ausgangspunkt der Pressekampagne ist eine Veröffentlichung der Publizistin Gabriele Kuby, die sich mit ihrem Buch „Verstaatlichung der Erziehung – auf dem Weg zum neuen Gender-Menschen“ als Bannerträgerin im Kreuzzug gegen die Auswüchse der Moderne präsentiert. Gender-Mainstreaming, Sexualkunde und die Thematisierung von Homosexualität im Unterricht sind für sie eine vom Staat „gewollte moralische Verwahrlosung des Volkes“ und führen geradewegs in den „Totalitarismus“. Die BZgA-Broschüre empfindet Kuby als „staatliche Anleitung zur Sexualisierung von Kleinkindern“ und belegt dies mit mehreren aus dem Textzusammenhang gerissenen Zitaten – und in dieser entstellenden Form werden sie nun unhinterfragt in den Medien weiter kolportiert. Es scheint, dass insbesondere Familienministerin Ursula von der Leyen und die mit ihr verbundene Familienpolitik Zielscheibe der Kampagne sind.
Ein erster großer Presseartikel von Kuby erschien in der „Jungen Freiheit“ vom 29. Juni 2007. Die Wochenzeitung Junge Freiheit wird in Wikipedia beschrieben als „Sprachrohr der ‚neuen Rechten’, das eine Scharnierfunktion zwischen demokratischen Konservatismus und extremer Rechte“ einnimmt. Den Stein ins Rollen brachte jedoch erst der Bericht von Jasper Juckel im Kölner Express vom 31. Juli 2007. Spiegel- und Focus-Online folgten mit Berichten über die gleichen Zitate und zum Teil mit wortgleichen Beurteilungen. Weder die RedakteurInnen noch die befragten ExpertInnen haben sich offensichtlich die Mühe gemacht, die Textpassagen in ihrem originalen Zusammenhang zu lesen. An keiner Stelle wird z.B. bislang diskutiert, welche manipulative Sinnentstellung durch die allseits weitergereichte „Zitatauswahl“ erfolgt.
„Sollen wir unsere Kleinen so erziehen?“ – Der Artikel des Kölner Express vom 31. Juli 2007
Der von Jasper Juckel verfasste Artikel gibt – ohne Quellenhinweise – die Textauszüge aus Kubys Buch wieder und lässt einige ExpertInnen zu Wort kommen. Es wird auf die Strafanzeige einer 64-jährige Kölnerin hingewiesen, die der BZgA „öffentliche Aufforderung zum Missbrauch von Kindern“ vorwirft. Die Broschüre verbreite, so Juckel, „verstörende Sextipps“ für Eltern. Als Interviewpartner fand sich unter anderem Prof. Thomas Schirrmacher, der glaubt, dass das Streicheln des Kitzlers und das Geben von Kosenamen für weibliche Genitalien durch Väter vor jedem Gericht den „Tatbestand des Missbrauchs Minderjähriger“ erfüllten. Die Broschüre wird als „realitätsfremd und gefährlich“ bezeichnet.
Auch Irene Johns vom Kinderschutzbund Schleswig-Holstein bringt als ein konstruiert wirkendes Argument vor: „Pädophile könnten solche amtlichen Anleitungen als Rechtfertigung benutzen.“ Wolfgang Bergmann, Kinderpsychologe und Buchautor, findet, dass es „nicht geht“, dass Eltern die Genitalien ihrer Kinder erkunden „sollen“. Und weiter: „Wenn beim Doktorspiel die ‚Scheide gedehnt’ wird“, sei „bei Kindern das Gefühl etwas zutiefst Verbotenes zu tun, im Spiel.“ Sein Appell: „Erwachsene müssen einschreiten. Die Seelen der Kinder sind gefährdet.“
Die Effekte der Pressekampagne
Welche Absichten auch immer hinter dieser Kampagne stecken mögen – den fundamentalistischen Angreifern ist es mit journalistischer Schützenhilfe nicht nur gelungen, eine Broschüre in Verruf zu bringen, die über Jahre hinweg den uneingeschränkten Zuspruch aller führenden Fachleute erhalten hat, sondern auch, die sexualfreundliche Erziehung von Kindern öffentlich zu diffamieren. Es ist skandalös, dass auf diese Weise der Ruf der für die Inhalte der Broschüre bürgenden Autorin durch verleumderische Behauptungen beschädigt wird – ohne dass mit journalistischer Sorgfalt die faktische sexualpädagogische Intention der Broschüre überhaupt nur ansatzweise diskutiert wird.
Keine Leserin und kein Leser der angesprochenen Zielgruppe würde, trotz vielleicht als provokant oder weitgehend empfundener Aussagen, jemals auf die Idee kommen, mit dieser Broschüre eine „Anleitung für Pädophile“ oder gar eine Aufforderung zum sexuellen Kindesmissbrauch in Händen zu halten. Werden die zitierten Textpassagen in ihrem Zusammenhang gesehen, so wird klar, dass hier Aussagen gezielt verdreht und entstellt wiedergegeben werden. Der Text wendet sich an Eltern, die ernsthaft bemüht sind, ein angemessenes Verhältnis zur sexuellen Entwicklung ihrer Kinder zu finden.
So drängt sich der Eindruck auf, dass wir mit dieser Kampagne ein Wiederaufleben von Sexualfeindlichkeit und engherziger Prüderie erleben. Die Hetze zeichnet das Schreckensszenario einer alles durchdringenden Sexualisierung der Erwachsenenwelt, der die Fiktion einer friedlichen und rein gehaltenen Kinderwelt entgegengesetzt werden soll.
Institut für Sexualpädagogik, August 2007
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